"Eine Chance für unser Haus": DuMonts "Stadt-Anzeiger"-App zielt auf Traditionalisten

 

Bei den Neven DuMonts mag es rumoren, wie es will - der "Kölner Stadt-Anzeiger" bringt seine erste reguläre digitale Ausgabe für das iPad am Donnerstag ins virtuelle Büdchen. Mit dem Kölner Flaggschiff hat der Traditionsverlag M. DuMont Schauberg bereits die zweite Zeitungsmarke als eigenständige iPad-App nach der "Frankfurter Rundschau" im Apple-Kiosk untergebracht.

Bei den Neven DuMonts mag es rumoren, wie es will - der "Kölner Stadt-Anzeiger" bringt seine erste reguläre digitale Ausgabe für das iPad am Donnerstag ins virtuelle Büdchen. Mit dem Kölner Flaggschiff hat der Traditionsverlag M. DuMont Schauberg bereits die zweite Zeitungsmarke als eigenständige iPad-App nach der "Frankfurter Rundschau" im Apple-Kiosk untergebracht.

"Digital Immigrant" Alfred Neven DuMont, 83, äußert sich zum Start der App wohlwollend gegenüber den neuen Medien: "Die angemessene Verbindung von Texten, Fotografien, Filmen und Ton bringt eine neue spannende Herausforderung für Journalisten. Deshalb sollte man in den neuen Medien keine Bedrohung, sondern eine Chance für unsere Leser und für unser Haus sehen, die wir wahrnehmen werden."

Das Statement (siehe unten in kompletter Länge) entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Erst vor wenigen Tagen hatte Verlegersohn Konstantin Neven DuMont in einem Interview gesagt, sein Vater blicke "bei der Digitalisierung und den nötigen Veränderungen der Geschäftsmodelle nicht so richtig durch". Dieser sei, ganz anders als der Filius selber, "von der alten Schule und glaubt, Tageszeitungen funktionieren irgendwie".

Knacki Deuser macht den iPad-Erklärer

kress konnte sich die App bereits vor dem Start anschauen. Entwickelt wurde die tägliche Ausgabe der kölschen Regionalzeitung von DuMont Net in Kooperation mit der Berliner Agentur KircherBurkhardt. Ein Einführungsvideo als Art Bedienungsanleitung mit dem Comedian Knacki Deuser gibt es hier (erinnert ein wenig an eine Idee vom "New Yorker"), eine Facebook-Fanseite hier und eine Tour durch die App hier.

Im Unterschied zur "Frankfurter Rundschau", die als iPad-Ausgabe sehr magazinig und mit vielen Extras daherkommt, ist der digitale "Stadt-Anzeiger" konventioneller, fast ein wenig traditionalistischer entworfen - sofern sich das von einem Format für ein neues Medium überhaupt sagen lässt. Wie die "FR" kostet der "Stadt-Anzeiger" zunächst pro Ausgabe 79 Cent.

Eingeschränktes Navigieren

Blättern (oder Wischen, wie es im iPad-Deutsch heißt) lässt sich nur horizontal, also von links nach rechts oder umgekehrt. Ebenfalls lässt sich die Anwendung nicht "kippen" und je nach Vorliebe hochkant oder waagerecht lesen - es ist nur der waagerechte Lesemodus vorgesehen. Einfach soll es sein und wenig Wahlmöglichkeiten geben, um die Zielgruppe nicht unnötig zu verwirren. Die Nutzerführung steht im Vordergrund. Wie bei der "FR" werden in der "Stadt-Anzeiger"-App dort Videos und Audio-Beiträge angeboten, wo sie eine sinnvolle Ergänzung sein können. In den Vordergrund drängeln sich die Features aber nicht.

Der Titelscreen wird von einem großformatigen Foto in der oberen Bildhälfte dominiert, darunter steht prominent das Logo der Zeitung in Frakturschrift. Im unteren Fünftel finden sich Themen-Anreißer, von denen man direkt zu den jeweiligen Artikeln der Ausgabe springen kann.

Die Seite 2 der Zeitung ist als Sammelsurium von Zitaten und Karikaturen entworfen, die sich auch seitenfüllend darstellen lassen. Jedes Ressort hat eine eigene Aufschlagseite. Die Ressortstruktur sieht, ebenfalls ganz klassisch, so aus: Politik und Wirtschaft, Debatte, Köln und NRW, Sport, Kultur und Medien, Panorama, Magazin. Gelungen sind beispielsweise eine großformatige Wetterkarte oder verschiedene, für Probeausgaben produzierte Infografiken wie eine Karnevals-Straßenkarte mit verschiedenen Informationsebenen.

