"Frankfurter Rundschau" überzeugt auf iPad: Die bisher beste Zeitungs-App

 

Ganz ehrlich: Das hätten viele App-Auskenner der "Frankfurter Rundschau" nicht zugetraut. Auch nicht die kress-Crew. Das chronisch defizitäre Verlagshaus legt die bisher beste deutsche iPad-App einer Tageszeitung hin und kann sich auch im internationalen Vergleich mehr als sehen lassen.

Ganz ehrlich: Das hätten viele App-Auskenner der "Frankfurter Rundschau" nicht zugetraut. Auch nicht die kress-Crew. Das chronisch defizitäre Verlagshaus legt die bisher beste deutsche iPad-App einer Tageszeitung hin und kann sich auch im internationalen Vergleich mehr als sehen lassen.

Den hohen Anspruch vieler Verlage, auf dem iPad nicht einfach die gedruckte Zeitung zu kopieren, hat die "FR" mit ihrer ersten App-Version eingelöst. Im Unterschied zu vielen Mitbewerbern.

Aber zur "FR": Die Ausgabe kostet 79 Cent und wird innerhalb der App bezahlt. Der Umfang ist mit über 150 MB beachtlich und damit auch die Ladezeit von etwa 5 Minuten (vielleicht in der Zwischenzeit Kaffee kochen oder schon mal die Zähne putzen). Die Titelseite ist wie die Print-Mutter dominant mit einem Aufmacherthema belegt, am Donnerstag ist es der Wirtschaftsaufschwung. In einer oberen Leiste werden die Top-Themen angeteast, die man mit einer Berührung auch direkt ansteuern kann.

Das großzügige Inhaltsverzeichnis über zwei vertikal angeordnete Screens visualisiert noch einmal die wichtigsten Themen der Ausgabe. Was gleich zwei wichtige Prinzipien der "FR"-App verdeutlicht: Zum einen wird hier trotz großer Themenfülle nicht versucht, die komplette Zeitung irgendwie in eine App-Ausgabe zu zwängen. Beim Anblick des Inhalts spürt der Leser, dass hier eine Menge Stoff liegt, aber fühlt sich gleichzeitig nicht überfordert.

Das zweite Prinzip betrifft die Navigation. Nach dem Vorbild u.a. von "Wired" navigiert der Leser sich horizontal, also von links nach rechts, durch die Inhalte. Große Geschichten blättert man aber von oben nach unten durch. Was man einerseits zwar erst verstehen und verinnerlichen muss, was dem Leser andererseits aber auch eine neue Dimension der Navigation erschließt. Man bewegt sich in alle "Himmelsrichtungen", was der Lese- und Erkundungsfreude Auftrieb verleiht. Wer auf multimediale Mätzchen verzichten will, hält das iPad hochkant und bekommt nur einen Lesemodus zu sehen.

Überhaupt, die Navigation: Das "FR"-Team hat eine Anzahl verschiedener Formate entwickelt, wie die Leser sich durch Geschichten bewegen können. So die Geschichte, die von oben nach unten gelesen werden muss. Andere Beiträge, zum Beispiel Kommentare, sind "fest" auf einem Screen, aber der Text lässt sich in einer Spalte vertikal scrollen. Was sich dort empfiehlt, wo ein Text nicht allzu lang ist. Auf anderen Seiten kann man bestimmte Punkte in einem Foto oder einer Infografik berühren, und der Text verändert sich entsprechend. Das macht tatsächlich Spaß und war so bisher nur von Monatsmagazinen auf dem iPad bekannt.

Wo es sich anbietet und entsprechendes Material vorliegt, integriert die "FR"-App Videos, Foto- und Audio-Material. Die Videos lassen sich noch eleganter einbauen, aber das ist nur ein kleines Defizit. In der Donnerstags-Ausgabe gibt es u.a. Trailer vom neuen Roehler-Film "Jud Suess", diverse Interviews zu verschiedenen Beiträgen, den Klang des Krötenfrosches zum Anhören und eine kleine Video- und Fotoslideshow eines Reporters über Erika Steinbach.

Eine Bildergalerie zum Einstieg zeigt die Fotos des Tages. Die kommen zwar nicht ganz so brillant rüber wie etwa bei der App "Guardian Eyewitness". Dennoch zeigt sich wieder einmal, das Fotos auf dem iPad fantastisch wirken und eine journalistisch getriebene App aufwerten. Nachrichten fasst das Team auf kompakten Seiten zusammen, gemäß dem Prinzip - Großes groß und Kleines klein. Wer es ganz aktuell mag, kann über eine Navigationsleiste in einen Newsticker wechseln. Der Ansatz ist clever und verlieht den Inhalten zumindest in der Erstausgabe eine große Eigenständigkeit.

Chefredakteur Rouven Schellenberger kündigt bald eine Abo-Möglichkeit für die "FR" auf dem iPad an. Der bisherige Preis von 79 Cent scheint zunächst klug gesetzt. Umsonst darf man eine solch aufwändige App nicht hergeben, doch ein Preis unter einem Euro scheint absolut gerechtfertigt und dürfte auch Print-Leser nicht verärgern.

Werbung fehlt bis auf ein Advertorial leider noch in der ersten Ausgabe, doch das ändert sich hoffentlich demnächst, wenn Werbungtreibende entdecken, was für ein gutes Umfeld sie hier bekommen, inklusive hoher Aufmerksamkeit von Early Adopters.

