Gastbeitrag von Stephan Weichert: "Dem Journalismus geht es an den Kragen"

27.07.2010
 
 

Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert sagt, dass es dem Journalismus "sprichwörtlich an den Kragen" geht. Auf einer Tagung der Akademie für politische Bildung in Tutzing sagte Weichert: "Der Journalismus verliert das strukturelle und personelle Rückgrat, mit dessen Hilfe er zum unabhängigen Kontrolleur staatlicher Macht und zur gesellschaftlichen Kontrollinstanz der Moderne aufsteigen konnte."

Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert sagt, dass es dem Journalismus "sprichwörtlich an den Kragen" geht. Auf einer Tagung der Akademie für politische Bildung in Tutzing sagte Weichert: "Der Journalismus verliert das strukturelle und personelle Rückgrat, mit dessen Hilfe er zum unabhängigen Kontrolleur staatlicher Macht und zur gesellschaftlichen Kontrollinstanz der Moderne aufsteigen konnte."

kress dokumentiert die komplette Rede vom 17. Juli:

"Ist das Internet gut oder schlecht für den Journalismus?" – Diese Gretchenfrage treibt schon länger etliche Medienschaffenden um, doch so ganz direkt gestellt und beantwortet wird sie eher selten. In einer aktuellen Online-Umfrage der Zeitschrift "Tendenz", die von der Bayerischen Landesmedienanstalt herausgegeben wird, stehen genau auf diese Frage einige Chefredakteure, Redaktionsleiter und Blogger Rede und Antwort. "Das Internet macht gute Journalisten besser und schlechte Journalisten schlechter", tönt zum Beispiel RTL-Chef Peter Kloeppel gegenüber "Tendenz". Hans-Jürgen Jakobs, Noch-Chefredakteur von "sueddeutsche.de", meint: "Das Problem des Journalismus ist im Übrigen nicht das Netz, sondern der dilettantische Umgang damit."

Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter von "jetzt.de", pflichtet seinem SZ-Kollegen bei: "Das Internet ist – richtig eingesetzt – ein äußerst positives Instrument. Es macht aus dem reinen Publizieren echte Kommunikation, es eröffnet die Option zum Dialog und bindet den vormals passiven Leser als aktiven Nutzer mit ein. Die Chancen, die in dieser Entwicklung stecken, sind erstaunlich groß."

Frank Thomsen, Chef von "stern.de", findet sogar: "Das Internet bietet für die Journalisten noch etwas Neues: die Vereinigung von Text, Bild, Video und Audio in einem Medium. Wer diese Mittel gut kombiniert, schafft pralles Erlebnis, wie es so nur das Internet bieten kann." Und Alpha-Blogger Thomas Knüwer konstatiert: "Das Internet ist als Fundament für Journalismus jedem anderen Medium überlegen, denn es beseitigt die Limitationen wie Seitenplatz, Sendezeit oder fehlende Rückkanäle. […] [Doch] wer die Möglichkeiten des Web ausnutzt und beherrscht, wird eine höhere journalistische Qualität erreichen. Somit wird Journalismus auch anstrengender und vielschichtiger – aber eben auch weitaus aufregender."

Ein Paradoxon in der Diskussion

Dies sind – mit Verlaub – zwar alles zwar hochinteressante, aber auch irgendwie längst bekannte Ansichten und Überlegungen. Diese Aussagen bestätigen lediglich ein Paradoxon in der Diskussion um die "Zukunft des Journalismus", die ich jedes Mal erlebe, wenn ich an Podiumsrunden teilnehme: Dass die Befragten – egal, ob Onliner, Fernseh- oder Printleute – sich in der Regel absolut einig sind, dass im Internet ein enormes Potenzial für den Journalismus stecke – aber um eine Antwort, wie sich dieses Potenzial tatsächlich umsetzen lasse, sind die meisten Journalisten eher verlegen. "Vielschichtiger", "multimedialer", "interaktiver": Auch wenn in diesem Kontext meist solche, wie ich finde wenig originellen Schlüsselbegriffe fallen, weiß im Grunde niemand, ob das Internet den Journalismus wirklich verbessert oder doch verschlechtert – oder ihn am Ende vielleicht sogar überflüssig macht. 

