Die "Welt Kompakt Scroll Edition" im kress-Check: Eine Idee von gestern

 

Das Positive vorweg - die Blogger-Ausgabe der "Welt Kompakt" wirft zwei wichtige Fragen auf. Erstens: Wie wichtig sind Nachrichten für eine gedruckte Zeitung? Zweitens: Wie können Ressortstrukturen in Zukunft aussehen, wenn sie nicht nach dem Schema F (Politik - Wirtschaft - Kultur - Sport) aufgebaut sind? 

Das Positive vorweg - die Blogger-Ausgabe der "Welt Kompakt" wirft zwei wichtige Fragen auf. Erstens: Wie wichtig sind Nachrichten für eine gedruckte Zeitung? Zweitens: Wie können Ressortstrukturen in Zukunft aussehen, wenn sie nicht nach dem Schema F (Politik - Wirtschaft - Kultur - Sport) aufgebaut sind? 

Die "Scroll Edition" sagt dazu: Nein, Nachrichten sind eigentlich nicht so wichtig. Wir kennen sie schon aus dem Netz, aus dem Fernsehen oder dem Radio. Darum gibt es nur eine Randspalte für "Blogger-News". Über die Relevanz der Auswahl lässt sich streiten, der Ansatz ist gut.

Die Macher der "Scroll Edition" haben auch gesagt: Eine Ressortstruktur der alten Machart ist überholt. Wir lesen uns von oben bis unten durch, wir haben zwar eine vage Einordnung von Politik, Kultur oder Wirtschaft, aber wir nummerieren die Texte einfach durch. Dieser Ansatz erweist sich als schlecht, da Leser einer Zeitung nach Ordnung suchen.

Das klingt nach Holzmedien, nach Hierarchie, ist nicht web-affin und/oder langweilig? Mag sein. Medien ohne Orientierungssystem (und eine schlichte Nummerierung ist unzureichend) sind aber reine Freizeit- und Mußemedien. Eine Zeitung muss dem Leser die Möglichkeit bieten, sich schnell durch den Inhalt zu arbeiten. An einem neuen Ressortkonzept muss die Branche also noch arbeiten. Der Versuch der "Scroll Edition" ist zumindest ein durchaus mutiger, wenn auch einfallsloser Ansatz.

Was die Ausgabe allerdings zu einer Idee von gestern macht, ist das generelle Prinzip, Bloggern und Twitterern für einen Tag die Zeitung zu übergeben. "Hilfe, wir drucken das Internet" lautet die Schlagzeile der Ausgabe auf dem Titelbild. Das ist, neben einem gefühlten Schülerzeitungs-Duktus, 90er Jahre pur.

Die Idee, gedruckte Medien müssten sich dem Internet anpassen, ist so alt und falsch, dass sie heute vielleicht schon wieder revolutionär erscheint. Ist sie aber nicht. Das Internet lässt sich nicht drucken, genauso wenig wie die gedruckte Zeitung etwas im Netz zu suchen hat. Beide Kanäle haben ihre Vorzüge und Nachteile. Es gilt, die Vorzüge zu nutzen und nicht die Nachteile. Das aber macht die "Scroll Edition". Was aber nicht heißt, dass beide Welten nicht zusammen arbeiten müssen.

"Lichtjahre" voneinander entfernt seien Journalisten von gedruckten Zeitungen und Blogger, heißt es im Einführungstext. Da ließe sich doch mal fragen: Haben wir nicht lange genug daran gearbeitet, dass sich diese Welten annähern? Müsste es also im Jahr 2010 nicht selbstverständlich sein, dass Print- und Onlineschreiber kooperieren? Warum tut man so, als ob lustige Außerirdische auf der Erde gelandet sind, um auch mal Blatt zu machen? Es wäre darum viel besser gewesen, hätte Springer nicht gesagt: "Bitteschön, liebe Blogger, macht mal", sondern: "Setzt euch doch mal mit uns zusammen. Wir bringen das hier mit, was könnt ihr beitragen? Und was machen wir dann draus?" Das geht natürlich nicht, weil dazu allen Beteiligten die Zeit fehlt. Und so bleibt die "Scroll Edition" mehr oder weniger eine PR-Nummer.

Zum Inhalt nur so viel: An den Überschriften und Einstiegen hätte ein Textchef noch mal arbeiten können. So bleibt vieles "authentisch", aber stilistisch unausgereift. Zur Vorstellung der Blogger hätte eine Angabe gehört, welchen Tätigkeiten sie nachgehen. Die Frage "PC oder Mac" ist letztlich belanglos, da es um Journalismus geht, dem es wurscht ist, auf welchem Computer er produziert wird.

