"Focus"-Chef Weimer im kress-Interview: "Papst-Interview ist ein echter Signatur-Titel"

 

In seiner aktuellen Ausgabe druckt der "Focus" Auszüge eines langen Interviews mit Papst Benedikt XVI., das der Journalist Peter Seewald geführt hat. Die "Bild"-Zeitung sicherte sich ebenfalls einen Vorabdruck. kress kommentierte die Meldung so: die bürgerliche Mitte, die "Focus"-Chef Wolfram Weimer mit seiner Themenwahl erreichen will, interessiere sich zurzeit eher für Proteste gegen Stuttgart21 und Atomkraft als für den Papst.

In seiner aktuellen Ausgabe druckt der "Focus" Auszüge eines langen Interviews mit Papst Benedikt XVI., das der Journalist Peter Seewald geführt hat. Die "Bild"-Zeitung sicherte sich ebenfalls einen Vorabdruck. kress kommentierte die Meldung so: die bürgerliche Mitte, die "Focus"-Chef Wolfram Weimer mit seiner Themenwahl erreichen will, interessiere sich zurzeit eher für Proteste gegen Stuttgart21 und Atomkraft als für den Papst.

Im Gespräch mit kress erklärt Weimer, warum er das anders sieht:

kress: Warum glauben Sie, dass ein Interview mit dem Papst für den „Focus“ strategisch wichtig ist? Wäre das nicht im „Rheinischen Merkur“ besser aufgehoben?
Wolfram Weimer: Es ist das erste Mal, dass ein Papst überhaupt ein Interview gibt. Insofern handelt sich um einen spektakulären Vorgang. In allen großen Tageszeitungen des Kontinents stehen die ersten Papstzitate dieses Gespräches heute auf den Titelseiten. Das Interview löst europaweit Debatten aus. Der Papst spricht nämlich eine ganze Reihe von brisanten und umstrittenen Fragen ziemlich offen und provokativ an – von Kondomen bis zum Kulturkampf. Insofern freut es uns natürlich, dass "Focus" hier journalistisch Themen setzt. "Focus" erfindet sich in diesem Jahr 2010 neu, wir setzen auf journalistische Relevanz und insofern ist das Papst-Interview ein echter Signatur-Titel. Vor allem da der "Spiegel" am gleichen Tag mit einem völlig inaktuellen Goebbels-Titel aufwartet. Wenn man die beiden Titel nebeneinander am Kiosk liegen sieht, fühlt es sich ein bisschen nach Himmel und Hölle an.

kress: Sie sagen, Sie zielen mit dem "Focus" auf die bürgerliche Mitte. Ist das nicht zu viel "Cicero" und zu wenig "Focus"? Zu viel Debatte und zu wenig News?
Weimer: "Focus" erreicht mehr als fünf Millionen Leser, wir werden schon darum kein elitäres Debattenmagazin wie "Cicero". Aber wir profilieren uns stärker. Wir wandeln uns vom reinen Nachrichtenmedium zum Orientierungsmagazin. In einer Zeit der Nachhaltigkeit verlangen die anspruchsvollen Leser auch einen nachhaltigeren Journalismus, mehr Hintergrund und Einordnung der Geschehnisse. Der reine Informationalismus – vom Nutzwert bis zur Kurznachricht - hatte seine Zeit. Der Focus wird künftig das Qualitäts-Journalistische stärker akzentuieren, dazu gehören auch Haltung und Meinung: wir sind schließlich ein starke Stimme der bürgerlichen Vernunft. Auf dieser Ebene wollen wir den Wettbewerb mit dem "Spiegel", der ja wieder stärker das linke Spektrum anspricht, auch im intellektuellen Sinne aufnehmen.

kress: Aber was oder wer ist die Zielgruppe der "bürgerlichen Vernunft" überhaupt? Sind das auch diejenigen, die in Stuttgart oder Gorleben protestieren?
Weimer: "Focus"-Leser sind konstruktive, tatkräftige, zukunftsoffene Menschen. Sie sind verliebt ins Gelingen. Eher Leistungsträger als Bedenkträger. Insofern vermute ich, dass die Mehrheit von ihnen eher für Modernisierung der Infrastruktur und für Olympische Spiele in Deutschland sind als dagegen.

