Michael Ringier bei den Zeitschriftentagen des VDZ: "Den Schrott gibt es im Internet"

 

Der Schweizer Verleger Michael Ringier (u.a. "Blick", "cash", "Cicero") hat in einer Rede bei den Zeitschriftentagen des VDZ erneut bewiesen, dass er kein großer Freund des Internet ist. "Wir brauchen Edelmetall, den Schrott gibt es im Internet", sagte er der versammelten Verlegerschaft. 

Der Schweizer Verleger Michael Ringier (u.a. "Blick", "cash", "Cicero") hat in einer Rede bei den Zeitschriftentagen des VDZ erneut bewiesen, dass er kein großer Freund des Internet ist. "Wir brauchen Edelmetall, den Schrott gibt es im Internet", sagte er der versammelten Verlegerschaft.

Weder den Schlagworten "Schwarmintelligenz" ("das ist der digitale Mob") noch dem iPad kann Ringier allzuviel abgewinnen. Er besitze zwar eines der Apple-Tablets, denn er müsse ja "wissen, wer mich da rettet", aber eigentlich erinnere ihn das iPad mehr an seine Märklin-Eisenbahn.

Die meistgekaufte App für das iPad sei in Italien längere Zeit beispielsweise eine Anwendung mit 120 Reden des Faschisten Benito Mussolini zum Preis von 79 Cent gewesen. Nicht etwa eine Verlagsanwendung. Zu einer Jahrestagung von Ringier habe er den Historiker Heinrich August Winkler eingeladen: "Winkler ist wichtiger als Wikipedia".

Die Umsätze, die Verlagshäuser im Internet machten, habe er sich auch genauer angeschaut. Auf der Seite von "zooplus.de", das zu Hubert Burda Media gehört, habe er Hundefutter gefunden. Sein eigenes Label Betti Bossi verkaufte beispielsweise den "Hot Dog Boy" zum Aushöhlen von Brötchen. Ringier: "Wir sind stolz auf den Umsatzanteil des Digitalgeschäfts, verschweigen aber, dass wir das Geld nicht in unseren Kernmärkten verdienen."

Der Journalismus bleibe aber die Basis für das Geschäft der Medien. Nur darum kämen Verlage als Geschäftspartner etwa für Konzertticket-Anbieter infrage, weil sie mit ihren Inhalten viele Millionen Menschen erreichten. "Wir brauchen mehr Journalismus, nicht weniger", sagte der Verleger. Nur Einzigartigkeit zähle heute noch.

Seiner Zunft betrachtete Ringier mit mildem Witz. Sein Beruf ähnele dem des Pfarrers: "Wir wissen wenig, aber glauben viel. Wir beten. Wir arbeiten für einen bescheidenen Lohn." Großes Gelächter, ebenso wie für den Hinweis: "Ich gehöre einer Generation an, für die Multitasking bedeutet, auf dem Klo zu sitzen und eine Zeitung zu lesen."

Ringier übernahm damit die Rolle des Intellektuellen, der auch mit gelegentlichen Zoten die Zuhörer für sich gewinnt. Einen Witz erzählte der passionierte Kunstsammler zum Abschluss: Treffen sich zwei ältere Damen auf dem Weg vom Friedhof in der Tram. Die eine holt einen Lippenstift aus der Tasche. Fragt die eine: Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf? Sagt die andere: 76. Entgegnet die erste Dame: Was, da schminken Sie sich noch? Fragt darauf die zweite Dame: Und wie alt sind denn Sie? 83, lautet die Antwort. Sagt die andere: Wie bitte? Und da fahren Sie noch zurück?

Verlegerpräsident Hubert Burda hatte vor Ringier offenbart, dass er Ärger mit Google hat. Nachdem er in einem Interview kritisch über den Konzern gesprochen hatte, weil sich dieser Inhalte von Medienunternehmen zunutze mache und dafür nicht entsprechenden Ausgleich zahle, habe ihn ein Anruf von Google ereilt. Da habe es geheißen, man müsse sich vielleicht einmal über das Sponsoring der Burda-Digitalkonferenz DLD unterhalten, das Google seit Jahren betreibt. Burda schien ehrlich entgeistert darüber, dass Kritik bei Geschäftspartnern nicht immer gut ankommt.

Der Verleger bekräftigte die Notwendigkeit für ein Leistungsschutzrecht, prognostizierte eine große Zukunft für Web-TV, auch als Gegengewicht zu den Öffentlich-Rechtlichen Sendern und gab dem Bezahlmodell für Apps eine durchaus gute Chance.

In einer Managerrunde im Anschluss sprach u.a. Jürgen Blomenkamp, Chef der GroupM-Mediaagenturen. Print werde zwar weiter eine wichtige Rolle spielen, aber die Mediennutzung der Menschen wende sich weiter von Print ab. Zudem verlören Medien insgesamt an Autorität. Darum müsse vor allem die Vermarktung von Werbung in der sehr fragmentierten Zeitschriftenlandschaft anders und in größeren Einheiten strukturiert werden.

Die VDZ-Zeitschriftentage finden noch bis morgen in Berlin statt. Am Donnerstagabend lädt der Verband traditionell zur Publisher´s Night.

