"Der Sport-Tag" im kress-Check: Riskante WM-Wette

15.03.2010
 

Deutschland, 14. Juni 2010. Der Tag nach dem ersten WM-Spiel von Ballack & Co. gegen Australien. In einer U-Bahn schaut sich einer auf seinem iPad nochmal die Highlights der überraschenden Auftaktniederlage an. Ein anderer rechnet via iPhone auf seiner Facebook-Seite mit dem Auftritt der Deutschen ab. Ihm gegenüber blättert jemand zähneknirschend in der "Bild". Wieder ein anderer hält eine Mini-Zeitung mit dem Titel "Der Sport-Tag" in den Händen.

Deutschland, 14. Juni 2010. Der Tag nach dem ersten WM-Spiel von Ballack & Co. gegen Australien. In einer U-Bahn schaut sich einer auf seinem iPad nochmal die Highlights der überraschenden Auftaktniederlage an. Ein anderer rechnet via iPhone auf seiner Facebook-Seite mit dem Auftritt der Deutschen ab. Ihm gegenüber blättert jemand zähneknirschend in der "Bild". Wieder ein anderer hält eine Mini-Zeitung mit dem Titel "Der Sport-Tag" in den Händen. Eine Zukunftsversion, die dem Berliner Verleger Michael Hahn gefallen dürfte. 

Seit Montag, dem 15. März, kriegen Sportinteressierte in Berlin die Sport-Tageszeitung "Der Sport-Tag" am Kiosk (kress.de vom 14. März 2010). In den kommenden Tagen sollen auch Frankfurter, Münchner und Hamburger einen Blick in das Tabloid-Blatt werfen können, das Fußball-besessene Ruhrgebiet steht ebenfalls ganz oben auf der Liste. Bis Mitte April will Blattmacher Hahn, der schon die Programmies "NurTV und "TV Sudoku" gründete, mit "Der Sport-Tag" sogar 90% der Bevölkerung erreichen.

Eine Sport-Tageszeitung in Deutschland? Gab's das schonmal? Nicht so richtig. Die Axel Springer AG lotete im zweiten Halbjahr 2006 in einem "erweiterten Markttest" das Potenzial einer werktäglichen Sportzeitung in Berlin und Brandenburg aus (kress.de vom 7. August 2006). Doch selbst das Sommermärchen mit den Poldis, Schweinis und Klinsis brachte für die "Sport BZ" kein Happy End. Der Abpfiff folgte noch vor Weihnachten (kress.de vom 18. Dezember 2006).

Diesen mächtigen Rückenwind der WM 2006 hat Verleger Hahn bei seiner Sport-Tageszeitung nicht. Dafür "fünf sportlich stark interessierte Gesellschafter", darunter der Berliner Immobilienunternehmer Patrick Juhncke. Eine siebenstellige Summe sollen die Geldgeber bereitgestellt haben.

Immerhin ist "Der Sport-Tag" am Kiosk erschienen. Dies haben Hahn & Co. dem Sportjournalisten und Geschäftsführer der Berliner Eurostream GmbH, Dirk Makritzki, voraus. Der hatte im Januar 2006 vollmundig eine tägliche Sportzeitung namens "Sportecho" angekündigt (kress.de vom 11. Juni 2005). Unter diesem Namen war in der DDR einst ein Sportblatt herausgekommen. Das neue "Sportecho" sollte - Achtung Paralle zu "Der Sport-Tag" - 50 Cent kosten und zunächst in einer Auflage von 150.000 Exemplaren erscheinen. Zur Fußball-WM sollte diese gar auf satte 500.000 anschwillen. Makritzki schwebte eine 50-köpfige (!) Redaktion vor, Finanzier sollte ein Venture-Capital-Geber aus der Sportwetten-Szene sein. Alles heiße Luft - am Kiosk wart das neue "Sportecho" niemals gesehen.

50 Redakteure will sich "Der Sport-Tag"-Verleger  Hahn nicht leisten: 12 festangestellte Redakteure, sowie 20 freien Journalisten müssen erstmal reichen. Aber eine tägliche verkaufte Auflage von 500.000 Stück zur WM in Südafrika - die kann sich Hahn tatsächlich ernsthaft vorstellen. Bereits übernächste Woche soll das Projekt Geld einspielen, bis zur WM müsse es profitabel sein. Vor allem mit dem Verkauf am Kiosk, weniger mit Anzeigenerlösen, soll der Umsatz angekurbelt werden. Neue Drucktechniken sollen die Kosten schmal halten - Techniken, die es vor acht Jahren noch nicht gab, als Hahn den Traum einer täglichen Sportzeitung zu träumen begann. Eine Zeit, in der von iPads, iPhones und Apps noch lange keine Rede war, mit denen sich Hahn bei seinem Print-Abenteuer aber nun konfrontiert sieht.