kress: Haben Sie den Eindruck, Sie gehen als Blattmacher auch bei der Gestaltung der Titel zurzeit mehr Risiko ein als der "Spiegel"?
Weimer: Wir haben in den vergangenen Wochen die aktuellen Geschehnisse systematischer angenommen. Von der Sarrazin-Debatte über den Obama-Absturz bis zum Papst-Interview wagen wir viele Titel aus dem Zentrum der politischen Relevanz. Insofern sind wir dem "Spiegel" wieder ein Wettbewerber um Deutungsmacht. Die Erfahrung aus den neunziger Jahren aber zeigt, dass diese unmittelbare Konkurrenz beiden gut tun kann.

kress: Können oder sollten Sie überhaupt versuchen, den Spiegel mit eigenen Mitteln zu schlagen?
Weimer: Der "Spiegel" ist ein großartiges Nachrichtenmagazin, dort arbeiten viele erstklassige Journalisten. Für "Focus" gilt beides aber auch. Dass das Publikum nun beide wieder stärker in Beziehung zueinander wahrnimmt, dass die unterschiedlichen Rollen in der nationalen Meinungsbildung wieder fühlbar werden, das ist doch ein Gewinn für die politische Kultur.

kress: Im Einzelverkauf verliert "Focus" dennoch seit vielen Wochen gegenüber dem Vorjahr. Der Titel mit Wirtschaftsminister Brüderle verkaufte sich beispielsweise sehr schlecht. Ist das noch ein Austesten der Belastbarkeit der Marke oder schon bitterer Ernst?
Weimer: Wie alle Nachrichtenmagazine auf der Welt - von "Time" über "Newsweek" bis zum "Spiegel" - kämpfen wir seit einigen Jahren schon mit Auflagenverlusten. Das ist ja gerade ein Grund dafür, warum wir den "Focus" neu profilieren und dabei auf einen vitalen, qualitätsjournalistischen Kurs setzen. Der Zuspruch bei den Anzeigenkunden und in der Leserschaft ist sehr, sehr positiv. Viele Menschen fangen auch neu wieder an, "Focus" zu lesen. Und es deutet sich nun auch wieder an, dass der Abverkauf langsam steigt. Geben Sie uns einige Quartale Zeit und wir werden die Früchte dieser Arbeit sehen.

Ihre Kommentare
Kopf

Klaus B.

23.11.2010
!

Es ist schon traurig, dass Herr Weimer die "bürgerliche Vernunft" nur rechts der Mitte zu finden glaubt. Aber selbst dort wird man so unkritische und huldigende "Interviews" wie mit dem Papst genauso als überflüssig empfinden wie die Goebbels-Geschichte des Spiegel, die wenig Neues enthält. Vielleicht müsste in diesem Land mal eine ganz neue und frische Generation in die Chefetagen der Verlage...


AKS

23.11.2010
!

Ehrlich gesagt fand ich die SPIEGEL-Reportage "Himmelsfahrt mit Benedikt" (Heft 45), wie Vatikan-Beobachter mit dem Papst um die Welt reisen, "journalistisch nachhaltiger", als es jedes Papst-Interview im FOCUS je sein könnte... Daran werde ich mich zumindest noch lange mit Vergnügen erinnern!


Henry C. Brinker

23.11.2010
!

Wir sporadischen Focus-Käuferleser werden immer öfter zum Kaufen verführt, seit Weimer am Ruder ist. Dagegen verkommt jetzt sein "Cicero" unter neuer Leitung zu einer verkrampften Monatspostille, die zwischen ZEIT und SPIEGEL Reste überlebter, sozialliberaler Bürgerlichkeit kultivieren will. Weimer liegt richtig!


PeterPan

23.11.2010
!

Ich fand die Markwort-Vorworte im Focus unerträglich, mit Weimer hat sich das Blatt deutlich gebessert (was nicht für den Papst-Artikel gilt). Warum schafft es Markwort nicht, ganz zu verschwinden und das Feld dem fähigen ex-Cicero-Chefredakteur Weimar zu überlassen? Ich hatte Cicero abonniert, seitdem Naumann am Ruder ist, find ich Cicero unerträglich, weil wir dadurch ein weiteres gesichtsloses SPD-Kampfblatt haben. Im Grunde sind das alles recht reizlose Blätter. Nur die Namen ziehen noch.


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