Die große Branchenprognose von Werner Lauff: So wird das Medienjahr 2012

28.12.2011
 

Doch, in Sachen Medien war es ein gutes Jahr. Die Free-TV-Sender haben ihre alte Stärke im Werbemarkt zurückerobert. Die Kabelnetzbetreiber sind beim Triple Play gewachsen. Die SES hat begonnen, HDTV zu monetarisieren. Sky überraschte mit Offenheit und Ideen. Apple und Google katapultierten uns in die mobile Ära. Tablets und Smartphones wurden zu Alltagsbegleitern. LTE etablierte sich als weiteres breitbandiges Datennetz. Und alle deutschen Zeitungen haben die vergangenen zwölf Monate trotz Bedenken überlebt.

Doch, in Sachen Medien war es ein gutes Jahr. Die Free-TV-Sender haben ihre alte Stärke im Werbemarkt zurückerobert. Die Kabelnetzbetreiber sind beim Triple Play gewachsen. Die SES hat begonnen, HDTV zu monetarisieren. Sky überraschte mit Offenheit und Ideen. Apple und Google katapultierten uns in die mobile Ära. Tablets und Smartphones wurden zu Alltagsbegleitern. LTE etablierte sich als weiteres breitbandiges Datennetz. Und alle deutschen Zeitungen haben die vergangenen zwölf Monate trotz Bedenken überlebt.

Aufschwung für Pay

Manche dieser Erfolge konnte man so nicht erwarten. Wer hätte gedacht, dass es HD+ gelingen würde, zwei Drittel der Nutzer nach dem kostenfreien Probejahr in zahlende Kunden zu verwandeln? Wer hätte es Sky zugetraut,  nach vielen Jahren des Mauerns und Abschottens plötzlich flexibel auf die Wünsche der Abonnenten und die Belange der Netzbetreiber zu reagieren? Wer hätte geglaubt, dass die filmorientierten Sender in den entgeltpflichtigen Paketen der Netzbetreiber nach wie vor Geld verdienen, obwohl der legale und illegale Bewegtbild-Wettbewerb via Internet stark zugenommen hat? Nimmt man alle diese Entwicklungen zusammen, kann man sogar behaupten, dass 2011 seit langer Zeit das wichtigste Jahr für entgeltliches Fernsehen in Deutschland war.

Diese Entwicklung wird 2012 noch ein Stück weitergehen. Das positive Image von HD+ wird Früchte tragen. Der Handel ist professioneller eingebunden als bei jedem anderen Produkt zuvor, der Anteil an nativem HD-Inhalt steigt, die Sender machen aktiv Werbung für ihre hochauflösenden Kanäle und die Abschaltung des analogen Satelliten wird zu weiteren HD+-Erstkunden führen. Allianzen mit Sky und der Telekom beim Produkt Entertain Sat bewirken zusätzliche Reichweitenzuwächse. Hinzu kommt, dass HD+ sich nun – unter anderem über Facebook – der Community der Bezahl-TV-Gegner stellt, die seit Jahren verlangen, Fernsehen habe entgelt-, gebühren- und am liebsten auch noch werbefrei zu sein. Es gibt in der Tat Anlass, immer wieder zu erklären, warum werbefinanzierte Sender die derzeit beste Gelegenheit zur Diversifikation in Richtung "Pay" nicht vorüber gehen lassen und bei dieser Gelegenheit dann auch für einen wirksamen Rechteschutz sorgen wollen.
Ähnliches gilt für Sky. Selbst viele derjenigen, die bereits ein- oder zweimal Premiere-Kunden waren und eigentlich von Pay-TV genug hatten, sind inzwischen bereit, wieder über ein Abo nachzudenken. Dazu trägt maßgeblich die Kommunikationspolitik des Senders bei: Verkündet wird inzwischen nur noch, was erreicht ist, und nicht mehr wie früher, was irgendwann mal kommen soll. Zwar hat Sky noch viele Baustellen; es gilt, sich mit Unity zu versöhnen, den immer noch starren Kundenservice zu verbessern und die Verfügungsgewalt über die eigene IT wieder zu erlangen. Aber die Präsenz von Sky auf PC und iPad, das Produkt "Sky anytime", die flexible Integration des Abonnements in andere Plattformen und der weitgehende Verzicht auf proprietäre Hardware hat den Sender ein großes Stück nach vorne gebracht. 2012 kann Sky wachsen und nachhaltig die Gewinnzone erreichen, vorausgesetzt dass es in Sachen Bundesliga-Rechte keinen Rückschlag gibt.

