Ex-dpa-Chef Wilm Herlyn: "Die dapd ist eine ernsthafte Konkurrenz"

15.04.2011
 

Ende 2009 klappte Wilm Herlyn (Foto), 66, die Akte dpa zu: Nach annähernd 20 Jahren als Chefredakteur der Nachrichtenagentur übergab der passionierte "Nachrichtenjunkie" an seinen Nachfolger Wolfgang Büchner. Im kress-Gespräch plaudert Privatier Herlyn über die Beziehung zum Wettbewerber dapd, die Reize von Twitter und Wohl und Wehe des dpa-Modells.

Ende 2009 klappte Wilm Herlyn (Foto), 66, die Akte dpa zu: Nach annähernd 20 Jahren als Chefredakteur der Nachrichtenagentur übergab der passionierte "Nachrichtenjunkie" an seinen Nachfolger Wolfgang Büchner. Im kress-Gespräch plaudert Privatier Herlyn über die Beziehung zum Wettbewerber dapd, die Reize von Twitter und Wohl und Wehe des dpa-Modells. Außerdem: Wie er und sein Freund Heiner Bremer jüngst Kohle von der "Bild" auf den Kopf gehauen haben.

kressNach all den Jahren bei der dpa - jetzt weist Sie Ihre E-Mail-Signatur als Inhaber eines Medienkontors aus. Was verbirgt sich dahinter?

Wilm Herlyn: Ich bin Privatier, ab und an gebe ich Vorträge an Universitäten oder Fachhochschulen. Das Medienkontor gibt dem einen offiziellen Rahmen.

kress: Worüber dozieren Sie?

Herlyn: Zumeist über Nachrichtenagenturen und die Zukunft der Medien. Kürzlich auch über das Thema "Entscheidungen unter Stress". Da lassen sich spannende Bezüge zur Arbeit in einer Nachrichtenagentur herstellen, wo im Sekundentakt Entscheidungen fallen.

kress: Welche Entscheidung hat Sie dort zuletzt besonders unter Stress gesetzt?

Herlyn: Die Entscheidung nach Berlin zu gehen. Ich hatte bereits 2004 einen Anlauf genommen, war aber am Aufsichtsrat gescheitert. Ich hatte damals offenbar zu teuer kalkuliert. Mit Malte von Trotha als Geschäftsführer haben wir den Plan erneut aufgerührt, 2009 haben wir es gemacht. Letztlich war es auch nicht so teuer.

kress: In Berlin sitzt auch die dapd. Wie bewerten Sie deren Anstrengungen, die dpa verzichtbar zu machen?

Herlyn: Ich finde es gut, dass sich beide Agenturen nicht mehr verbal bekämpfen oder gar die Gerichte anrufen. Beide legten zuletzt professionelle Manieren an den Tag: Die Qualität wird sich durchsetzen, also dpa.

kress: Außer mit markigen Worten fuhr die dapd der dpa gelegentlich auch mit dem Preis an den Karren.

Herlyn: Früher war ich deswegen ernsthaft verärgert. Wir wissen, was Nachrichten in Deutschland kosten. Es ist unfairer Wettbewerb, das eigene Angebot zu einem Viertel des dpa-Bezugspreises zu verkaufen oder gar ein halbes Jahr probeweise zu liefern. Davon scheint die dapd zum Glück Abstand genommen zu haben.

kress: Inwiefern ist die  dapd eine Konkurrenz für die dpa?

Herlyn: Mit dem AP-Netz im Rücken ist die dapd zu einem Wettbewerber für Nachrichten aus dem Ausland geworden, zudem versucht es die Agentur jetzt auch im Sport. Anders als die frühere ddp ist die dapd damit als Vollagentur mittlerweile eine ernsthafte Konkurrenz.

kress: Hinter der dapd stehen private Investoren, die dpa gehört den Verlagen in Deutschland. Wie zeitgemäß ist dieses Genossenschaftsmodell noch?

Herlyn
: Die dpa ist ihren Gesellschaftern verpflichtet. Das heißt auch, eine Gewinnspanne zu erwirtschaften. In dem Konstrukt gibt es aber eine Schwäche, die die dpa wirklich hemmt: Laut Satzung darf sie nicht direkt an den Endkunden verkaufen. Die dapd kann das handhaben, wie sie will.

kress: Hätten Sie sich denn als dpa-Chef jemals gewünscht, Leser direkt anzusprechen?

