VDZ-Mitglieder sind uneins in Grosso-Fragen: Bauer rückt von "Gemeinsamer Erklärung" ab

 

Zwischen Mitgliedern des Verbandes der Deutschen Zeitschriftenverleger (VDZ) besteht ein schwerwiegender Dissens über die Zukunft des Grosso-Vertriebssystems: Nach kress-Infos ist die Bauer Media Group am vergangenen Donnerstag bei einer VDZ-Vorstandssitzung in München von der "Gemeinsamen Erklärung" abgerückt, in der die Verlegerverbände VDZ und BDZV sowie der Bundesverband Presse-Grosso im Jahr 2004 Leitlinien für das Zusammenwirken von Verlagen und Grosso festgelegt haben.

Zwischen Mitgliedern des Verbandes der Deutschen Zeitschriftenverleger (VDZ) besteht ein schwerwiegender Dissens über die Zukunft des Grosso-Vertriebssystems: Nach kress-Infos ist die Bauer Media Group am vergangenen Donnerstag bei einer VDZ-Vorstandssitzung in München von der "Gemeinsamen Erklärung" abgerückt, in der die Verlegerverbände VDZ und BDZV sowie der Bundesverband Presse-Grosso im Jahr 2004 Leitlinien für das Zusammenwirken von Verlagen und Grosso festgelegt haben.

"Schwebendes Verfahren"

Andreas Schoo, Geschäftsleiter des Vertriebsmarktführers Bauer, erklärte bei der Vorstandssitzung dem Vernehmen nach sinngemäß, sein Haus könne momentan wegen ungeklärter Rechtsstreitigkeiten der Erklärung nicht in vollem Umfang zustimmen. Andere Häuser werten das als Distanzierung von der bisherigen Geschäftsgrundlage zwischen Verlagen und Grosso und sind hoch alarmiert. Die VDZ-Führung sucht aber hinter den Kulissen nach einer Möglichkeit, Bauer doch noch einzubinden. Auf Anfrage von kress will Bauer zur "Gemeinsamen Erklärung" keine Stellung nehmen, "da wir uns in einem schwebenden Verfahren befinden". Außerdem kommentiere man keine VDZ-Sitzungen. "Wir stehen hinter dem Grosso-System, es geht uns lediglich um eine Optimierung, um das System langfristig zu erhalten", so das Unternehmen weiter in seiner Stellungnahme.


Bauer will mehr

Die "Gemeinsame Erklärung", 2004 zustande gekommen durch den Druck der Politik, enthält ein Bekenntnis zum "bewährten Grosso-Vertriebssystem", als dessen "Essentials" Dispositionsrecht, Remissionsrecht, Preisbindung, Verwendungsbindung und Neutralitätsverpflichtung auf Grosso-Ebene genannt werden. Zum Thema Kündigung von Grossisten durch Verlage enthält die Erklärung folgenden Passus: "Verlage sind grundsätzlich in der Wahl ihrer Vertriebswege frei. Es besteht auch Einigkeit, dass Verlage die Möglichkeit haben müssen, bei zu begründenden nachhaltigen Leistungsmängeln und anderen sachlich gerechtfertigten Gründen die Geschäftsbeziehung zu dem jeweiligen Grossisten mit Fristsetzung kündigen zu können." Der Bauer Media Group reicht diese Formulierung offenbar nicht mehr aus.

Anfang 2009 hat Bauer sich bereits von zwei Grossisten ohne detaillierte Begründung getrennt – darauf bezieht sich Schoos Wort von den offenen Rechtsstreitigkeiten: Die Bauer Vertriebs KG kündigte Anfang 2009 der Hans-Ulrich Grade KG, Elmshorn, und der Hinrich Mügge KG, Stade, den Lieferauftrag für ihre Titel und beauftragte die Bauer-Tochter Pressevertrieb Nord (PVN), Hamburg, damit. Beide Grossisten klagten, waren in erster Instanz erfolgreich, scheiterten aber in zweiter Instanz vor den Oberlandesgerichten Schleswig bzw. Celle. Die OLGs kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass der Verlag die Unternehmen Grade bzw. Mügge durch die Kündigungen keineswegs gegenüber anderen Grosso-Firmen unzulässig behindert oder diskriminiert habe. Sowohl Grade als auch Mügge haben gegen diese Urteile Revision vor dem Bundesgerichtshof (BGH) eingelegt.