Apps on TV

Steigende Werbeeinnahmen und die zunehmende Akzeptanz von Entgelten sind Entwicklungen, die nicht zur These passen, Free und Pay TV würden bald in Not geraten, weil immer mehr Menschen übers Internet fernsehen. Zwar zeigt das alles Wirkung: die zunehmende Penetration von Breitbandanschlüssen, die Reduzierung der Kosten für Flatfees, die starke Ausweitung legaler Streaming- und Video-on-Demand-Dienste (Zattoo, Lovefilm, Maxdome, RTL Now, Mediatheken von ARD und ZDF), die Virtualisierung des Recording (Save.TV) und natürlich das so einfach nicht zu stoppende illegale Verbreiten von Filmen und Serien. Wer aber glaubt, diese Dienste würden das klassische Fernsehen überrollen, am Ende gar ersetzen, vergisst, dass Zuschauer Qualität, Verlässlichkeit und Bequemlichkeit erwarten. Lineare Programme, wiederkehrende Sendeplätze, unterbrechungsfreie Ausstrahlung und Fernsehgenuss ohne Vorplanung stehen beim Zuschauer in allen Ländern der Welt nach wie vor hoch im Kurs.

Allerdings ist die Sachlage anders, wenn die bislang PC- oder Tablet-orientierten IP-basierten Dienste als Apps auf den Fernseher kommen. Dafür gibt es zwei mögliche Wege. Der eine besteht in proprietären Over-the-Top-Angeboten, für die Apple und Google TV, in USA auch Hulu und Netflix stehen. Apple TV kann hierzulande bereits jeder nutzen; der Dienst läuft in einer Zusatzbox zum Fernsehgerät (die merkwürdigerweise mal 99, mal 109 und mal 119 Euro kostet), bietet deutschsprachige Kinofilme, Radiosender und Videodienste wie YouTube oder Vimeo und integriert auch Videos, Musik und Fotos des Nutzers, sofern er diese Inhalte auf seinem PC freigegeben hat. Apples TV-Produkt ist Hard- und Software zugleich; Google TV ist hardwareneutral. In den USA setzte Google zunächst nur auf wenige Endgerätepartner, was zu einer reduzierten Nutzerschaft führte; inzwischen erklärte Google-Präsident Eric Schmidt, dass das Produkt bald weltweit – 2012 auch in Deutschland – auf fast allen TV-Geräten vertreten sein soll.
Die eigenbestimmte Alternative zu den Diensten aus Cupertino und Mountain View ist Smart TV auf HbbTV- oder HTML5-Basis. Das können Anwendungen sein, die die heute schon stattfindende Zweigleisigkeit der TV- und Datennutzung aufgreifen und Dienste wie E-Mail, Twitter und Facebook sowie Anwendungen wie WhatsApp, Skype und Reeder auf das TV-Gerät bringen. Es können Apps sein, die einfache Informationen geben: Wie wird das Wetter morgen (WeatherPro), welche Termine stehen an (Google Kalender), was ist zu erledigen (Wunderlist), was steht zu einem Thema im Lexikon (Wikipanion)? Daneben werden Audio-Streamingdienste wie Spotify, Simfy, Rara und Deezer auf den Fernseher kommen, ebenso wie Apps, die Medien der Nutzer darstellen, indem sie sie aus der Cloud importieren.