Was hat Hahn den digitalen "Sport-Tag"-Kameraden entgegenzusetzen? Seine Zeitung könnte preisbewusste Fußball-Fans anlocken. Diese könnten bei eisigen Temperaturen das Blättchen sogar mit ins Stadion nehmen und nebenbei als Sitzwärmer benutzen. Das geht aber mit Boulevardzeitungen auch, von denen sich der "Sport-Tag" allerdings deutlich abhebt.

Die Premieren-Ausgabe, 24-Seiten stark, liegt inhaltlich näher beim "kicker" als bei "Sport Bild" oder dem Sport-Teil der "Bild". "Werder verschärft Hoffenheimer Krise", "Kaiserslautern marschiert" oder "Leverkusen meldet sich zurück" lauten die konventionellen Überschriften. Die drei Profiligen in Deutschland werden auf 10 Seiten abgehandelt - mit Spielberichten aus Agenturen-Feder, Tabellen und Analysen. Letztere ("Franck Ribery - Die teure Diva") steuert in Ausgabe 1 Rainer Kalb bei, Fußballinteressierte kennen ihn. Kalb war beim "kicker", hat für den SID gearbeitet und schreibt immer noch für die "tz". Auf dem Titel hat "Der Sport-Tag" am Montag Formel 1 und die Sonntagsspiele der 2. Liga (siehe Bildergalerie).

Dem meist diskutierten Thema des Wochenendes - dem Platzsturm von wutschnaubenden Hertha-"Fans" - widmet die Mini-Zeitung nur eine halbe Seite, in Nachbarschaft von Artikeln wie "Manchester City bietet 35 Mio für Buffon", "Beckenbauer: ,Magath Deutscher Trainer schlechthin´" und "Bundesliga-Sprüchen". Wenn man es gut mit dem "Sport-Tag" meint, kann man argumentieren, dass die Stadion-Krawalle am Samstag passiert sind und folglich in der Sonntags-Ausgabe von "Der Sport-Tag" einen prominenteren Platz bekommen hätten. Und wohl mehr als eine halbe Seite Raum - sonntags sollen nämlich immer 48 Seiten gedruckt werden, dafür kostet das Blatt dann auch 1 Euro.  

Vielleicht war es von den Machern von "Der Sport-Tag" nicht ganz glücklich die italienische "La Gazzetta dello Sport" gleich als Vorbild zu nehmen, diesen Klassiker, die vielleicht beste Sportzeitung der Welt, in der weder die kleinste taktische Raffinesse noch das wohlgehütetste Transfer-Geheimnis der Redaktion entgeht. Aber vielleicht schaffen Hahn und seine Finanziers ja das Wunder von Berlin. Vielleicht halten sie bis zur WM durch. Und vielleicht sitzt dann wirklich einer in der U-Bahn und liest "Der Sport-Tag" und Jogi Löw verabschiedet sich trotz der Auftaktentpleite gegen Australien als WM-Sieger vom DFB. Im Fußball ist bekanntlich vieles möglich, oder?

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Ihre Kommentare
Kopf

Wendelin Gabrysch

18.03.2010
!

Ihr Blatt "Sport-Tag" können Sie wirklich in die Tonne treten. Das wird nichts....

Das Blatt ist sehr schlecht gemacht: Schauen Sie sich doch mal das katastrophale Layout an, die Foto-Auswahl. Da wird ja einem schlecht. Schülerzeitungen sind da wesentlich besser.
Beispiele:

- Titelbild von heute: Wir sehen ganz groß einen Mann mit Kopfhörern mit dem Rücken zum Betrachter, daneben ein grinsender Schumi. Früher wurden schon mal Chefredakteure wegen solcher Fehler fristlos gefeuert.
- Seite 2: Die Zeile "Der große Preis von Bahrain" ist zum Gähnen, vor allem zwei Tage danach. Der Pressespiegel darunter ist einfach nur billige Abschreibe...
- Seite 5: Hier müsste was über Hertha stehen, Ihrem bisher einzigen Verbreitungsgebiet. Stattdessen wird über Ballack in London berichtet.
- Seite 6: Die Überschrift "Das Duell der beiden Außenseiter" klingt wie "weißer Schimmel". Das Wort "beide" braucht man in diesem Satz nicht...
- Seite 7: Ich frage mich, wer dieses Blatt redigiert? Den Begriff "Clubberer" in der Überschrift versteht doch niemand.

Das sind nur kleine Beispiele. Von den grottigen Texten unter Schülerzeitungs-Niveau will ich erst gar nicht reden. Und auch nicht zum Inhalt, der im Internet kostenlos zu haben ist. Sie haben ja gar keine Exklusiv-Story!!!

Und erst der Vertrieb!!!! Die Verkäuferin am vierten Kiosk fand den Sport-Tag endlich. Sie musste sich sehr tief bücken. Ich glaub, mehr muss ich nicht sagen. An Ihrer Stelle würde ich so ein Blatt sofort einstellen. Es wird nämlich zu einem Kostengrab...


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