Magazin-Neugründung "Muh" im kress-Check: Subversive Heimatliebe aus dem Chiemgau

 

Das idyllische Truchtlaching an der Alz wird man sich als Verlagsstandort merken müssen: Stefan Dettl, Trompeten-Frontmann der La Brass Banda, möchte von dort aus die Republik mit "Muh", einem neuen Magazin für "Bayerische Aspekte", versorgen. Das Liebhaberobjekt tummelt sich auf der weiten Weide zwischen "Landlust" und eher Großstädtisch-Kritischem wie dem ehemaligen "Jetzt"-Magazin oder der eingestellten Berliner Couchtisch-Zierde "Voss".

Das idyllische Truchtlaching an der Alz wird man sich als Verlagsstandort merken müssen: Stefan Dettl, Trompeten-Frontmann der La Brass Banda, möchte von dort aus die Republik mit "Muh", einem neuen Magazin für "Bayerische Aspekte", versorgen. Das Liebhaberobjekt tummelt sich auf der weiten Weide zwischen "Landlust" und eher Großstädtisch-Kritischem wie dem ehemaligen "Jetzt"-Magazin oder der eingestellten Berliner Couchtisch-Zierde "Voss". 

Josef Winkler, langjähriger Mitarbeiter des einst in München angesiedelten "Musikexpress" und Autor für Tageszeitungen wie die "taz", fungiert bei der 98-Seiten-Neugründung als Chefredakteur. "Muh" wird seit dem 25. März zum Copy-Preis von 4,50 Euro vertrieben wird und soll künftig vierteljährlich erscheinen. Die Geschäftsführung des Muh-Verlags (Homepage: www.muh.by) hat Nicole Kling inne. Zusammengefunden hat sich das Verleger-Team, zu dem Dettl als kreativer Libero und Autor (allerdings eines der eher schwächeren Texte) zählt, angeblich in einer "Londoner Boazn".

Die Zusammenführung von Weltläufigem - Dettls La Brass Banda begeisterte nicht nur die Fans der Fußball-EM in Wien, sondern bringt Londoner Clubs ebenso zum Kochen wie das Roskilde-Festival - und die Nähe zum Gerstensaft ("ausgeheckt in einem britischen Pub") zieht sich als Generalbass durchs Blatt. So dürfen die erwartbaren Texte über Starkbier-Erfahrungen (in der Kolumne "Rainer Schaller tät noch ein Bier nehmen") ebenso wenig fehlen wie eine skurrile Glosse über den "Nutty Bavarian", das Werbemaskottchen einer in Florida ansässigen Erdnuss-Produzenten.

Stärke des Blatts sind allerdings die etwas längeren Autorenstücke, die sich sperrig dem allzu gefälligen Heimatklischees in den Weg stellen - und auch jenseits des Weißwurst-Äquators Anhänger finden dürften. Ein Highlight der "Muh"-Erstausgabe ist etwa Astrid Brandls Reportage, die als Tierärztin auf dem Land täglich um Anerkennung kämpfen muss ("A Frau. In Gott's Nam' des aa no!"). Das Stück hätte auch seinen Platz im überregionalen Wochenend-Feuilleton gefunden. Schön anzusehen sind die langen Bildstrecken im "Jetzt"- oder "Neon"-Stil über bayerische Zen-Heckengärtner (Fotos: Johannes Rodach).

Ähnlich schmissig: Winklers Interview mit dem "Haindling"-Sänger Hans-Jürgen Buchner, eine Spurensuche von Achim Bogdahn (im Brotberuf BR-"Zündfunk"-Redakteur und Kolumnist beim "In München Magazin") über die Fußball-Misere in Würzburg, die auch "11 Freunde" gefallen haben dürfte, sowie eine kluge längere Analyse von Barbara Höfler über das Aussterbe-Ängste rund ums gesprochene Bairisch ("Ausgredt").

Mit Ökologisch-Kritischem wie einem Anti-Maisanbau-Feature und der lesenswerten Polit-Groteske "Weißwürscht' für Afrika" über die Kalter-Krieg-Kolonialpolitik des ehemaligen Landesvaters Franz-Josef Strauß verschafft sich "Muh" im aufgeklärten Milieu Anerkennung. Weniger überzeugen die kleinteiligen Strecken (samt Witzeseite), die doch eher an Brauchtumskalender erinnern.

In Zeiten, in denen, nun ja, sogar am Berliner Alex eine Hofbräuhaus-Dependance eröffnet, mag das bayerische Lebensgefühl Bundes-, wenn nicht sogar Welt-Geltung haben. Immerhin wird "Muh", das in zunächst 11.000 Exemplaren bayernweit über den Deutschen Pressevertrieb (DPV) ausgeliefert wird, auch an 400 Bahnhofs- und Flughafen-Verkaufsstellen verkauft. Gefälliges, allzu Folkloristisches ist dem weißblauen Fanzine aus dem Chiemgau fremd.

Fazit: "Muh" grast auf dem Markt für genügsam-gelassene Wiederkäuer-Leser. Eine "gmade Wiesn", hochdeutsch: ein sicherer Erfolg, ist ihm deswegen noch nicht sicher. Wünschen möchte man ihn dem urigen Neustart, der noch viel Platz für Anzeigen hat, dennoch.

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