Baur setzt sich im Machtkampf durch: Wolfram Weimer verlässt den "Focus"

 

Wolfram Weimer ist nicht mehr Chefredakteur des "Focus": Burda-Vorstand Philipp Welte hat sich am Montag von ihm getrennt. Weimer verlässt das Magazin nach offizieller Ansage, um sich "neuen Projekten zuwenden zu können", bleibt ihm aber als Berater verbunden. Tatsächlich dürfte Weimer in einem Machtkampf mit dem zweiten Chefredakteur, Uli Baur, unterlegen sein.

Wolfram Weimer ist nicht mehr Chefredakteur des "Focus": Burda-Vorstand Philipp Welte hat sich am Montag von ihm getrennt. Weimer verlässt das Magazin nach offizieller Ansage, um sich "neuen Projekten zuwenden zu können", bleibt ihm aber als Berater verbunden. Tatsächlich dürfte Weimer in einem Machtkampf mit dem zweiten Chefredakteur, Uli Baur, unterlegen sein. Der ist nun alleiniger "Focus"-Chefredakteur.

Weimer sei vor einem Jahr in die Chefredaktion eingetreten, "um das Magazin zurückzuführen auf einen Kurs von höherer journalistischer Relevanz, besonders in politischen und ökonomischen Zusammenhängen", heißt es auf einer Burda-Website. Dieser Kurs habe "zu einer klaren Positionierung im Werbemarkt und zu drei Quartalen mit teilweise deutlich wachsendem Einzelverkauf gegen den Trend der Marktentwicklung" geführt. Weimer werde die Burda News Group und deren Geschäftsführer Burkhard Graßmann auch in Zukunft beraten und dabei in erster Linie die strategische Allianz mit dem "Economist" ausbauen. Der von ihm begonnene Weg der "inhaltlichen Erneuerung" werde "mit aller Konsequenz weiter verfolgt".

Soweit die gesichtswahrende offizielle Darstellung. Tatsächlich dürfte Burda die Konsequenz daraus gezogen haben, dass die Doppelspitze aus Baur und Weimer nicht funktionierte. Es herrsche Krieg zwischen den beiden, schrieb die "Süddeutsche Zeitung" vor einer Woche und prophezeite einen baldigen Showdown. Der ist nun entschieden - zugunsten von Uli Baur.

Baur, eher von hemdsärmeligem Naturell, ist ein Gefährte und Gefolgsmann von "Focus"-Gründer und -Herausgeber Helmut Markwort. Als sich im vergangenen Jahr der Intellektuelle Wolfram Weimer an Baurs Seite einfand, war von dem häufig nur noch am Rande die Rede. Weimer bestimmte mit Ankündigungen wie der, den "Focus" auf Augenhöhe mit dem "Spiegel" zu bringen, die Schlagzeilen. Doch in dem Maße, in dem Weimers Pläne nicht vollumfänglich verfingen, gewann der zweite Chefredakteur an Selbstbewusstsein und Gewicht. "Aus dem Schatten seines neuen Kompagnons ist Baur aber zumindest in der internen Wahrnehmung herausgetreten: Redakteure, die vor einem Jahr noch von Weimer schwärmten, rühmen nun den Mann an seiner Seite", schrieb der kressreport schon im April. Mit anderen Worten: Weimer fand auch in der Redaktion zunehmend weniger Rückhalt. Für Verärgerung sorgte dort zudem eine seiner Aussagen in einem "Zeit"-Interview, mit der er im April die vermeintliche Trendwende beim "Focus" für sich reklamierte: "Die Redaktion hat unangenehme Etappen hinter sich, aber nun fühle ich mich ein wenig, als hätte ich das Dornröschen wachgeküsst. Die dornige Zeit liegt hinter mir."

Die "SZ" berichtete am 19. Juli, dass der Konflikt zwischen Baur und Weimer zuletzt eskalierte. So soll es im Juli zum Krach vor versammelter Mannschaft gekommen sein, als Baur den Kulturteil auf eine Seite eindampfte, was Weimer wieder rückgängig machte. Im Streit um die Macht beim "Focus" dürfte Baur die Unterstützung seines alten Förderers Helmut Markwort gehabt haben, der bei dem Magazin immer noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat.

Die Machtfrage ist nun geklärt beim "Focus", aber alles andere ist offen: Weimers Kür zum Chefredakteur war auch eine Reaktion auf den langanhaltenden Auflagen- und Bedeutungsschwund bei dem Magazin. Baur und Markwort hatten dagegen seinerzeit kein Kraut mehr gefunden. Aber vielleicht bedeutet der Abschied von Wolfram Weimer beim "Focus" ja nicht für alle Zeit die Absage an das Prinzip der Doppelspitze.

