"Philosophie Magazin" und "Hohe Luft" im kress-Check: Lesefutter für die Generation XY Unorientiert

 

Wer bislang nur in den schwarzen Rolli-Pullover schlüpfte, um Nachschub an Gauloises filterlos zu kaufen, wird überrascht sein, dass ab sofort am Kiosk mit dem "Philosophie Magazin" (Verleger: Fabrice Gerschel) und "Hohe Luft" (Verlag: Inspiring Network) gleich zwei Titel für Leser mit (gefühlter) Hochschulreife liegen. Beide Neustarts sind ambitioniert und werfen ziemlich große Fragen auf.

Wer bislang nur in den schwarzen Rolli-Pullover schlüpfte, um Nachschub an Gauloises filterlos zu kaufen, wird überrascht sein, dass ab sofort am Kiosk mit dem "Philosophie Magazin" (Verleger: Fabrice Gerschel) und "Hohe Luft" (Verlag: Inspiring Network) gleich zwei Titel für Leser mit (gefühlter) Hochschulreife liegen. Beide Neustarts sind ambitioniert und werfen ziemlich große Fragen auf. 

Lebenshilfe für die existenziellen Fragen des Alltags

"In was für einer Art von Welt würdest du gerne leben?", möchte etwa die von der erfolgreichen französischen Schwesterpublikation inspirierte Adaption "Philosophie Magazin" wissen - und lässt die Frage in einem Streitgespräch zwischen Top-Autor Julian Assange (der zum Glück nur in der flankierenden Pressemitteilung falsch geschrieben wird) mit dem Tierschützer und Moralphilosophen Peter Singer klären.

"Hohe Luft", die zweite Neuerscheinung aus dem "Emotion"-Verlag von Herausgeberin Katarzyna Mol, lässt ihren Chefredaktuer Thomas Vasek in eine ähnliche Kerbe hauen: "Wer sind wir? Wie sollen wir leben? Und was bedeutet das alles?", wirft er in seinem Editorial auf. 

Rein äußerlich haben beide Titel, die jeweils 100 Seiten füllen, einiges gemeinsam  - etwa eine Hinwendung zu Themen, die zum Nachdenken anregen, ohne dogmatisch oder künstlich sperrig wirken zu wollen. "Wir holen die Philosophie vom akademischen Diskurs zurück ins Leben", sagt etwa Thomas Vasek und illustriert dies an einem Neun-Seiten-Essay über die sehr praxisnahe Frage, ob und wie man im Alltag lügen darf oder muss.

Ähnlich tief in die Vollen greift "Philosophie Magazin"-Chefredakteur Wolfram Eilenberger (bislang in Diensten von "Cicero" und "Tagesspiegel") mit der im 27-Seiten-Dossier ausgewälzten Frage, warum man heutzutage überhaupt noch dem Kinderwunsch nachgeben sollte. 

Modell "Focus" vs. Modell "Brand Eins"

Im Detail (und die Liebe steckt bekanntlich in Selbigem) unterscheiden sich beide Zeitschriften, die angeblich natürlich völlig zufällig fast am gleichen Tag erscheinen, erheblich. Grob gesagt könnte man es auf folgenden Nennen bringen: Das "Philosophie Magazin" folgt dem Prinzip "Focus" (was nicht nur am grottigen Cover liegt), der puristisch gestaltete Mitbewerber "Hohe Luft" dem eher elitären Erfolgsrezept "Brand Eins".

Die Lesestücke, die in beiden Fällen dem Thema angemessen deutlich länger als in vergleichbaren Frauen-Ratgeber-Titeln ausfallen, entfalten sich bei der Hamburger Neuentwicklung, die sich etwas hochtrabend nach dem gleichnamigen Stadtteil nennt, noch üppiger. Die Illustrationen (Art Directorin: Gabriele Dünwald) bleiben dort gleichzeitig karg.

Das "Philosophie Magazin", das dem Vernehmen nach ursprünglich einmal mit Katarzyna Mol und Chefredakteur Vasek über ein Redaktionskooperation verhandelt haben soll, die letztlich scheiterte, setzt trotz "Cicero"-esken Großbildeinsatzes auf viel kleinteilige Elemente wie Info-Kästen oder plakativ hervorgehobene Zitat-Anreißer. Außer einer Portärt-Fotostrecke gibt es in "Hohe Luft" ohnehin so gut wie keine Abbildungen, was allerdings das Lesevergnügen nicht unbedingt mindert.

Willkommen in der Richard-David-Precht-befreiten Zone

Auf der Autorenseite punktet das "Philosophie Magazin" mit mehr Hochkarätern - darunter Gastschreibern wie Daniel Kehlmann, dem unvermeidlichen Florian Henckel von Donnersmarck, Juli Zeh oder 3sat-Moderator Gert Scobel. Den Zeilenschinder und Talkshow-Dauergast Richard David Precht, der mit seinem Bestseller "Wer bin ich - und wenn ja wie viele?" die alltagsphilosophische Lebenshilfe erst wieder salonfähig gemacht hat, verkneifen sich zum Glück beide.

Vermarkterisch schlägt sich der deutsche Schwestertitel zum in Frankreich als "Magazin des Jahres 2010" gekürten Neustart ebenfalls etwas cleverer: Dank der  Buchbesprechungsstrecke (die ebenfalls sehr wimmelig ausfällt) konnte der Verlag immerhin 20 Anzeigenseiten akquirieren, auf denen 15 Verlage inserieren. Zehn Markenartikler (auf 9 1/2 Anzeigenseiten) haben den Weg in die "Hohe Luft" gefunden.

Daumen drücken für aufgeschlossene Leser

Unterm Strich geht der Sympathie-Bisou an die "Hohe Luft", die mit einer 70.000er Auflage ins Rennen startet und einen Copypreis von acht Euro verlangt. Ob und wie der Titel in die Periodizität geht, muss erst noch der Verkauf entscheiden. Im besten Fall könnte es ab Juli 2012 zweimonatlich erscheinen.

Das "Philosphie Magazin" (Copypreis: 5,90 Euro) hat sich von Anfang an auf zehn Ausgaben pro Jahr festgelegt, muss aber auch erst einmal möglichst viele der 100.000 gedruckten Hefte an den aufgeschlossenen Leser bringen.

Und nun einen rabenschwarzen Kaffee. Und, hüstel, eine Gauloise.

Ihre Kommentare
Kopf

A. Pieper

17.11.2011
!

Philosophie Magazin für Galgenvögel?
„Hoheluft“ war im Mittelalter eine Hinrichtungsstätte in der Gegend zwischen dem heutigen Eppendorf und Eimsbüttel. Die Verurteilten wurden zur Vollstreckung in einen Galgenturm gebracht, wo sie wenige Sekunden die frische hohe Luft atmen konnten.


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