Das Problem an solchen Debatten ist, dass zwar gerne und viel von "Medienkonvergenz" geredet wird, aber dass das Verständnis darüber, was das konkret bedeutet, welche Regeln gelten, erst schwach ausgebildet ist. Das, was jahrzehntelang getrennt war, wächst im Internet langsam, aber zwangsläufig zusammen. Und weil sich Journalisten jahrzehntelang entweder mit Wort oder mit Ton oder Bild beschäftigten, neigen sie häufig dazu, die Probleme des Journalismus nicht im Großen und Ganzen zu betrachten, sondern sie aus ihren unterschiedlichen Gattungsperspektiven – ob Presse, Radio oder Fernsehen – zu konterkarieren. Im Netz aber vermischen sich nun mal die hergebrachten Medien und darin besteht auch die Chance, über einen "aufregenden" Qualitätsjournalismus nachzudenken.

Selbstverständnisdebatte in Gang setzen

Ende vergangenen Jahres haben mein Kollege Leif Kramp und ich uns deshalb überlegt, zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" und ihrem Online-Ableger "sueddeutsche.de" eine Essay-Serie zu starten, die den Titel "Wozu noch Journalismus?" trägt. Wir wollten mit diesem so grundlegenden Kinderfragentitel natürlich in erster Linie provozieren, um eine Selbstverständnisdebatte über unseren Berufsstand in Gang zu setzen; der ist nämlich, gerade was Medienkritik angeht, leider allzu oft in einer seltsamen Schreckstarre gefangen.

Unser Ziel war es, prominente Persönlichkeiten aus der Branche darüber diskutieren zu lassen, wie sich der Journalismus in Zukunft sowohl gegenüber nicht-journalistischen als auch parajournalistischen Informations- und Unterhaltungsangeboten langfristig behaupten kann, und wie sich der Wandel der Medienkultur und speziell des Journalismus auf unser demokratisches Ökosystem generell auswirken könnte. Da wir der Auffassung waren und sind, dass der ökonomische Negativtrend in den Medien kein Naturgesetz ist, sondern auch eine Folge von Unterlassungssünden, haben wir ein Forum für Beteiligte aus ganz verschiedenen Positionen geschaffen, in dem neue Ideen zur Belebung der Branche, aber auch Fehltritte der Vergangenheit diskutiert werden sollten. So kamen schließlich insgesamt 30 Medienwissenschaftler, Presse-Journalisten, Fernsehmoderatoren, Verlagsmanager und Berater zu Wort, die sich alle zu unserer Frage "Wozu noch Journalismus?" äußern mussten.

Klug und unterhaltsam, aber auch erwartbar

Wer die Serie verfolgt hat, weiß, dass wir einige Positionen zur Medienkrise und ihren Begleiterscheinungen, veröffentlicht haben, die zwar klug und unterhaltsam, aber irgendwie auch erwartbar waren. Zum Beispiel verteidigen einige Beiträge den Journalismus als eine gesellschaftspolitische Instanz, die es schon aus einer gewissen publizistischen Tradition und ihrer professionellen Entstehungsgeschichte heraus auch in 50 Jahren immer noch geben wird. In der Mehrzahl gab es aber überraschende und überaus differenzierte Einzelbeiträge, die sich stärker auf das Gedankenexperiment einlassen wollten, dass der Journalismus tatsächlich irgendwann einmal entbehrlich sein könnte. Auch sie lieferten kein Gesamtbild oder eine Lösung des Problems, gaben aber zumindest einige Anreize, wie man das ein oder andere versuchen könnte, um sich nicht resignativ einem Niedergang ergeben zu müssen.

Wolfgang Blau, Online-Chef von "zeit.de", den ich derzeit für einen der visionärsten Köpfe in Mediendeutschland halte, erkennt im Internet "den größten Entwicklungssprung seit Erfindung des Rundfunks" und sagt dem Journalismus ein "goldenes Zeitalter" voraus. Warum? Blau sagt: "Nie zuvor konnten Leser auf eine solche Vielzahl nationaler und internationaler Quellen zurückgreifen, um sich ihr eigenes Bild von der Welt zu machen. Nie zuvor wurden Redaktionen in so hoher Geschwindigkeit und Anzahl von ihren Lesern auf neue Aspekte oder auf Fehler hingewiesen. Nie zuvor konnten sich so viele Menschen selbst journalistisch betätigen."