Ihre Kommentare
Kopf

caligula

26.07.2011
!

Unglaublich-und Markwort darf weiterhin seinen überflüssigen Senf im Focus abladen, während der beste Mann das Blatt verlässt. Wolfram Weimer ist einer, dessen (konservative) politische Sicht ich nicht teile, aber er ist unzweifelhaft einer der besten Blattmacher. Als er "cicero" verließ, wurde dieser fad, als er zu "focus" stieß, wurde dieser feuriger---und jetzt bleiben nur noch die Langweiler.


Frederik Weiss

26.07.2011
!

Die "Focus"-Auflage wird in absehbarer Zeit beweisen, dass nostalgisches Spitzenpersonal bei politischen Magazinen nicht mehr in die heutige Zeit passt. Wie lange sich ein Hubert Burda, oder seine Adlaten wie Welte, diesen Nostalgieschmusekurs leisten können, wird sich "unterm Strich" zeigen. Chefredakteure als Vertreter des "das haben WIR schon immer so gemacht" und Herausgeber, die noch heute in Traumauflagezeiten von Fernsehzeitschriften leben, sind passé. W. Weimer alles Gute für "Neues"!


Bernd Nohse

26.07.2011
!

Jetzt können sie in München weiter ihre kopfgeborenen Service-Schnurren aufmachen. Der Spiegel hat ja in dieser Woche auch einen neuen Tiefpunkt der politischen Berichterstattung auf dem Titel erreicht. Die Auflagenentwicklung wird sie strafen... Dem Kollegen Weimer die besten Wünsche!


AKS

26.07.2011
!

@ Frederik Weiss: "nostalgisches Spitzenpersonal" - das haben Sie jetzt sehr schön gesagt! Gefällt mir. Und außerdem: Warum wohl hatte man Herrn Baur nach dem Ausscheiden Herrn Markworts die Alleinverantwortung für das Heft nicht gleich zugetraut...? Hier hat wohl einer das Problem des "ewigen Zweiten" und nun beißt er die Konkurrenz einfach weg. Mal gucken, wer sich als Nächster in den Ring wagt - und wer am Ende übrig bleibt.


Theodor Fruendt

26.07.2011
!

Es setzen sich doch immer wieder die Pragmatiker durch, nicht diejenigen, die nach den Sternen greifen: heißt "strategische Allianz" mit dem "Economist".

Dieser Anspruch, abgesehen von "strategischer Allianz", hätte für Kollegen beim Focus bedeutet, über das Niveau der Hamburger Blattmacher hinaus nicht nur besser zu schreiben sondern auch über ein besseres Netzwerk von unabhängigen Kollegen zurück greifen zu können. Diese Vorsetzungen aber hatte Markwort schon erfolgreich eliminiert.


York

26.07.2011
!

Am 17. Juli 2015 wird der Focus eingestellt.


Prof. Moriarty

27.07.2011
!

@ Bernd Nohse: Da bin ich zum Glück nicht der Einzige der den akt. Spiegel als mies empfindet! Schon das zweite "stern"-Thema in diesem Jahr auf dem Spiegel-Cover (das dachte ich als ich den Spiegel aus dem Briefkasten zog). Jetzt fehlen nur noch die Top 500 Irgendwas-Titel beim Spiegel, bei Focus werden sie garantiert kommen! Mit solchen Themen gräbt der Spiegel sein eigenes Grab und wird bald dort landen wo Focus schon längst ist, in der Bedeutungslosigkeit!


Stefan

27.07.2011
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Diese Entscheidung des Focus kann ich absolut NICHT nachvollziehen! Ich habe nur wegen Wolfram Weimer das Magazin gekauft, er war ein Lichtblick für den Focus! Und jetzt wird er nach so kurzer Zeit wieder gegangen? Für mich eine fatale Entscheidung...


Stefan

27.07.2011
!

Diese Entscheidung des Focus kann ich absolut NICHT nachvollziehen! Ich habe das Blatt stets nur wegen Herrn Weimer gekauft! Er war ein Lichtblick für den Focus. Stellte er doch eine wirkliche Alternative dar zu STERN, Spiegel usw. Für mich eine absolute Fehlentscheidung Herrn Weimer zu entlassen. Das Thema Focus hat sich nun für mich auch erledigt!


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