Fazit - die "FR"-App ist, wer hätte das gedacht, vielleicht sogar ein Kaufargument für das iPad. Offenbar gibt es auch Überlegungen des Verlags, Abos zu verkaufen, bei denen man ein iPad gleich mitkauft. Natürlich stammen die Inhalte mehrheitlich aus der gedruckten Zeitung. Hier ist aber erstmals eine Redaktion, die offensichtlich verstanden hat, wie Inhalte auf einem Tablet-PC umgesetzt und arrangiert werden können.

Ohne Skepsis geht es natürlich nicht - ob sich eine solche Leistung, die nicht gänzlich per Knopfdruck zu automatisieren ist, sondern ein eigenes App-Team benötigt, auf Dauer durchzuhalten ist, wird sich zeigen. Am Anfang gilt es jedenfalls, auch ein wenig zu klotzen. Der Aufwand von DuMont Net hat sich gelohnt. Ganz ohne Hilfe ging es freilich nicht - DuMont hat ein Entwicklerteam um den ehemaligen "Bild"-Mann Uwe Dulias beauftragt (s. auch den Kommentar von Andreas Moring unten) und setzt die Software von Woodwing ein, die in den USA etwa das "Time Magazine" aufs iPad gehievt haben.

Bisher hatte man außer Ankündigungen vom "FR"-Hauptgesellschafter M. DuMont Schauberg und dessen Zeitungschef Konstantin Neven DuMont nicht allzu viel Substantielles für Smartphones und Tablets aus dem Mutterhaus in Köln gehört bzw. gesehen. Das ändert sich nun auf einen Schlag. Was auch die Konkurrenz, vielleicht nicht ohne Neid, anerkennen werden muss.

Der "Welt" fehlt bis heute eine überzeugende App, "Bild" hat immer noch keine. Der iKiosk von Springer bietet PDF-Versionen verschiedener Titel und ist an sich zum Lesen der Zeitungen annehmbar und nützlich, aber nicht innovativ. Gestern gab Springer den Start von kostenpflichtigen iPhone-Apps bekannt, die beispielsweise Verkehrsstaus melden.

Auch die gerade gestartete App der "Zeit" überzeugt nicht restlos. Die gedruckte Zeitung findet sich nur als PDF, dessen Navigation noch nicht ganz ausgereift ist. Die Inhalte von Zeit Online sind bisher nach Ressorts untereinander aufgereiht, ohne dass die Leselust dabei besonders angeregt würde.

Trotzdem zeigen sich auch bei der "Zeit" positive Ansätze. Wenn Verlage die iPad- und Tablet-Welt erobern wollen, müssen sie sich ins Zeug legen. Die "Frankfurter Rundschau" setzt hier einen ersten Maßstab.

Ihre Kommentare
Kopf

Andreas Moring

23.09.2010
!

Die Entwicklungsarbeit wurde zum allergrößten Teil von einem Entwicklerteam um Uwe Dulias, Jürgen Thies und Andreas Moring zusammen mit der FR-Redaktion geleistet. Insofern ist DuMontNet ein wichtiger Teil der Entwicklung und für die technische Hilfe verantwortlich, jedoch nicht "der Entwickler". Den Kollegen aus Köln gebührt großes Lob für ihre wunderbare Unterstützung. Jedoch: Die Leistung vor allem der FR-Redaktion und des Entwicklungsteams aus Hamburg ist realistisch zu würdigen.


Christian Meier

Christian Meier

WeltN24 GmbH
Redakteur für Medienthemen

23.09.2010
!

Hallo Herr Moring, danke für die Ergänzung!


David Göhler

23.09.2010
!

Wenn es denn funktionieren würde! Ich bekomme nur Fehlermeldungen und kein einziges Magazin zu Gesicht. Eine gut gemachte iPad-Ausgabe sieht anders aus.


Johannes

23.09.2010
!

Auch wir von justapps.de sind angetan von der Navigation und der Inhalteaufbereitung der Frankfurter-Rundschau-App und glauben, dass sie der neue Maßstab unter den Tageszeitungs-Apps ist. Hier unser Testbericht: http://www.justapps.de/2010/09/22/fr-kiosk-vorhang-auf-fur-die-zeitung-der-zukunft/


Eigenlob stinkt

24.09.2010
!

@Andreas Moring:

Ich habe da auch noch dran mitgewerkelt. Und ich auch! Und ich habe für das Entwicklerteam Kaffee gekocht, damit sie die Nächte durchhalten konnten. Wie arm ist das denn, hier seine Lorbeeren öffentlich einzufordern?


Bernd Müller

Bernd Müller

MMedien GmbH
Gesellschafter / Prokurist

28.09.2010
!

Ein gutes App sieht anders aus und funktioniert, habe es nach einer Woche immer noch nicht geschafft eine kostenlose und bezahlte Ausgabe downzuloaden.

Auch mit einer Datenmenge von 150MB, kann und will keiner leben.

Hier habe ich mehr von den Profis erwartet.

Hier muss noch nachgebessert werden mit einem update.


Christian Meier

Christian Meier

WeltN24 GmbH
Redakteur für Medienthemen

28.09.2010
!

Hallo Herr Müller, bei uns hat es problemlos geklappt. Das sind vielleicht noch Kinderkrankheiten, die aber sicher schnell behoben werden müssen, wenn beim Runterladen Probleme auftreten sollten. Datenmengen von 150 MB und mehr sind allerdings bei Medien-Apps keine Seltenheit. Es dauert zwar länger, die Inhalte zu laden, dafür sind sie dann aber auch offline zugänglich.


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