Condé Nasts "Wired" im kress-Check: Eine Gloriole für die Geeks

 

Für ein Magazin, das zuletzt oft als Bilderbuch für die Kaffeetischchen der Digitalbohème belächelt wurde, wird in der ersten deutschen "Wired"-Ausgabe (Verlag: Condé Nast) viel um Worte gerungen. Chefredakteur Thomas Knüwer knipst den Heiligenschein der angeblich so fortschrittlichen "Geeks" an und rückt sie von Freaks und E-Nerds ab. Kein Wunder, will "Wired" doch mindestens so aufgeweckt daherkommen wie sein US-Vorbild.

Für ein Magazin, das zuletzt oft als Bilderbuch für die Kaffeetischchen der Digitalbohème belächelt wurde, wird in der ersten deutschen "Wired"-Ausgabe (Verlag: Condé Nast) viel um Worte gerungen. Chefredakteur Thomas Knüwer knipst den Heiligenschein der angeblich so fortschrittlichen "Geeks" an und rückt sie von Freaks und E-Nerds ab. Kein Wunder, will "Wired" doch mindestens so aufgeweckt daherkommen wie sein US-Vorbild.

Dass bei dem publikumswirksam entwickelten Vorzeigestück aus dem Münchner Verlag unter Geschäftsführer Moritz von Laffert eine Klein-Klein-Lösung herauskommen würde, war nicht zu erwarten. Auf 134 Seiten versucht sich "Wired" an Opulenz (trotz der etwas kleiner als A4 geratenen Heftgröße) und punktet, wie zu erwarten war, mit aufwendigen Illustrationen, ungewöhnlichen Fotos und einer insgesamt angenehm "geekigen" Grafik (Art Director: Markus Rindermann).

Der Anspruch des neuen Titels, der erstmalig nur als Supplement zur Oktober-Ausgabe der "GQ" sowie als eigene iPad-App erscheint, quillt aus allen Poren. "Was ,Vogue' in der Modewelt ist, ist ,Wired' in der digitalen Welt - ein Magazin mit internationaler Relevanz und Kultstatus", liest sich das Selbstverständnis des Verlags.

Jeff Jarvis lobt Gutenberg, den Geek

Tatsächlich hat Thomas Knüwer, im Alltagsberuf Blogger von "Indiskretion Ehrensache" auch für die Texte, darunter einige längere Lesestücke wie die spannende "Darknet"-Reportage von Michael Moorstedt, namhafte Autoren an Land geholt. Als Deutschland-Fan outet sich etwa Jeff Jarvis, der Buchdruck-Erfinder Gutenberg als Ur-"Geek" und damit als eigentlichen Vater der Digitalrevolution ehrt. Seine Botschaft in einem überraschungsfreien Artikel, der auch als Festrede von Hubert Burda durchgehen hätte können, ist aufmunternd: "Hört also gut zu, ihr Programmierer, Ingenieure, Designer und Unternehmer: Euer Ziel muss es sein, Johannes Gutenberg nachzueifern, dem ersten Geek aus Germany."

Der im digitalen Diskurs nicht minder präsente Richard Gutjahr lobt in einem kurzen Feature dagegen die Innovationsfreudigkeit der Israelis, während sich Tobias Moorstedt auf eine Bettlaken-Recherche rund um das Sexual-Network-Phänomen Badoo einlässt. Ähnlich lesenswert auch ein Stück von "Augen geradeaus"-Blogger Thomas Wiegold über Martialisches aus dem Cyberwar. Was all diese Artikel eint: Sie hätten einst auch in einem Lad-Magazin wie "FHM" stehen können, während Aufmachung und Anspruch doch eher in Richtung des Schwestertitels "AD" oder dezidiert Gehaltvollem Marke "Cicero" oder "Economist" gehen. 

Redaktionelle Anzeigen für BMW, Sky und Canon

Die größte Herausforderung an Leser, die sich gerne an intelligenten Mutmacher-Artikel wie Gunter Duecks Replik auf die Anti-Google-Vorwürfe von "FAZ"-Mann Frank Schirrmacher festlesen dürften, ist es jedoch, die Tücken der Gestaltung im Hinterkopf zu bewahren: Die blass gedruckte Rubrizierung "Wired Promotion" setzt etwa eine vierseitige redaktionelle Anzeige, die sich wie ein Testbericht über BMW-Zukunftskonzepte liest, vom restlichen Heft ab.

Ähnlich pfiffig sind Kunden wie Canon oder Sky eingebunden. Hoffnungen im offensichtlich gut gebuchten Heft ruhen auch auf Crossmedia-Kampagnen, die sich auch auf die App erstrecken. Als Kunden fürs Heft-Debüt konnte Senior Publisher Wolfgang Winter Kunden wie Lenovo, O2 oder Bang & Olufsen gewinnen.

Wie es mit "Wired" weitergeht, ist offiziell noch offen. Gedruckt wurde eine Startauflage von 160.000 Exemplaren, die für 5 Euro zusammen mit "GQ" erhältlich ist. Nach der Bundle-Phase kommt "Wired" zum Preis von 3,80 Euro einzeln an den Kiosk. Der iPad-App kostet 2,99 Euro. Ob jeder, der beherzt zugreift, durch die durchaus kurzweilige Lektüre auch automatisch zum fortschrittlichen Geek wird, kann der Verlag allerdings nicht garantieren. Zur Not kommt "Wired" eben wieder aufs Kaffeetischchen.

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