Ehrlich gesagt, ist das nun auch nicht mehr so neu und klang auch schon in den zuvor zitierten Meinungen an – aber Blau fährt in seinem Essay mit einem interessanten Argument fort, das ich zentral für das neue Selbstverständnis im Journalismus halte: "Journalismus ist keine exklusive Profession mehr. Journalismus ist zu einer Aktivität geworden, die nur noch von einer Minderheit professionell ausgeübt wird. Ob ein Journalist professionell ist, bemisst sich nicht mehr daran, ob er mit seiner Arbeit Geld verdient, sondern allein daran, ob er professionelle Standards einhält, etwa in der Sorgfalt und Fairness seiner Recherche und der Qualität seiner Sprache."

Lossagung von "Festungs-Journalismus"

Blau folgert, dass sich die Branche von einem "Festungs-Journalismus" lossagen müsse, um weiterhin reüssieren zu können. Er glaubt, dass das "Monopol der alten Medien-Institutionen auf journalistische Produktionsmittel und Vertriebswege nicht mehr wiederkehren wird" und ruft die Redaktionen zum Experimentieren statt zum Lamentieren auf – zum Beispiel, indem sie stärker Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter zur Recherche und Publikation ihrer Beiträge nutzten oder die Kommentare der Nutzer in ihre tägliche Arbeit einbezögen.

Würden Wolfgang Blaus Appelle berücksichtigt, käme am Ende vielleicht eine Art "Netzwerk-Journalismus" heraus, wie ihn auch der britische Journalist Peter Horrocks, Chef von BBC World Wide, bezeichnet hat – also nicht unbedingt ein Mitmach-Journalismus, an dem sich Laien und Bürger unkontrolliert beteiligen, sondern eher ein professioneller Journalismus, der dem Umstand geschuldet ist, dass sich das Internet zum allumspannenden Netzmedium unserer Gesellschaft entwickelt hat und noch weiter entwickeln wird. Weil das Netz längst kein Nebenthema mehr ist, sondern inzwischen jeden Bereich unseres Lebens prägt, sollten die Journalisten ihre Festungen mit den dicken Mauern verlassen und sich mit dem Volk vernetzen, um einen bürgernahen, authentischen Netzwerk-Journalismus zu praktizieren.

Slow-Media-Bewegung

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, knüpft an diesem Gedanken an, wenn er betont, dass die gesellschaftliche Absorption durch das Internet nicht nur Konsequenzen für den Journalismus selbst haben wird, sondern dessen Transformation auch für den Zustand unserer demokratischen Öffentlichkeit schlechthin entscheidend ist: Krüger weist darauf hin, dass es in Amerika und Europa seit Neuestem einige Journalisten und Mediennutzer gibt, die sich einer Slow-Media-Bewegung angeschlossen haben, wie die Slow-Food-Bewegung eine Art Gegenkonzept zum Fast-Food-Journalismus.

Slow Media setzt sich demnach dafür ein, dass die Nutzer weniger, dafür bessere Medien konsumieren können, und dass sich die Journalisten wieder mehr Zeit für Recherche, Fact-Checking und Akkuratesse im Produktionsprozess nehmen. Dieser Ansatz sei weniger abwegig als er vielleicht klingt und im Kern nichts anderes als ein Appell an einen hochwertigen Qualitätsjournalismus, den viele Medien in Deutschland ja schon seit Jahrzehnten pflegten.

Krüger glaubt ferner, dass es den Verfechtern der Slow-Media-Bewegung gar nicht so sehr darum gehe, den journalistischen Berufsstand zur sakrosankten Zone zu erklären. Vielmehr würden immer mehr Menschen angesichts des Informationsdurcheinanders auch im Medienbereich gesteigerten Wert auf Nachhaltigkeit und Qualitätsprodukte legen, dem der Wunsch nach einer Entschleunigung des Journalismus entsprechen würde. Im Kern dieser Strategie steht somit, eine seriöse, hochwertige Berichterstattung als Schmiermittel und Leim der Gesellschaft langfristig zu erhalten und Rahmenbedingungen für den Journalismus zu schaffen, so dass er seine Stärken letztlich (hoffentlich) doch noch monetarisieren kann.

