Mach mir den Zappelmann

Ein Ruck geht durch deutsche Wohnzimmer: Ausgerechnet der Apple-Antipode Microsoft könnte für den nächsten großen Sinnlichkeitsschub in der Computer- und TV-Handhabung sorgen. Im Praxistest fühlt sich die kabelfreie Körpersteuerung der Xbox 360, die derzeit unter dem Codename "Project Natal" vorgestellt wird, recht überzeugend an. Sendern und Inhalteanbietern könnte sie fantastische neue Möglichkeiten eröffnen. 

Selten lagen die Behaglichkeit der Münchner Altbauidylle 1.0 und die Elektronikzukunft 3.0 so nahe beieinander wie bei der von Edelman PR orchestrierten Produktpräsentation der neuen "Project Natal"-Technik. Mit dieser will Microsoft spätestens im Weihnachtsgeschäft für Wirbel auf dem Heimelektronik-Markt sorgen. In einer schmucken, leerstehenden Jugenstil-Wohnetage am Prinzregentenplatz brachte in exklusiv abgeschirmten Eichenparkett-Lounges das Schmetterball-Spiel "Ricochet" die Testathleten zum Schwitzen.

Die Besonderheit bei "Project Natal": Ein Sensor, der in der Testvariante zwei Spieler im Raum klar erkennen und zuordnen konnte, in der Theorie ganze Mannschaftsunternehmungen erlauben soll, erfasst jede Bewegung des Spielers, ohne das umständlich Joy-Sticks oder ergonomische Wii-Kontrollelemente berührt werden müssen. Durch einfaches Herumhampeln lassen sich Flugbälle schlagen, kicken und fies anschneiden - ohne störende Verzögerung. Außerdem kann das aufgemotzte Empfangsgerät die Stimmen mehrer Spieler im Raum unterschieden und Sprachbefehle umsetzen - ein klares Plus etwa bei einer künftigen Fernsehsteuerung über die Xbox.

Was das "Natal"-Erlebnis aber noch berückender machte, waren an sich simple Bedienvorgänge: Mit einem Handgriff lassen sich große "Schieber", "Knöpfe" und "Schalter" auf dem Fernsehbildschirm aus der Distanz bewegen, so wie das Tom Cruise das im Sci-Fi-Hit "Minority Report" tat. Laut Microsoft sollen sich so - praktisch vom Sofa aus - in Zukunft auch viele Nicht-Spiele-Anwendungen, etwa Foto-Galerien oder Facebook-Seiten, steuern lassen. Eine Technologie, die tatsächlich überzeugt und mit der iPhone-/iPad-Sensorik-Revolution gleichzusetzen ist.

Was die genauen Vermarktungspläne der körpergesteuerten Xbox angeht, hält sich Microsoft noch sehr bedeckt - auch mit Preisen. "Wir wissen schon, dass wir uns auch weiterhin im Bereich Home-Entertainment bewegen", ließ sich ein Pressesprecher entlocken.

Hintergrund: Nintendo hatte die Konkurrenz mit der Bewegungssteuerung von Games auf dem falschen Fuß erwischt und spielt seit dem in einer eigenen Absatz-Liga. "Project Natal" scheint dem Nintendo-Konzept aber haushoch überlegen. Der dritte Spieler im Bunde, Sony, will mit "PlayStation Move" ebenfalls den Abstand auf Marktführer Nintendo verkleinern (kress.de vom 11. März 2010). Analysten befürchten, wenn Nintendo nicht ebenfalls eine Erweiterung seiner Wii ankündigt, könnten die Absätze massiv einbrechen (kress.de vom 11. Mai 2010).

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