Herlyn: Einmal hatten wir die Idee, Nachrichten selbst zu sprechen und zu verkaufen, ähnlich bei "Talking Heads"  von Bloomberg. Ich erinnere mich auch an eine Anfrage von BMW, Nachrichten direkt für das Navigationssystem der 7er-Reihe zu liefern. Beides lehnte der Aufsichtsrat ab. Aber nehmen Sie Wolfgang Büchners dpa-Plattform. Sie zeigt, wie schnell und in welcher Bandbreite die dpa arbeitet, mit Rückkanal, Hintergründen und Bildern. Das wäre doch ein Traum für den Leser.

kress: Die dpa-Plattform richtet sich nur an Medien. Ein öffentliches Angebot würde den dpa-Kunden Konkurrenz machen.

Herlyn: Es wäre ein klarer Wettbewerb zu "Spiegel Online", "bild.de" oder "sueddeutsche.de". Der dpa-Aufsichtsrat würde die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, zumal sicher schnell auch die Begehrlichkeit erwachen würde, dort Werbung zu verkaufen. Die dpa-Gesellschafter sind dpa-Kunden und vice versa. Für die Agentur ist dieser Spagat in der täglichen Arbeit hinderlich. Aber für einen unabhängigen Journalismus ist dieses Modell ein Segen.

kress: Nur, wenn alle mitspielen. Sind Sie sauer auf die WAZ, die der dpa gekündigt hat?

Herlyn: Ich bin nicht sauer. Die WAZ meint, dass es ohne die dpa geht und beweist es. Aber wie? Im Vergleich zu anderen Regionalzeitungen wie den "Stuttgarter Nachrichten" oder dem Berliner  "Tagesspiegel" sehe ich aber gravierende Unterschiede in der Qualität. Das finde ich schade für den Leser.

kress: In 60 Jahren dpa waren Sie erst der vierte Chefredakteur der dpa. Bekommen dpa-Chefs keine attraktiven Angebote?

Herlyn: Doch. Aber die Agenturarbeit macht süchtig nach Nachrichten. Agenturleute hängen sehr viel stärker an diesem Tropf als die Redakteure einer Tageszeitung. Für mich persönlich bot sich zudem viel Spielraum, die Agentur zu entwickeln. Der Druck der Kunden ist stetig gewachsen. Salopp gesagt: Immer, wenn ein Angebot kam, steckte ich mitten in einer Reform, in der ich die dpa nicht verlassen wollte.

kress: Hängen Sie noch am dpa-Ticker?

Herlyn: Ich bin auf Entzug. Allerdings kann ich ohnehin nicht mehr gestalten, wozu also morgens um sechs Uhr Deutschlandfunk hören? Ich schlafe aus und versorge mich am Kiosk. Heute lese ich sehr selektiv, "SZ", "FAZ", "Handelsblatt".

kress: Was halten Sie von Twitter und Facebook?

Herlyn: Ich twittere nicht und bin nicht bei Facebook, aber es reizt mich. Inzwischen halte ich beides für unerlässliche Quellen, die es aber, wie andere auch, nachzuprüfen gilt. Auch wenn ich Twitterer mit Logorrhoe ätzend finde, die Auseinandersetzung auf dieser Plattform zu Ägypten und Gaddafi etwa, empfand ich als sehr spannend.

kress: Was würden Sie über Ihren Freund Heiner Bremer twittern?

Herlyn: Sie spielen auf die Geschichte mit dem "Bild"-Leserfoto an. Darüber habe ich mich im Nachhinein über mich sehr geärgert, eine Urlaubslaune. Aber Heiner Bremer urlaubt dennoch weiterhin mit mir.

kress: Sie hatten versprochen, von dem "Bild"-Honorar ein Abendessen zu spendieren. Was haben Sie aufgetischt?

Herlyn: Unser Essen können wir selbst finanzieren. Wir haben das Honorar, 500 Euro, an das Hilfswerk von Christl Bremer gespendet. Sie ist Gründerin der Stiftung Phönikks für krebskranke Kinder und deren Angehörige. Dort ist das Geld mit Sicherheit besser investiert.

Interview: Nico Kunkel

Dieses Interview erschien im gedruckten kressreport unter der regelmäßigen Rubrik "Wiedervorlage". Hier geht's zum Abo.

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