Vier Kernprobleme

Ausgehend davon, dass die Veränderungen im Journalismus auch für unser politisches System und unsere Gesellschaft als Ganzes relevant sind, erkennt man schnell vier Kernprobleme:

Erstens
: Der Qualitätsjournalismus hat bis auf weiteres erhebliche Finanzierungsprobleme: Erst vor einigen Tagen meldete der BDZV bei Deutschlands Zeitungen für 2009 einen Rückgang der Netto-Erlöse aus Werbung von drastischen 15,9% gegenüber dem Vorjahr: Das liegt vor allem an der weggebrochenen Finanzierung durch Kleinanzeigen und klassische Werbung. Die Konkurrenz durch Internet-Versandriesen und -Auktionshäuser, durch Immobilien- und Kfz-Portale, durch Stellen- und Reisebörsen und – natürlich – Google ist einfach zu groß und diese Konkurrenz ist hellwach. Viele Verlage haben schon vor Jahren den Anschluss verpasst, als es darum hätten gehen müssen, neue Modelle auszuprobieren, um die Innovatoren aus dem Netz einzuholen. Aber Experimente wurden bis vor kurzem eher belächelt als belohnt. Jetzt können Zeitungen nur versuchen, das Verpasste aufzuholen.

Das zweite Problem, dass vielen Medienschaffenden Kopfschmerzen bereitet, ist die Umsonst-Kultur im Netz, die Springer-Chef Mathias Döpfner als "Web-Kommunismus" beschimpft hat. Es ist nachvollziehbar, dass Verlagsriesen wie die Axel Springer AG, Gruner+Jahr oder die WAZ-Gruppe es für absurd halten, ihre Inhalte einfach an die Nutzer herzuschenken – schließlich ist aufwändiger Journalismus mit immensen Kosten verbunden. Allerdings wären laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung nur zehn Prozent der Deutschen überhaupt bereit, für Nachrichten im Netz zu zahlen. Den Gratiswahn über Bezahlmodelle einzudämmen, wie es die Verlage immer wieder ankündigen, ist also überaus ambitioniert, aber mit einer konzertierten Strategie könnte das vielleicht am Ende gelingen.

Der selbstbestimmte Umgang mit Informationen, die jederzeit brandaktuell und von fast jedem Ort abgerufen werden können, ist eine der faszinierendsten Erfindungen unserer Zeit. Er birgt aber auch ein drittes Problem in sich, das vielleicht am schwersten in den Griff zu bekommen ist: Dem Journalismus wird nicht mehr die Aufmerksamkeit zuteil, die ihm vielleicht zuteil werden sollte. Auch wenn viele Zeitungsleser noch nicht zur Generation Facebook gehören, müssen sie akzeptieren, dass die Informationskultur nervöser, auch unverbindlicher geworden sind.

Die Leiterin des Allensbach-Instituts, Renate Köcher, hat dieses Phänomen vor einiger Zeit untersucht. Sie glaubt, dass sich vor allem die Interessen der unter 30-Jährigen in den vergangenen Jahren zu Ungunsten von Themen aus Politik, Wissenschaft, Kunst und Umweltschutz verschoben haben: "Es wird den Trend geben, dass sich ein größerer Teil der Bevölkerung auf 'Brot und Spiele' zurückzieht und wenig Interesse an Informationen hat", sagte Köcher kürzlich auf einer Tagung. Dieser neue Strukturwandel der Öffentlichkeit verschiebt damit das Kräfteverhältnis von Nutzern und Produzenten, was unweigerlich dazu führt dazu, dass die digitale Öffentlichkeit insgesamt durchlässiger und das Moderieren von Meinungs- und Willensbildungsprozessen schwieriger geworden ist.

Ein letztes, viertes Kernproblem betrifft den Journalismus selbst: Leider gibt es bisher nur wenige Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für alte und junge Journalisten und erst wenige Hochschulen und Ausbildungsstätten, die einer Neuerfindung der Profession Rechnung tragen und den journalistischen Nachwuchs auf den digitalen Strukturwandel wirklich vorbereiten. Ich habe die Journalisten wegen ihrer Resistenz, oder sagen wir: der anhaltenden Blindheit gegenüber der eigenen Zukunftsfähigkeit deshalb kürzlich etwas zugespitzt als "die Neandertaler der digitalen Ära" bezeichnet. Die Neandertaler sind bekanntlich ausgestorben, weil sie sich nicht weiterentwickelt und fortgepflanzt haben. So wird es auch den Journalisten ergehen, wenn sie sich nicht für die digitale Zukunft im Netz wappnen und intellektuell-handwerklich offener werden für neue Wege und Möglichkeiten.

