Hinter den Kulissen eines Bundesliga-Topspiels: Wie der 3D-Ball rollt

 

Das Pricklen in der Arena kann das 3D-Fernsehen natürlich noch nicht wirklich ersetzen. Und auch über die Finanzierbarkeit der Angebote macht sich Sportcast-Geschäftsführer Josef Nehl, der für Abnehmer wie Sky und Liga total! das 3D-Sendesignal produziert, keine Illusionen. "Geschäftsmodelle, die rein auf 3D-Übertragungen basieren, sind gegenwärtig noch nicht absehbar", sagt er. Dennoch setzt die DFL-Tochter technische und dramaturgische Standards.

Das Pricklen in der Arena kann das 3D-Fernsehen natürlich noch nicht wirklich ersetzen. Und auch über die Finanzierbarkeit der Angebote macht sich Sportcast-Geschäftsführer Josef Nehl, der für Abnehmer wie Sky und Liga total! das 3D-Sendesignal produziert, keine Illusionen. "Geschäftsmodelle, die rein auf 3D-Übertragungen basieren, sind gegenwärtig noch nicht absehbar", sagt er. Dennoch setzt die DFL-Tochter technische und dramaturgische Standards.

"Wir produzieren komplett doppelt", sagt Josef Nehl, der als Geschäftsführer der 100-prozentigen DFL-Tochter Sportcast für die 3D-Übertragung der wöchentlichen Topspiele zuständig ist, "und das parallel zur herkömmlichen Spielproduktion in 2D". Die übernimmt seine Firma selbstverständlich weiterhin auch noch, nur dass die Nachfrage von Plattformen wie Sky oder Liga total!, die sich mit attraktiven 3D-Inhalten schmücken wollen, zunehmend größer wird. Anstatt das Geschäft mit den bewegten Bildern anderen zu überlassen, entschloss sich die Bundesliga, in das Geschäft mit der 3D-Fernsehproduktion, für die Sportcast nun das komplett konfektionierte Sendesignal erstellt, einzusteigen. Und das zu nicht gerade unbedeutenden Kosten, über die aber eisern geschwiegen wird.

Doppelter Aufwand für Bilder in 3D

"Der erhöhte Aufwand fängt schon damit an, dass auf dem Ü-Wagen-Stellplatz mehr Strom gebraucht wird", erklärt Josef Nehl, wenn auch das der vergleichsweise bescheidenste Posten ist. Der größte Investitionsbedarf betraf die Kameras: Wo bislang eine stand, nehmen jetzt zwei auf einem gemeinsamen Stativ oder einer komplizierten Rig-Konstruktion montierte Kameras direkt nebeneinander zwei leicht versetzte Fernsehbilder auf - die in ihrer Perspektive jeweils dem linken und dem rechten menschlichen Auge entsprechen. Konkret bedeutet es, dass Sportcast pro Spielübertragung acht zusätzliche 3D-Kameras in den jeweiligen Topspiel-Arenen aufstellt.

"Wir touren mit dem 3D-Produktionstross durch alle Stadien der Bundesliga", sagt Hans-Peter Klein, der als Produktionsverantwortlicher im Auftrag von Sportcast unterwegs ist, jeweils alle Kameras positioniert und dabei Kilometer von Kabeln verlegt. Anders als die Kollegen von der herkömmlichen Übertragungstechnik, die meist erst am Spieltag anreisen, ist Klein und sein insgesamt rund 40 Mann starkes Team - darunter auch viele Helfer, Kabelträger, bis hin zu den 3D-Spezialisten, den sogenannten Stereografen - schon einen Tag vor Anpfiff im Stadion. Dabei gehen die Herausforderungen erst wirklich los, wenn das Spiel läuft - was an der ganz speziellen Dramaturgie einer Partie liegt, die sie grundlegend etwa von 3D-Spielereien auf der großen Hollywood-Leinwand unterscheidet. "Wir sind nicht Kino. Wir erzählen ein Fußballspiel", sagt Josef Nehl. "Bei einem Film steht vorher die Story fest, beim Fußball eher nicht."

Flache Kameraperspektiven für extra viel Tiefenwirkung

Was wie ein Binse klingt, hat für die Kameraleute und den Regisseur, der letztlich in Sekundenbruchteilen die Entscheidungen für das fertige Übertragungssignal treffen muss, grundlegende Bedeutung. Das gilt zwar für jedes Live-Spiel, jedoch bringt die 3D-Technik einen geringfügig anderen Inszenierungsstil mit sich. Am liebsten haben es die Techniker, wenn sie in den Stadien mit den beiden sogenannten Führungskameras, die aus leicht erhöhter Position die bekannte Überblickssicht aufs Feld bieten, möglichst flach auf das Spiel blicken können. So kommen die Vorzüge der 3D-Technik am besten zur Geltung. "Für eine optimale Tiefenstaffelung sind grundsätzlich flache Kamerapositionen am besten geeignet", sagt Hans-Peter Klein. Nicht in jeder Arena kann er das gleich gut umsetzen. "Wir passen uns jeweils den Gegebenheiten in den Stadien an."