Allerdings würde mit all dem das Smart-TV-Potential nur unzureichend ausgeschöpft: Warum soll jemand abends das Mailprogramm oder den Twitter-Client wechseln, nur weil er vor dem TV-Gerät sitzt? Wieso soll er dazu nicht weiterhin seine neben ihm liegenden mobilen Geräte benutzen, die er auch tagsüber einsetzt? Die wirklich spannenden Apps sind daher wohl diejenigen, die auf dem Fernseher neue Arten des Fernsehens ermöglichen und die auf PCs oder Tablets weniger gut aufgehoben sind. Auch der ursprünglich PC-basierte Video-on-Demand-Dienst Netflix wurde erst erfolgreich, als er Partnerschaften mit Herstellern der Unterhaltungselektronik abschloss, um das Angebot ins Wohnzimmer zu bringen; mittlerweile ist Netflix auf über 250 Endgeräten vorinstalliert.

Es gibt einen großen Bedarf für Apps, die das lineare Fernsehen um nicht-lineare Angebote ergänzen, aber eben genau dort, wo Fernsehkonsum ganz überwiegend stattfindet (auf dem Fernseher) und mit genau dem Inhalt, der dort von jedem als allererstes erwartet wird (nämlich Fernsehen). Das können Apps sein, die Bewegtbilder bereithalten, und Apps, die Bewegtbilder begleiten. Kernpunkt ist die Verschränkung der Abrufangebote mit den Sendern, den Sendungen, den Sender- und Sendungsmarken und auch der Werbung; das unterscheidet die nationalen und regionalen Angebote von den zweigleisigen Over-the-Top-Diensten, und zwar so wirksam, dass Apple und Google nicht zu Angstgegnern werden müssen. Zwar haben beide mit ihren TV-Diensten den eigentlichen Medienbruch beseitigt – nun muss man nicht mehr zwischen Fernseher und PC wechseln, um Abrufdienste zu nutzen. Aber wenn es nur um parallele Inhalte geht, die mit dem aktuellen Fernseherlebnis nicht in Kongruenz zu bringen sind (wie es jetzt bei Apple TV der Fall ist), entsteht eine neue Unzulänglichkeit, die vor allem Auswirkungen auf die Nutzungshäufigkeit haben wird.

Daher kommt es 2012, im Jahr der Fernseh-Apps, nicht so sehr darauf an, wer die meisten Anwendungen auf den Bildschirm bringt, sondern wie stark sie im Sinne des "Red-Button-Konzepts" mit linearem Fernsehen kombiniert sind. Dabei konkurrieren Endgerätehersteller mit Netzbetreibern und Plattformen Dritter um die Gunst des Zuschauers. Inhalteanbieter werden in der Regel in mehreren Portalen vertreten sein. Allerdings sollten sie darauf achten, diejenigen Aggregatoren zu bevorzugen, die zum einen die größtmögliche Integration mit linearem Fernsehen ermöglichen, zum zweiten Marketingkonzepte haben, die den neuen Dienst professionell promoten und die drittens ein einfach zu nutzendes Micropayment-System haben, damit auch kostenpflichtige Inhalte abrufbar sind.

Besonders für die Kabelnetzbetreiber besteht nun die Möglichkeit, ihre Rolle neu zu definieren. Sie haben die Chance, Portale für Nutzer anzubieten, die viele Dienstleistungen bündeln: Lineares Fernsehen, Video on Demand, TV- und sonstige Apps und nicht zu vergessen Elektronische Programmführer. Liberty Global hat mit "Horizon" ein solches Produkt in den Niederlanden bereits erfolgreich getestet und wird es 2012 in Deutschland einführen. Wie zu hören ist, hat dieser Schritt in Richtung "Gateway" für Liberty größere Bedeutung als die Grundverschlüsselung, die der Netzbetreiber auf dem Verhandlungstisch beim Bundeskartellamt zugunsten der Genehmigung der Übernahme von KabelBW geopfert hat. Wenn man die These vertritt, jede Box mit Smartcard erhöhe die Wahrscheinlichkeit des Abschlusses von Zusatzabonnements und bringe Pay-TV nach vorn, mag man diesen Schritt bedauern. Aber ein wirklicher Verlust entstünde nur dann, wenn Unity das verschlüsselte Grundangebot auch wirksam promoted hätte. Daran hat es, von punktuellen Aktionen abgesehen, gefehlt. So wurde die Grundverschlüsselung, die als "Eintrittskarte" in die digitale Vielfalt gedacht war, für viele digitalisierungswillige Haushalte eher zum unverständlichen Hindernis. Viele Beobachter glauben, dass nun, nachdem jeder Haushalt auch mit preiswerten (Free-to-Air-) Boxen alle ihm vertrauten Fernsehsender digital sehen kann, 2012 in Nordrhein-Westfalen ein Digitalisierungsschub bevorsteht – vorausgesetzt, dass wenigstens der Wegfall der Grundverschlüsselung ordentlich bekannt gemacht wird.

