kress-Check "retrotrend": Geschichts-Lehrer in Lederjacke

26.02.2010
 

Magazine wie das neue "retrotrend" ("RT") kramen im kollektiven Gedächtnis der Generation 30+: Die kennt noch die kultigen BASF-Cassetten, deren braunes Band irgendwann der Player gefressen hat. Oder Kodak-Kameras, den Pumuckl, Quelle-Kataloge und Capt'n Kirk. Für sein Klassiker-Heft, das seit Freitag am Kiosk liegt, setzt Chefredakteur und Verleger Jürgen Lossau auf großzügige Optik und liebevolle wie überraschende Geschichten

Magazine wie das neue "retrotrend" ("RT") kramen im kollektiven Gedächtnis der Generation 30+: Die kennt noch die kultigen BASF-Cassetten, deren braunes Band irgendwann der Player gefressen hat. Oder Kodak-Kameras, den Pumuckl, Quelle-Kataloge und Capt'n Kirk. Für sein Klassiker-Heft, das seit Freitag am Kiosk liegt, setzt Chefredakteur und Verleger Jürgen Lossau auf großzügige Optik und liebevolle wie überraschende Geschichten - die auch einen Leser Ende 20 nostalgisch lächeln lassen.

Lossau hat "retrotrend" gemeinsam mit Timo Landsiedel aus der Taufe gehoben. Lossaus Vergangenheit als TV-Macher macht sich im Heft bemerkbar: "retrotrend" verlässt sich auf viel Optik, über die sich Vergangenes am besten reanimieren lässt. Bildstrecken mit Fotos, die beim Leser den "Ach-ja"-Effekt auslösen, sind kombiniert mit lässig formulierten Texten - deren Länge trotzdem noch genug Tiefe zulässt.

Kuriose Kurzbeiträge, Infohäppchen und Ausstellungstermine stehen in Nachbarschaft zu längeren Stücken. Oft funktionieren die über bekannte Marken, Musik, Filme, TV oder Kochen - Themen, die das gemeinsame Gedächtnis reizen.

Lossau findet aber auch Ansätze, die weniger direkt auf der Hand liegen: Etwa eine ausladende Story zum populären roten Doppeldecker-Bus ("Routemaster"), wie er heute immer seltener auf Londons Straßen kreuzt, eine Geschichte über weibliche Schrauber beim US-Militär während des 2. Weltkriegs oder eine herzige Reportage über die Privat-Lok von Melf Boysen, der seit Jahr und Tag die Halligen mit Lebenswichtigem versorgt.

Die große Prominenz lässt Lossau zumindest im Erstling kaum zu Wort kommen. Vielmehr teilen Normalos oder heimliche Stars wie der Virginia-Jetzt-Bassist Mathias Hielscher oder "???"-Sprecher Oliver Rohrbeck ihre Erinnerungen.

"RT" soll künftig sechsmal pro Jahr an den Kiosk kommen, die Auflage ist mit 47.000 Stück zunächst vorsichtig bemessen. Mit 6 Euro Heftpreis liegt der Titel im Mittelfeld der Lifestyle-Titel. Für das Design hatte Lossau, der "RT" im eigenen Verlag befife herausgibt, über 40 Grafik-Designer und -Büros antreten lassen. Letztlich kam das Grafikteam vonSüden aus Berlin zum Zug: Thies Uthmöller, Michael Luther und Lutz Rüter kümmern sich um Print- und Web-Optik ("www.-rt-magazin.de").

Lossau springt mit seinem hochwertig aufgemachten Heft auf den Kult- und Retro-Zug auf, mit dem u.a. Olli Geissen bei RTL ("80er-Show") seit einigen Jahren zu Quotenerfolgen rattert. Allerdings lässt das Heft mehr Raum für Nostalgie, die im TV bisweilen von der Hatz durch die Ex-Hitparaden oder den schablonenhaften Einwürfen der immergleichen Couch-Sitzer erstickt wird.

"RT" ruft die gemeinsame Vergangenheit wieder auf, nicht lehr- sondern kumpelhaft - ein wenig wie ein Geschichtslehrer in Lederjacke statt im Tweed-Jacket. Und dem hat man doch am liebsten zugehört.

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