Überhaupt ist das Bestreben erkennbar, trotz der vielen neuen Möglichkeiten der Zukunftstechnologie, den Ball zunächst möglichst flach zu halten, vieles auszuprobieren, aber sich Sperenzchen zu verkneifen - auch um die Zuschauer nicht zu überfordern. "Es geht uns nicht um Effekthascherei", sagt Sportcast-Chef Nehl, "sondern darum, den Zuschauern die Tiefe des Raums zu vermitteln." Nur in der um die dritte Dimension ergänzten Übertragung erschließe sich die Ästhetik von Angriffsstafetten, wie Jürgen Konrad, der technische Leiter der 3D-Übertragung es sieht. "Man sieht das Spielgeschehen, als ob man direkt im Stadion mit dabei ist."

Bloß nicht zu nah an den Kameras jubeln

Um diese Wirkung voll auszuschöpfen, eignen sich auch die beiden fest installierten, jeweils bemannten Kameras am Spielfeldrand, die vor allem Zweikämpfe, bis hin zu Fouls im Slow-Motion-Verfahren, besonders plastisch einfangen können. Gerne darf das auch mal spektakulär aussehen - ohne dass man gleich an die fliegenden Piraten-Säbel aus 3D-Kinohits wie der "Fluch der Karibik"-Reihe denken müsste. "Wenn der Ball auf die Kamera zufliegt", so Marcus Olschweski, ein erfahrener 3D-Fußball-Regisseur, "dann bleibe ich natürlich drauf. Diesen Effekt wünscht sich doch jeder Regisseur."

Allerdings muss er auch umdenken, wenn er statt 2D- immer häufiger 3D-Spiele fährt, weil sich nicht alle Lieblingseinstellungen für die modernste Übertragungstechnik eignen. "Einen bestimmten Abstand zu den Spielern darf man für das optimale 3D-Bild nicht unterschreiten", sagt Olschewski. Gelegentlich verlangt er seinen Kameraleuten Distanz ab, auch wenn man als TV-Macher instinktiv an den Akteuren kleben möchte. Die Spieler für das optimale 3D-Bild zu schulen, käme natürlich gar nicht erst in die Tüte. "Wir können und wollen den Spielern gar keine Tipps fürs Agieren vor der Kamera geben", so Olschewski. "Sie sollen schön spielen - und Tore schießen."

Aufwendige Live-Bearbeitung im Truck

Tatsächlich ist die Erstellung eines wirkungsvollen 3D-Bildes ein komplexer technischer Vorgang, der mit den beiden Kameralinsen nur anfängt. Das eigentliche Herzstück der Sportcast-Übertragung residiert in einem zusätzlichen Produktionslaster, der direkt neben dem Ü-Wagen mit der Regie parkt. Hier laufen in der sogenannten Stereografie alle Bildsignale der Kameras zusammen - und werden für den Einsatz in der Regie geprüft. Grob gesagt, ist jeder Kamera ein Techniker zugeordnet, der eine optimale Überlagerung der beiden leicht versetzten Bildeinstellungen garantiert, die das 3D-Bild erst ermöglichen.

Wie so häufig, sitzt der Teufel nämlich im Detail. "Wir stellen mit unseren Kameras ein Bild her, das eine weitaus größere Tiefenschärfe als der menschliche Blick hat", sagt Jürgen Konrad. Daher müssen laufend Nachkorrekturen vorgenommen werden, um zu verhindern, dass den Zuschauern bei einem unsachgemäß justierten Bild vor dem Bildschirm Kopfschmerzen verursacht werden. Was natürlich nicht vorkommt, wenn die Stereografen ihren Job gut machen. Außerdem unterstützt Mutter Natur kleinere optischen Tricks. "Unser Gehirn leistet große Hilfe, wenn aus zwei Kamera-Bildern im Kopf schließlich ein ganzer Raum entsteht", sagt Stereografie-Experte Konrad.

Große Hoffnungen auf 3D-Effekt ohne Brillen

"Bei uns ist live wirklich live", bilanziert daher Josef Nehl. Jeder Handgriff muss sitzen. "Nach 90 Minuten ist das Spiel vorbei. Wir haben keine Nachbearbeitungszeit." Anders als Kino-Regisseure, die den Einsatz von 3D-Kameraeinstellungen bis ins Detail vorplanen können, müssen die Fußball-Experten schnell reagieren. Dass sich der Aufwand, wenigstens für ein Prestige-Produkt zum Vorzeigen, lohnt, davon ist der Sportcast-Manager überzeugt. "Irgendwann wurde das Fernsehen auch von Schwarz-Weiß auf Farbe umgestellt, genauso werden wir eines fernen Tages möglicherweise auch von 2D komplett auf 3D umschalten." Dass der Weg dahin ein langer (und weiterhin äußert kostspieliger) sein kann, weiß Nehl allerdings auch.

Große Hoffnungen setzt Nehl auf die brillenlose Technik, deren Durchbruch aber noch auf sich warten lässt. "Sich zu Hause eine Brille aufsetzen zu müssen", sagt er, "kann noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein". Immerhin sei das Vergnügen beim Betrachten eines großen Kicks ja noch ein "Gemeinschaftserlebnis" - und da möchte man möglichst uneingeschränkt jubeln können. Nur in einem Punkt sind sich selbst die optimistischsten Technik-Enthusiasten einig. "Wenn das Spiel langweilig ist", so Josef Nehl, "hilft am Ende auch die 3D-Technik wenig".

Ihre Kommentare
Kopf
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.