Allmähliches Verschwinden der gedruckten Presse

Symptomatisch für das ganze Ausmaß dieser vier Probleme ist das allmähliche Verschwinden der gedruckten Presse, die über Jahrzehnte Garant und Motor für Qualitätsjournalismus war. Doch gerade der Tageszeitungsjournalismus hat es derzeit mit sehr viel Wandel auf einmal zu tun – und das wird noch einige Zeit andauern: Da sind die Nutzer, für die Rituale weniger zählen als spontane Events. Da ist die Neigung junger Menschen, sich online zu informieren, sei es am Laptop oder per Smartphone. Da sind die Werbekunden, die mit dem Publikum mitgehen und am liebsten ihre eigenen Medien gründen wollen, um ihre Produkte in einem guten Werbeumfeld zu präsentieren.

Und schließlich bietet die Industrie in immer kürzeren Abständen neue Geräte für den Medienkonsum, wie beispielsweise das iPad. Das bedeutet vor allem, dass die Zeiten der einfachen Kausalitäten ein für allemal vorbei sind. Die Zeiten, in denen etwa an den ersten Hausstand ein Zeitungsabonnement gekoppelt war, das dann ein Leben lang hielt und irgendwann an die Nachkommenschaft weitervererbt wurde.

Auflösung der Presse in ihre molekularen Bestandteile

Wenn nun allerdings weiter an Qualität – sprich: an Inhalten und Personal – gespart wird, wie es sich derzeit abzeichnet, berauben sich die Zeitungen ihrer wichtigsten Grundlage, wegen derer sie überhaupt noch gekauft werden. Oder sie – welch ein schaurig-schönes Wort – kannibalisieren sich selbst, wenn sie auf gut gemachten, teuren Journalismus verzichten. Wenn sich die professionellen Medien keine hochwertigen Recherchen und Auslandskorrespondenzen, keine aufwändigen Reportagen und Analysen mehr leisten können oder wollen, löst sich die Presse als Vierte Gewalt in ihre molekularen Bestandteile auf – und das würde längst nicht nur dem Image der Verlage schaden, sondern auf lange Sicht auch dem Kitt unserer demokratischen Öffentlichkeit, wie wir ihn derzeit kennen.

Das "Jahrhundert des Journalismus ist vorbei", so überdeutlich hat es der Hamburger Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg vergangenes Jahr auf einer gut besuchten Fachtagung des Instituts für Zeitungsforschung in Dortmund auf den Punkt gebracht. Allerdings datiert er den Anfang vom Ende des Journalismus bereits auf die 1980er Jahre, als "globale Informations-Netzwerke entstanden, die den Nachrichtenmedien ihr Vermittlungsmonopol raubten". Und seit es ab Mitte der 1990er Jahre das Internet gab, sei ohnehin alles anders – Weischenberg macht dies unter anderem an dem Generalverlust des journalistischen Deutungsmonopols und dem obsoleten Geschäftsmodell fest, das dem Journalismus bis dato seine finanzielle Basis garantierte.

Ob man seiner These nun folgen mag oder nicht: Fest steht zumindest, dass der Journalismus in den vergangenen 100 Jahren ganz gut über die Runden gekommen ist. Davon, dass die Verlegerfamilien, private TV-Unternehmer und Radio-Kettenbetreiber mit journalistischem Content fette Kasse machen konnten, profitierten nicht nur die Journalisten selbst, sondern auch die Gesellschaft, für die der Journalismus dadurch zum "Schmiermittel und Leim" gleichermaßen werden konnte.

Der Journalismus verliert sein Rückgrat

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts geht es dem Journalismus allerdings aufgrund der aktuellen kapitalistischen Wende sprichwörtlich an den Kragen: Er verliert das strukturelle und personelle Rückgrat, mit dessen Hilfe er zum unabhängigen Kontrolleur staatlicher Macht und zur gesellschaftlichen Kontrollinstanz der Moderne aufsteigen konnte. Das wachsende Ungleichgewicht von Markt und Macht, ausgelöst durch den Würgegriff der Ökonomisierung fast aller Medienbereiche, rüttelt heute an den Grundfesten des Journalismus – oder anders gesagt: Die Medien unterwerfen sich mehr denn je einer Marktlogik, als ihnen gut tut. Das journalistische System büßt durch den Verlust seiner ökonomischen Autonomie vor allem seine publizistische Unabhängigkeit ein.