Positive Marktforschung

Geleitet wird das Kölner iPad-Team, zu dem neben Redakteuren eine knappe Handvoll Layouter und Indesign-Spezialisten gehören, von Tobias Kaufmann. DuMont setzt wie bei der "FR" auf die Software von Woodwing. In der Marktforschung hätte es bereits außerordentlich positive Rückmeldungen gegeben, heißt es im Verlag. Auch und vor allem ältere Nutzer über 50 Jahre, die teilweise noch nie ein iPad in der Hand gehabt hätten, gaben demnach Höchstnoten für die Anwendung.

Die App soll den "Stadt-Anzeiger", der als erste Regionalzeitung eine eigenständige Anwendung präsentiert, als starke regionale Marke positionieren, sagt Chefredakteur Peter Pauls. Eine wünschenswerte Individualisierung, z.B. zugeschnitten auf einzelne Kölner Bezirke, gibt es im ersten Schritt allerdings noch nicht. Wo Individualisierung sinnvoll ist, zum Beispiel bei Veranstaltungen und dem Wetter, springt die App auf Wunsch ins Internet. Um interessante Events ausfindig zu machen, ist die App mit der Datenbank von Popula.de vernetzt. DuMont Venture hält an dem Startup einen Anteil. Und natürlich wurde eine eigene Seite für Fans des 1. FC Köln konzipiert.

Sind Medien-Apps zu vergangenheitsorientiert?

Es gibt den Vorwurf an iPad-Medien, sie orientierten sich bei ihrem Design und bei den ausgewählten Inhalten zu sehr an der Vergangenheit. Das ist so richtig wie unfair zugleich. Zutreffend ist der Vorwurf, weil in der Tat auch der "Stadt-Anzeiger" seinem Leser das Gefühl geben will, dass er eine Zeitungs-Marke vor sich hat. Das Format erscheint wie die gedruckte Zeitung täglich - um 20 Uhr für die Ausgabe vom Folgetag. Ein erstes Etappenziel ist, eine eingeführte Marke mitsamt seinem Geschäftsmodell (Vertriebserlöse und Werbeeinnahmen) in die Tablet-Welt zu überführen. In der Startausgabe des digitalen "Stadt-Anzeiger" haben vier Werbekunden Anzeigen geschaltet.

Unfair ist der Vorwurf, weil es kein Fehler sein kann, markenbewusst zu sein und Werte wie Glaubwürdigkeit, die nach wie vor der Zeitung zugeschrieben werden, auf ein digitales Angebot zu übertragen. Jeder Konzern würde für sein jeweiliges Produkt diesen Transfer der Markenbotschaft anstreben. Mag es auch eine Reihe von selbsternannten Digital-Experten geben, die das Konzept Zeitung als solches für überholt erachten: Überholt ist in absehbarer Zeit womöglich das Konzept der gedruckten Zeitung, so wie es heute noch vielfach besteht. Das Produkt Zeitung, unabhängig von seinem Aggregatszustand, ist damit dennoch keineswegs überflüssig. Aber vielleicht fehlt den Pauschal-Kritikern einfach ein wenig Fantasie, um sich das vorzustellen.

Das Statement von Verleger Alfred Neven DuMont in voller Länge:

"Ab heute ist der Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad zu erwerben und zu lesen. Damit bieten wir unseren Lesern einen zusätzlichen Service mit hochwertigen journalistischen Inhalten, die wir für das neue Medium aufbereiten. Die angemessene Verbindung von Texten, Fotografien, Filmen und Ton bringt eine neue spannende Herausforderung für Journalisten. Deshalb sollte man in den neuen Medien keine Bedrohung, sondern eine Chance für unsere Leser und für unser Haus sehen, die wir wahrnehmen werden. Bei allen Veränderungen bleibt unser Anspruch eines Qualitätsjournalismus, der kritisch die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse lokal, national und international durchleuchtet und die Leser in einer Zeit großer Umbrüche begleitet. Das höchste Gut eines liberalen Hauses ist seine publizistische Unabhängigkeit. Wir sind keines Mächtigen Knecht. Nach wie vor stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit unsere Leser und unsere Kunden."

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