Zuletzt: Zu viele Themen beschäftigen sich mit dem Internet. Warum immer diese ewige Selbstbespiegelung? Warum nicht einfach mal zeigen, dass man Themen aufgreifen kann, die traditionelle Medien eben nicht mehr behandeln? Einige Texte in der "Scroll Edition" tun das, trotzdem wäre eine Regel schön gewesen, nämlich: Alles, außer Internet.

Ihre Kommentare
Kopf

Joerg

01.07.2010
!

Was ist da eigentlich passiert? Hat die Welt keine Endkontrolle mehr? Geile Aktion! http://ow.ly/i/2m9x


Herr Kaliban

01.07.2010
!

Anmerkung am Rande: Die WELT spricht von "Menschen, die im Internet publizieren", lädt aber C. Witte und T. Cole dazu, die zwar respektable (Print-)Publizisten, aber doch nun wirklich als Blogger komplett bedeutungslos sind.


Tim Cole

01.07.2010
!

>sondern: "Setzt euch doch mal mit uns zusammen. Was könnt ihr beitragen?..."

Glaubt Ihr im Ernst, die "Welt" hätte uns Bloggern wirklich ihr wertvollstes Stück einfach so "in die Hand gegeben"? Das war der PR-Text. Tatsächlich saßen Redakteure und Blogger nebeneinander, und im Ernstfall wurde nicht basisdemokratisch, sondern per Chefredakteurs-Fiat entschieden. Und trotzdem ist stellenweise was durchaus Neues herausgekommen, das sich IMHO sehen lassen kann.


Clemens Gleich

Clemens Gleich

Freier Autor

01.07.2010
!

Zwei dieser Kritikpunkte habe ich Springer-Kollegen selbst auch vorher gesagt. Erstens wirkt die ständige Profilierung der Welt kompakt, ihre Reibung am Internet (siehe hierzu auch die Kinowerbung) seltsam, weil die Koexistenz von Web und Print selbstverständlich geworden ist. Und zweitens ist diese ständige Metadiskussion über Medien, die Blogger ja gern führen, nur für andere Medienleute interessant. Für Leser ist es Gas geben im Leerlauf. Schöner wären Expertenweblogger gewesen. Aber gute PR.


Christian Meier

Christian Meier

WeltN24 GmbH
Redakteur für Medienthemen

02.07.2010
!

@Tim Cole - Es ist schon klar, dass es eine Zusammenarbeit zwischen Print-Journalisten und Bloggern gab. Doch um etwas wirklich Neues entstehen zu lassen, darf man m.E. nicht einfach das "Internet drucken". Aber das ist ja eigentlich auch schon längst Common Sense. Eine echte Innovation lässt sich an einem Tag nicht entwickeln. Seriös müsste solch ein Projekt sehr viel länger vorbereitet und besprochen werden. Aber was ist denn das Neue, das Ihrer Meinung nach in dieser Ausgabe entstanden ist?


Tim Cole

05.07.2010
!

@Christian Meier - Am Morgen danach waren wir, die mitgemacht haben, alle ziemlich euphorisch. Doch dann setzte die Verrisswelle ein, interner Streit, und dann schlug Frank Schmiechen dem Faß die Krone ins Gesicht mit seinem Abschlußkommentar: "Heute erscheint die WELT KOMPAKT wieder in bewährter Form. Die meisten von Ihnen werden erleichtert sein. Wir sind es auch". Ich würde heute nicht mehr sagen, dass etwas wirklich Neues rauskam - außer neuen Einsichten und Perspektiven der Beteiligten.


Christian Meier

Christian Meier

WeltN24 GmbH
Redakteur für Medienthemen

05.07.2010
!

@Tim Cole - Wäre schade, wenn das Experiment zu einer weiteren Entfremdung von Print und Online führen würde. Ernüchterung ist per se nichts Schlechtes, wenn man was aus ihr lernen kann und weiterdenkt bzw. -macht. Wenn es aber hinterher bei allen heißt "Lieber nie wieder", dann wäre das ein Rückschritt. Auch Springer sollte sich angesichts des Rufes, den man sich als Digital-Versteher aufbauen will, zu solchen Erleichterungs-Statements eigentlich nicht hinreißen lassen.


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