Black Box Apple

Manche prognostizieren, Apple werde im Jahr 2012 den TV-Markt mit einem neuen Endgerät revolutionieren. Wie das gelingen soll, bleibt freilich nebulös. Es ist ja nicht etwa so, dass wir in unseren Wohnzimmern nur hässliche Fernsehgeräte besitzen und händeringend auf Jonathan Ive’s augenschmeichelndes Design warten. Auch sind unsere Fernbedienungen nicht so kompliziert, dass andere Steuerungen geradezu erlösende Wirkung hätten. Hinzu kommt, dass ein reines Over-the-Top-Modell wohl nicht ausreichend attraktiv wäre; ob Apple aber wirklich die Ochsentour durch ganz Europa macht, ohne die eine komplette Abbildung aller Netze, Programme und Verschlüsselungssysteme nicht möglich wäre, ist ziemlich fraglich. Dafür fehlt es bereits an einer wesentlichen Grundlage: Apple ist nämlich völlig unkommunikativ.

Was noch milde ausgedrückt ist; Apple ist für Medienunternehmen genau genommen eine Black Box. Zwar gibt es in vielen Ländern freundliche Apple-Mitarbeiter, die beauftragt sind, Verlage, Sender, Video-Dienste und andere Inhalteanbieter zu betreuen. Doch sie berichten immer wieder freimütig, dass sie nichts über Pläne und Einschätzungen in Cupertino wissen, was sie anekdotisch dadurch belegen, sie selbst hätten zwei Tage vor einem Modellwechsel unglücklicherweise noch ein altes Macbook Pro gekauft. Wer über sie Botschaften ans Apple-Management übermitteln will, könnte genauso gut einen toten Briefkasten aus dem kalten Krieg bestücken. Freilich blieben auch sämtliche Schreiben unbeantwortet, die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage direkt an iTunes-Chef Eddy Cue richteten. Der milderte zwar den Entwurf der geplanten Abonnement-Regelung (nun sind Lese-Apps auf dem iPad und dem iPhone wieder zulässig); das änderte aber nichts daran, dass Apple für die meisten Medienunternehmen nach wie vor ein Partner wider Willen ist.
2012 wird Apple dieses Einigeln abstellen müssen. Der mit großen Erwartungen gestartete "Newsstand" ist nahezu leer. Nur wenige Verlage nutzen iTunes für Abonnements. Und fast alle Medienunternehmen planen browserbasierte Apps in HTML5. Sie alle wünschen sich im Grunde eine gute Zusammenarbeit mit Apple. Ein Wechsel mit fliegenden Fahnen zu irgendeinem Konkurrenten scheidet ja aus. Wer überhaupt auf "casual devices" vertreten sein will, kommt insbesondere am iPad nicht vorbei, das in Deutschland unterschiedlichen Schätzungen zufolge bislang zwischen 1,1 und 2,3 Millionen Mal über den Ladentisch ging. Der aussichtsreichste Wettbewerber war HP’s "Touchpad" auf Basis von WebOS; doch ausgerechnet dieses Tablet verschwand wieder vom Markt, weil Interimschef Leo Apotheker den Ausstieg von HP aus dem Privatkundengeschäft verkündete. Es verbleiben Tablets auf Android-Basis, die sich bislang allesamt als nicht wettbewerbsfähig erwiesen. Außerdem ist der Android Marketplace nicht der beste Ort für Bezahlinhalte - die Akzeptanz kostenpflichtiger Apps ist in Apples Store dreimal größer. Das dürfte bei Amazons "Kindle Fire" anders sein, doch der E-Commerce-Profi erntet derzeit heftige Kritik, weil sein bislang nur in den USA erhältliches Sieben-Zoll-Tablet Kinderkrankheiten aufweist.

