Goldmedia-Gastkolumne von Christoph Schwab: Heute Top - morgen Flop? Die Content-Medientrends

23.08.2010
 
 

In diesen Tagen startet wieder eine neue "Popstars"-Staffel auf ProSieben, mittlerweile schon die neunte. Auch die Vorbereitungen zur achten Ausgabe des RTL-Casting-Flagschiffs "DSDS" (Start: Anfang 2011) laufen auf Hochtouren. Es ist wohl davon auszugehen, dass die neuen Staffeln den Sendern wieder sehr gute Quoten bringen werden. – Casting-Shows laufen noch immer gut. Zumindest ist dies derzeit noch der Fall, denn:

In diesen Tagen startet wieder eine neue "Popstars"-Staffel auf ProSieben, mittlerweile schon die neunte. Auch die Vorbereitungen zur achten Ausgabe des RTL-Casting-Flagschiffs "DSDS" (Start: Anfang 2011) laufen auf Hochtouren. Es ist wohl davon auszugehen, dass die neuen Staffeln den Sendern wieder sehr gute Quoten bringen werden. – Casting-Shows laufen noch immer gut.

Zumindest ist dies derzeit noch der Fall, denn: Sie "kommen und gehen" – die Content-Trends im Medienbereich. Warum waren nachmittägliche Talkshows eine Zeit lang so überaus erfolgreich und sind es nun nicht mehr? Warum feiern alte Formate plötzlich ein Revival, etwa die gute alte Gameshow? Aus welchem Grund verlieren bestimmte Zeitschriften ihre Auflagen, während andere Konzepte fruchten? Wie etwa das Magazin "Landlust" aus dem Münsteraner Landwirtschaftsverlag, das kontinuierlich Leser gewinnt und im aktuellen IVW-Ranking erneut die Liste der Gewinner anführt.

Medienangebote sind bekanntlich ebenso wie andere Produkte Lebenszyklen unterworfen. Werden sie nicht durch Relaunches kontinuierlich an Marktbedürfnisse angepasst, gehen sie irgendwann unter. Ob Zeitschrift, TV-Format oder Internetangebot – es gibt mehr als genug Beispiele für gesunkene Schiffe. Aktuell droht dies ganz offensichtlich den "Auswanderer-Doku-Soaps". Eine Zeit lang wurde auf den Privatsendern ausgewandert, was das Zeug hält. Auch wenn Vox mit "Auswanderer sucht Frau" in der neuen TV-Saison noch einmal an alte Erfolge anknüpfen will, hat dieses Genre zumindest in seiner puren Form offensichtlich seine besten Zeiten hinter sich. So wird "Goodbye Deutschland" – dank Vox-Quoten-Queen Daniela Katzenberger – immer mehr zum Personality-Format, und im Programm von kabel eins sucht man den einstigen Reichweitengaranten "Mein neues Leben" derzeit vergeblich. Dass es eine Wiedergeburt der originären Auswanderer-Formate geben wird, ist nicht besonders wahrscheinlich.

Eine im TV-Bereich gern eingesetzte Strategie, verlorene Zuschauer wieder auf Sendung zu bringen und so den "Lebenszyklus" bestimmter Programme vs. Produkte zu verlängern, ist es, die Reizstärke zu erhöhen. War es zum Start von "Big Brother" noch ein Skandal, Menschen überhaupt in einem Haus Tag und Nacht zu beobachten, konnte dies durch den ersten Sex im "Big Brother"-Haus noch gesteigert werden. Aber irgendwann war dies nicht mehr zugkräftig genug: schließlich wurde eine zunächst unbegrenzte Laufzeit der Show beschlossen und ein "ganzes Dorf" beobachtet: "Big Brother – das Dorf", 2005/06. (Dass die Sendung auch heute noch solide Quoten einfährt, hat wohl eher andere Gründe als diesen "Schachzug".)

Durch Modulation der Reizstärke werden nicht nur einzelne Formate reanimiert und verändert; auch komplette Genres verschwinden oder entstehen: Reichte es vor einigen Jahren noch aus, Menschen aus prekären Lebensverhältnissen in Talkshows auftreten zu lassen, war dies schon bald nicht mehr dramatisch genug. In den Problem-Doku-Soaps wurden die Protagonisten fortan in dem Umfeld gezeigt, in dem sie tatsächlich leben. Zu toppen war dies nur noch durch "erfundene Realität": In den derzeit sehr erfolgreichen "Skripted Doku Soaps" ist alles noch viel drastischer. Die Strategie, die Reizintensität zu erhöhen, kann eine ganze Weile lebenserhaltend funktionieren – aber: Irgendwann wird sich die Dosis einfach nicht mehr sinnvoll steigern lassen.

Die Entwicklung und Veränderung von Trends ist äußerst komplex und eindimensionale Erklärungen laufen zwangsläufig ins Leere. Was auf den Lebenszyklus von Medienprodukten nachhaltig einwirkt, sind externe Einflüsse und Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld der Mediennutzer. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen die wichtige Rolle individueller Befindlichkeiten bei der Medienwahl: In Experimenten entscheiden sich gelangweilte Personen eher für Action-Filme, gestresste Personen wählen seichte Stoffe. Die Rezipienten suchen in den Medien das, was ihnen der Alltag gerade nicht bietet. Medien haben so eine stark kompensatorische Funktion. Deshalb feiern Kinokomödien in "schwierigen und unsicheren Zeiten" auch ihre größten Erfolge, neue Angebote und Formate haben es dagegen vergleichsweise schwerer. Die Mediennutzer sehnen sich stärker nach bewährten Inhalten und nach mehr Leichtigkeit.

Von gesellschaftlichen Befindlichkeiten profitiert dann wohl auch das erwähnte erfolgreiche Printmagazin "Landlust". Mit der Lektüre dieser Zeitschrift lässt sich offenbar einer immer stärker technisierten, immer schnelleren und komplexeren Lebenswelt entfliehen. "Countrytainment" als neuer Content-Trend in den Medien? Immerhin brillierten in der letzten TV-Saison auch Sendungen wie "Bauer sucht Frau" (RTL) oder der "Bergdoktor" (ZDF). Sat.1 hat für den Herbst die Ausstrahlung eines "Countrytainment-Formats" angekündigt. Ob der Sender damit Erfolg haben wird und andere Kanäle dem Beispiel folgen, wird sich zeigen. Sicher ist nur eins: Irgendwann ebbt auch die Countrywelle wieder ab.

Christoph Schwab, Head of Research, Goldmedia Custom Research GmbH

E-Mail: research(at)goldmedia.de 

Web: www.goldmedia.com

 

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.