Weischenberg und andere Medienforscher glauben deshalb, dass wir uns ernsthaft Sorgen machen müssten, wenn die Medienlandschaft weiter so heruntergewirtschaftet wird wie bisher. Ihre größte Sorge ist, dass der Journalismus immer anfälliger wird für gesteuerte PR-Information, Boulevardisierung, Entertainment und ungeprüfte Nachrichten von Hobbyjournalisten und selbst ernannten Experten im Netz.

Es wäre alles in allem nicht folgenlos für unser Gemeinwesen, wenn der Journalismus auf dem Altar der Wirtschaftlichkeit geopfert würde. Aber sollte der Journalismus deshalb als Kulturgut definiert werden, wie es einige Experten in jüngster Zeit gefordert haben: als Bereich, den es von Staats wegen zu schützen gilt?  Unter dem Titel "Eine Art Marshallplan. Fünf Modelle, wie die Zeitungsbranche gerettet werden kann" haben Leif Kramp und ich dazu in der "Zeit" bereits einige Lösungsvorschläge vorgestellt und diskutiert, die in der Verlagsbranche allerdings auf wenig Gegenliebe, eher auf Unverständnis oder Gegenwind gestoßen sind.

Kann sich eine Demokratie ein Marktversagen der Presse leisten?

Wie auch immer sich eine Debatte über solche Strategien und "dritten Wege" – unter Teilhabe oder unter Ausschluss einer breiten Öffentlichkeit – artikulieren wird: Sie ist notwendig, vor allem, wenn wir als Gesellschaft das scheinbar Selbstverständliche – eine vielfältige, freie Presse – prolongieren wollen. Es gibt kein Recht auf Journalismus, soviel steht fest. Aber es gibt in unserem Land ebenfalls keines, das den Journalismus verbieten würde. Und vielleicht ist ja gerade das der Casus Knacksus, warum auch die Politik daran interessiert sein müsste, die Unabhängigkeit, Vielfalt und Überparteilichkeit unserer Presse zu erhalten: Wenn sich ein Marktversagen im Pressesektor weiter ausbreitet, muss sich eine Demokratie ernsthaft überlegen, in welchen Ausmaße sie sich das überhaupt leisten kann.

Zurück zum Ausgangspunkt: Ist das Internet nun gut oder schlecht für den Journalismus? Fest steht für mich, dass das Internet den Journalismus nicht verbessert oder verschlechtert – jedenfalls nicht per se, denn es kommt darauf an, wie man es professionell einsetzt und nutzt. Ich denke aber, dass das Netz wesentliche Charakteristika im Vergleich zu anderen Medienkanälen aufweist, die – wenn sie handwerklich-praktisch sinnvoll umgesetzt werden – die Qualität und das Erscheinungsbild journalistischer Angebote erheblich aufwerten. Mindestens vier Bereiche werden das Handwerk des Journalismus nachhaltig verbessern:

1. Neue Tiefenstrukturen erhöhen sowohl die Transparenz als auch die Güte journalistischer Recherchen,

2. das Dialog-Prinzip im Netz ermöglicht dynamische, sich fortschreibende Themen und Inhalte,

3. journalistische Angebote können individuell aufbereitet und zielgruppenspezifisch vermittelt werden,

4. die Einbindung des Nutzers über Social Communities begünstigt die Entstehung redaktioneller Informations- und Wissensdatenbanken.

Weiterhin steht außerfrage, dass unsere Demokratie auch in Zukunft noch professionellen Journalismus brauchen wird: um Orientierung und Übersichtlichkeit zu schaffen, um zu verdeutlichen, was relevant und wichtig, aber auch was unwichtig ist, um zur politischen Meinungsbildung beizutragen, um Werte und Normen zu vermitteln, um die Mitglieder unserer Kultur und Gesellschaft zu integrieren – und um im günstigsten Fall ein verlässliches Frühwarnsystem für gesellschaftliche und politische Krisen zu bilden.