Anfang 2012 wird von verschiedenen Seiten auch ein Thema aufgegriffen werden, das in der Euphoriephase der Smartphones und Tablets vernachlässigt wurde. Apple, Google und Microsoft haben nicht lediglich Betriebs-, sondern vor allem Regiesysteme geschaffen, mit denen sie ihre Vorstellungen von Recht (insbesondere Daten-, Jugend- und Verbraucherschutzrecht) zum Maßstab machen und alle Stufen der Wertschöpfungskette besetzen, um auch auf nachrangigen Stufen Geld zu kassieren. Beides hat untragbare Auswirkungen. Ein Nutzer kann eine App selbst dann nicht wirksam reklamieren, wenn sie das Endgerät zum Absturz bringt oder zugesicherte Eigenschaften verfehlt. Ein Gerätehersteller stellt absichtlich Schnittstellen zur Verfügung, die es Programmierern ermöglichen, alle Daten des Nutzers auszulesen. Ein Systembetreiber stellt die "Genehmigung" von Apps völlig in sein Ermessen und verzögert den Vertrieb ihm nicht genehmer Anwendungen zuweilen wortlos um sechs Monate. Diese und noch einige Themen mehr werden die Medienaufsicht, aber auch Verbraucherschützer, Kartellbehörden und Medien im kommenden Jahr beschäftigen müssen, um in der sich gerade erst entwickelnden mobilen digitalen Welt Grenzen zu ziehen.

Größe, Nähe, Tiefe

2012 wird auch bei Zeitungsverlagen eine Menge Bewegung stattfinden. 2011 gab es bereits einige Transaktionen, bei denen starke Regionalzeitungen schwächere Objekte übernommen haben. Nach Lockerung der Aufgreifkriterien im Kartellrecht wird sich dieser Prozess beschleunigen. Das ist in vielen Fällen auch notwendig. Europäische Vergleiche zeigen, dass kleine und mittlere Verlage besonders dann erfolgreich ins neue Medienzeitalter hineingefunden haben, wenn sie zu einem größeren Verbund gehören. Der muss allerdings auf gleichen Werten beruhen; den meisten Verlagschefs sind die negativen Folgen der Übernahme von Verlagen durch internationale Finanzinvestoren noch plastisch präsent. 2012 wird ein Jahr behutsamer Pressekonzentration, damit aber zugleich ein Jahr, in dem einige Zeitungen ihre künftige Ausrichtung mit Know-How, Kapital und Synergiepotential im Rücken erstmals wirksam definieren können.