In den beiden Rechtsstreitigkeiten haben sich die Formeln der "Gemeinsamen Erklärung" von 2004 als wirkungslos erwiesen: So kamen die Gerichte zu dem Ergebnis, dass sich aus ihr keine einklagbaren Verpflichtungen ergäben. Derzeit finden indes – erneut unter dem Druck der Politik – Gespräche zwischen den Verbänden über die Zukunft des Vertriebssystems und die Weiterentwicklung der Erklärung statt, und die Politik erwartet wieder ein gemeinsames Bekenntnis zu den Grundprinzipien des Grosso-Vertriebssystems. BDZV und VDZ einerseits und Grosso-Verband andererseits sind aufgefordert, ihre Vorstellungen in Eckpunkten zu formulieren. Die Grossisten drängen dabei u.a. auf Regelungen, die Kündigungen von Grossisten wie die in Norddeutschland in Zukunft wirksam verhindern.

Belastungsprobe für VDZ

Der Dissens zwischen Bauer und den übrigen Verlagen kommt dem VDZ in dieser Situation äußerst ungelegen und bedeutet für die Verbandssolidarität eine schwerwiegende Belastungsprobe. Wenn Grosso und Verlage daran scheitern sollten, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, könnte das in letzter Instanz sogar eine staatliche Intervention provozieren.

Das Verhältnis der Verlage in Vertriebs- und Grosso-Fragen wird derzeit durch weitere Streitpunkte belastet: So haben sich einige Häuser gegen die Einführung eines "Top 100 Titel"-Siegels durch Bauer (kress.de vom 4. März 2010) ausgesprochen. Bauer druckt dieses Logo seit vergangener Woche auf die Cover der 25 eigenen Titel, die zur Gruppe der 100 umsatzstärksten Zeitschriften in Deutschland gehören, damit sie im Handel besser platziert und von den Lesern besser gefunden werden. Der Moderne Zeitschriften-Vertrieb (MZV), an dem Burda und WAZ-Gruppe beteiligt sind, kritisiert die Initiative von Bauer in einem Brief an den Grosso-Verband. Sie widerspreche dem Neutralitätsgebot und Gleichbehandlungsgesetz von Presse und gefährde das Pressevertriebssystem, so der Tenor.

PVN-Rückzug gegen Geld?

Die Stimmung angeheizt hat auch ein Bericht in "textintern", wonach ein Rückzug des Bauer-Grossisten PVN aus den Vertriebsgebieten von Grade und Mügge gegen eine Geldzahlung im Gespräch war. Bauer bestreitet diese Darstellung und geht juristisch gegen "textintern" vor, doch Andreas Schoo musste sich bei der VDZ-Vorstandssitzung am vergangenen Donnerstag auch dazu unangenehme Fragen gefallen lassen. Mittlerweile hat sich auch der Bundesverband Presse-Grosso in dieser Angelegenheit geäußert: Ihm lägen Informationen vor, wonach die Bauer Vertriebs KG "mindestens in einem Fall die Rückgabe des seit März 2009 laufenden Eigenvertriebs in Elmshorn und Stade an selbstständige Presse-Grossisten von der Zahlung einer sechsstelligen Summe an die Konzerntochter Presse Vertrieb Nord (PVN) abhängig gemacht hat", schreibt der Verband am Dienstag in einer Pressemitteilung (kress.de vom 9. März 2010).

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