Journalisten werden zu Moderatoren

Allerdings müssten Journalisten bereit sein, in anderen Kategorien, Kontexten und Begriffen zu denken. Sie müssten sich immer mehr zu Moderatoren und Mediatoren wandeln, die stärker auf die Präferenzen von Nutzern Rücksicht nehmen und deren Mithilfe in Anspruch nehmen. Die veränderten Raumvorstellungen im Netz erfordern zudem angepasste Arbeitstechniken und Darstellungsformen, die größtenteils noch entwickelt werden müssen. Nur ein hochentwickelter Journalismus im Internet schafft einen echten Mehrwert und verbessert letztlich Medienqualität.

Ist die Krise des Journalismus überhaupt eine Krise der Demokratie? Ich will es folgendermaßen resümieren: Eine Demokratie ohne Journalismus wäre zumindest anders: Sie wäre eine, in der vielleicht überwiegend Blogger und Laienjournalisten unsere Gesellschaft beobachten und bewerten – das muss ja erst mal nichts Schlechtes bedeuten. Aber sie wäre auch eine, in der sich vielleicht die Massenmedien nur noch auf die Großereignisse konzentrieren und den Blick für die Missstände im Regionalen oder die Probleme der Bürger im Lokalen aus den Augen verlieren. Und sie wäre zu allem Übel vielleicht eine, in der es niemanden mehr gäbe, der den Mächtigen aus Politik, Wirtschaft oder der Kirche aus Leidenschaft ans Bein pinkelt.

Stephan Weichert ist Professor für Journalistik an der Macromedia-Hochschule für Medien und Kommunikation. Grundlage des hier dokumentierten Textes ist eine Rede Weicherts auf der Tagung "Umbrüche in der Medienlandschaft" in der Akademie für Politische Bildung Tutzing am 17. Juli.

 

Ihre Kommentare
Kopf

Dorothea Palte

28.07.2010
!

"Allerdings müssten Journalisten bereit sein, in anderen Kategorien, Kontexten und Begriffen zu denken. Sie müssten sich immer mehr zu Moderatoren und Mediatoren wandeln, die stärker auf die Präferenzen von Nutzern Rücksicht nehmen …"
Genau! Jedoch setzt das einerseits Strukturen voraus, die eine selbständige, eigenverantwortliche Moderation durch Journalisten zulassen, andererseits auch die Bereitschaft des einzelnen Journalisten. Beides ist m. E. in etablierten Verlagshäusern kaum gegeben.


Hermann Will

28.07.2010
!

Weichert hat mit der Feststellung, dass sich die Zeitungen selbst kaputt sparen, leider ins Schwarze getroffen. Das von der Süddeutschen als Innovation verkaufte Regionalbuch ist typisches Beispiel dafür. Bisher war ich der Meinung, dass meine Lokale SZ unersetzlich ist. Seit 14. Juni gibt es das neue Regionalbuch, das sich als peinliches Sparprogramm entpuppt. Ohne kompetenten Lokalteil ist für mich eine Tageszeitung tot. Wer solche Konzepte entwickelt ist nicht Innovator sondern Totengräber!


Wolfgang Zehrt

28.07.2010
!

Man stelle sich vor, an jedem U-Bahnausgang wären einem im Vor-Internet-Zeitalter dutzende, ja hunderte kostenloser Tageszeitungen entgegengehalten worden. In den ersten Jahren hätte man sich vielleicht begeistert die Aktentasche damit gefüllt. Doch schon bald hätte man angefangen in diesem Wust nach besonders hochwertigen und mit Kompetenz geschriebenen Blättern zu suchen. Und wenig später auch dafür gezahlt. Für guten, kreativen Online-Journalismus wird gezahlt werden - für schlechten nicht.


Coskun (Josh) Tuna

Coskun Tuna

yeew GmbH
Gesellschafter Geschäftsführer

29.07.2010
!

Das Internet ist das Nadelöhr, durch den der Journalist durch muss. Da führt kein Weg drann vorbei. Ist er zu dick, weil über die Jahre zu bequem geworden, wird er nicht durchpassen. Ist er aber einmal durch, weil er verstanden hat, wie man durch kommt - so ist er endlich frei! Er braucht keine Abhängigkeit mehr zu Verlagen. Qualität wird zwanglsäufig kommen. Der Leser wird im größer werdenden Informationsbrei nach "seinen" Rosinen suchen. Und die kommen dann von unabhängigen Journalisten.


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