Dass Größe eine wichtige Voraussetzung ist, um Print nach vorne zu bringen, zeigt sich immer wieder. Viele Verlage erkannten früh, dass es sinnvoll sein könnte, einen eigenen Store für mobile Geräte zu eröffnen, um das Abonnement-Vermittlungs- und Abwicklungsgeschäft nicht der Telekom (PagePlace) und Gruner & Jahr bzw. Weltbild (Pubbles) allein zu überlassen und außerdem auf allen Plattformen, auch im Web, auffindbare Angebote unterbreiten zu können. Letztlich gehandelt hat dann aber nur der Axel Springer Verlag, der seinen Dienst iKiosk erweitert und für Drittverlage geöffnet hat. Auch darüber, wie es gelingen kann, die Werbung bundesweit schaltender Markenartikler ins Blatt zu bekommen, diskutieren die lokalen und regionalen Pressehäuser schon lange; verwirklichen wollen die bundesweite Anzeigenkombination jetzt aber sieben große Verlage. Darunter ist die Mediengruppe WAZ, die 2012 möglicherweise eine historische Veränderung erfahren wird, nachdem der Testamentsvollstrecker der Brost-Seite dem Verkauf der Anteile an Petra Grotkamp prinzipiell zugestimmt hat.
Schaut man sich an, welche Verlage 2011 besonders gute Zahlen ausgewiesen haben, handelt es sich fast immer um Häuser mit Diversifikationsstrategie und ganz besonderer Lesernähe. Sie sind in ihren lokalen Märkten nahezu omnipräsent, weil sie mal neue Ideen in Sachen Internet, Video-Streaming oder örtliche Fachzeitschriften verwirklichen, mal Events initiieren, mal an prominenter Stelle als Ansprechpartner für Bürger zur Verfügung stehen, mal Leseranwälte und Ombudsleute installieren. Sie haben verstanden, dass viele Menschen heute von lokalen Medien Präsenz und  Sensibilität erwarten und dass sie für Pflichtjournalismus kaum noch zu haben sind. Manche Verlage müssen dabei erheblich umdenken, Strukturen durchbrechen und vor allem langjährige Redakteure behutsam an die Anforderung heranführen, die Internet-affine Leser an das "alte" Medium Zeitung stellen. Social media wie Facebook und Twitter können Teil einer solchen Strategie sein. Allerdings geht es nicht nur um "Präsenz zeigen" oder darum, Leser "abzuholen". Social media sind kein Vertriebsfeld; sie sind Orte der Nutzer. Nirgendwo kann man ihre Agenda, ihre Themen, ihre Gefühle, ihre Interessen, ihre Aufregungen und ihre Gleichgültigkeiten besser ermessen als dort. Deswegen wird es 2012 auch Ansätze der Verlage geben, die Instrumente der social media auf lokaler Ebene mit neuen Ideen zu adaptieren.

Dass in einer Zeit, in der Schlagzeilen überall verfügbar sind, im Blatt nicht primär die einfachen Nachrichten von gestern stehen dürfen, ist mittlerweile selbstverständlich. Deswegen entscheiden sich immer mehr Redaktionen zu mehr Tiefe, längeren Stücken und intensiver Recherche; auch die Agenturen unterstützen diesen Weg mit neuen Darreichungsformen. Dieser Prozess wird sich 2012 weiter fortsetzen. Er erfordert Investitionen bei Print, parallel aber auch eine Neudefinition des Online-Geschäfts. Viele Häuser haben Denkprozesse angestoßen und prüfen unterschiedliche Web-Angebote, von schlichten nutzenorientierten lokalen kommunikativen Diensten bis hin zu Inhalten, die hinter Paywalls bereitgehalten werden. Spannend sind auch Konzepte, elektronische Zeitungsausgaben zu personalisieren; Springer testet gerade mit "MyEdition" eine sich an die Leserwünsche anpassende iPad-App und will im Frühjahr entscheiden, ob dies eine attraktive Form ist oder nicht.

Die Verantwortung spüren

Ob Printmedium, privater Sender oder öffentlich-rechtliche Anstalt: Sie alle werden im Jahr 2012 stärker als bisher über ihre Verantwortung nachdenken müssen. Lässt man die Berichterstattung der vergangenen Monate Revue passieren, erkennt man ein immer wiederkehrendes Muster. Ein Ereignis wird binnen Stunden zum dominierenden Thema. Danach bleibt es wochenlang in den Schlagzeilen, wobei jede Sekundärmeldung – eine These, eine Forderung, ein Gerücht – recht zu sein scheint. Von einem Tag auf den anderen verschwindet das Thema dann wieder in der Versenkung, als sei der Fortgang der Angelegenheit kein Wort mehr wert. Ob Ehec, die einzelnen Phasen der Euro-Krise, der arabische Frühling, Fukushima, Kachelmann, Wulff – in vielen Fällen lief die Berichterstattung nach einem solchen Muster ab.