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Kopf

Prof. Moriarty

18.11.2010
!

99% aller halbwegs lesbaren Beiträge im Netzt sind Kopien alter Prinartikel. Von den Bloggern will ich erst gar nicht schreiben, entweder völlig unbrauchbar (fast alle Blogs eine Mischung aus Freelancern = seit Jahren arbeitslos oder Hausfrauengeschichten über Kinderkacke und/oder Mode) das ist die Welt im Netz. Wenn das Internet ein Zeitschriften-Verkaufsregal wäre: Eine Mischung aus Porrnoheften, Modemagazinen, Bunte, Gala, Bild der Frau ... eine Zeit, FAZ und den Spiegel müsste man suchen!


ElMa

18.11.2010
!

"Kopien alter Printartikel" ist nicht ganz richtig: Es sind aktuelle Artikel, die im "Archiv" landen und dann alt sind. Aber mehrere Zeitungen im Internet lesen:
Vorteil – man ist im Bilde und hat keine Papierhaufen wegzutragen. Was aber zu den Beiträgen gebloggt wird, ist oft hanebüchen. Da kommen auch alle zum Zuge, die Denken und Schreiben nicht gelernt haben, es aus Mangel an Selbstkritik aber öffentlich machen.


jwo

18.11.2010
!

Den Schrott gibt es im Internet? Da spricht der verlegerische Größenwahn gepaart mit Arroganz. Den Schrott lese ich genauso in den gedruckten Klatsch- und Prollblättern. Es gibt längst journalistische Angebote im Web (und nur da), die es an Qualität mit den Grauwerten, die Verleger in ihren Blättern zwischen die Anzeigen auskippen lassen, locker aufnehmen können. Ganz davon abgesehen: Wo soll z.B. bei Spiegel online der Schrott sein?


Erich

18.11.2010
!

Das ist doch das schöne am Netz. Heute erkennen sogar die Verleger das ein Artikel kopiert wurde. Das war in der unisono Print Welt halt noch nicht möglich und da leidet halt Ego und das eigene Ego, vorallem wenn man Intelektuell sein möchte. Klar, kopiert ist schnell, aber noch schneller ist einer heute Entlarvt, der kopiert hat. Liebe Leute, nicht zurückschauen und dem Besitzstand nachtrauern, sondern sich der Realität stellen und kreativ sein.


Michael Urban

19.11.2010
!

Es ist nicht glauben, dass es auch im Jahr 2010 noch Leute gibt, die das Internet scheinbar für eine Zeiterscheinung halten. Wer im Verlagsgeschäft das iPad und Co für Spielzeug hält, sollte mal grundsätzlich nachdenken ob es nicht Zeit für die Rente wird oder man sollte sich als Verleger heute schon mal mit dem Insolvenzrecht beschäftigen. Es wird hoffentlich immer Bücher geben und es gibt auch nichts schöneres, als ein geknicktes Buch am Strand aber News von gestern sind nur für das Archiv.


Mediabeobachter

19.11.2010
!

Schon witzig, diese Worte aus dem Mund eines der grössten "Schrotthändler" der Schweiz zu hören. Seine "Edelmetalle" z.B. Blick (Boulvard) BlickamAbend (Gratis-Pendlerzeitung) und Sonntags Blick, kann man bestenfalls als Buntmetall bezeichnen.
Nicht der "Transportweg" definiert die Qualität, sondern der Absender. Die niedrigen "Verteilkosten" im Netz machen halt auch Minderwertiges verfügbar. Vertrauenswürdige Verlegermarken haben auch hier die besten Chancen für Qualität bezahlt zu werden.


Alexander MacG

Alexander MacG

Seamaster-Products Ltd / Racing Girls Ltd
Bildermacher & Teamchef

19.11.2010
!

Neven DuMont, Ringier, Springer, Mohn.... gibt es eigentlich auch noch junge Verleger? Bei allen vorher genannten greift die Gravitation doch schon recht stark!

Typische Arroganz und Größenwahn aus anderen Tagen!

Man muss als zukunftsorientierter Mensch und Unternehmer in diesen Zeiten einfach nur am Fluss sitzen und wird sie alle vorbeitreiben sehen ;-)
Rapide Einbrüche in der Anzeigenbuchung, Werbungtreibende die in den klassischen Medien keinen Sinn mehr sehen, auch im TV nicht.


Alexander MacG

Alexander MacG

Seamaster-Products Ltd / Racing Girls Ltd
Bildermacher & Teamchef

19.11.2010
!

Zusatz:
überall wird geschönt, wenn es von Verlagsseite kommt und kress druckt es so, aber korrigiert auch wenig oder kommentiert mal.

Es wird mit Marktanteilen u Prozenten geblendet wie wild, doch die absoluten Zahlen sinken. TV-Quoten werden gepusht, aber die absoluten Zahlen der Zuschauer sinken rapide.
Alle privaten TV Sender gehören ja auch zu Verlagen... und auf breiter Front gehen die absoluten Zahlen nach unten - wenn nicht eh schon heillos überschuldet. Aber die News bleibt ungedruckt!


S. David

19.11.2010
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