Natürlich ist das erklärlich. Der Wettbewerb um Nachrichten ist so groß, dass zum Nachdenken kaum Zeit bleibt. Die meisten Redaktionen sind mit zu vielen Themen befasst und können weder Erfahrung noch Expertenwissen abrufen. Früher galt es schon als Stress-Job, jede Stunde fünf Minuten Hörfunk-Nachrichten zu schreiben. Heute müssen in viel kürzeren Zeitabständen zig Sendungen, Ausgaben und Online-Dienste bestückt werden. Und auch die inhaltlichen Ansprüche haben sich geändert: Journalisten werden permanent zum Verdichten animiert. Doch viele Hochrechnungen auf tiefere Absichten oder gar Strategien, die auf diesem Weg zustande kommen, liegen weit neben der Sache. Die häufigsten Probleme sind assoziative Fehlschlüsse, Fehlgewichtungen von Anlass oder Äußerungsmodus sowie elementare Unkenntnis über die Historie, die Zusammenhänge und die Interessen der handelnden Personen.

Das wäre "nur" eine Fehlentwicklung im Journalismus, wenn da nicht die Sensibilität, zuweilen Nervosität wäre, die Menschen ebenso verspüren wie Börsen und Märkte, Regierungen und Aufständische oder Zeugen und Angeklagte. Viele dieser oberflächlich zustande gekommenen Artikel in Nachricht-Kommentar-Feature-Mischform können fatale Auswirkungen haben. Sie können blutige Reaktionen hervorrufen. Sie können Wirtschaft und Währung in Gefahr bringen. Sie können Prozesse beeinflussen und Menschen zur Verzweiflung bringen. Wer beim Medienforum NRW im Juni 2011 die Angst von Esra al Shafei spürte, jener jungen Frau, die Regime-Opfer der arabischen Welt unterstützt, ihre Angst, fotografiert zu werden, ihre Angst vor pauschaler, unbedachter, oberflächlicher Berichterstattung, der kann die Dimension des Problems ermessen. Sorgfältige Recherche, fundierte Berichterstattung und angemessene Darstellung – hierfür mehr als bisher die Möglichkeiten zu schaffen und den Willen zu haben, das wären zwei wirklich gute Vorsätze für das  Medienjahr 2012.

Abbilden und bereichern

HD+ in vielen Wohnzimmern, Sky über alle Verbreitungswege, Apps auf jedem Bildschirm, neue Gateways der Netzbetreiber, neue Dienste auf Tablets, neue Strukturen bei den Verlagen – 2012 können die Medien innovative und diversifizierende Wege weitgehend unbeschwert fortsetzen, die meisten von ihnen auf der Basis guter Erlöse und Ergebnisse, manche aufgrund noch herzustellender Größe. Mit Kapital, Marken und Know-How können sie auch Entwicklungen Dritter adaptieren, sie zu ihren eigenen machen und damit auch potentielle Gegner wie Apple und Google abweisen.

Das ist die eine, die oft technisch bedingte wirtschaftliche Seite. Gleichzeitig ist von großer Bedeutung, dass Medienmanager und Journalisten erkennen, welche Gedanken und Strömungen das Internet bei seinen Nutzern entstehen lässt. Es gilt, die Nähe zum Leser, Hörer und Zuschauer zu suchen. Es gilt, Instrumente zu entwickeln, um sie an das jeweilige Medium heranzuführen. Es gilt, die Bereitschaft zu haben, in die Tiefe zu gehen. Wer alle Zielgruppen erreichen will, muss zuhören, Präsenz zeigen und für Wünsche, Interessen und Gefühle der Nutzer sensibel sein.

Daher ist auch Journalismus im Jahr 2012 weit mehr, als den Ticker zu beobachten, Termine wahrzunehmen und Einsdreißig abzuliefern. Journalismus 2012, das ist die Kunst, mit Fakten, Menschen, Orten und Ideen so umzugehen, dass das Leben abgebildet und bereichert wird. So verstanden ist Journalismus der spannendste Beruf der Welt. Und Medien mit solchen Journalisten, die werden schlicht nicht alt.

Von Werner Lauff, Medienexperte, Publizist, Redner, Moderator und Rhetorik-Trainer.

 

Ihre Kommentare
Kopf
Severin Tatarczyk
28.12.2011
!

Interessanter Ausblick. Ich bin mir sicher, dass im Bereich TV und Tablets Microsoft eine grosse Rolle spielen wird:

http://www.severint.net/2011/12/27/10-gruende-warum-2012-das-jahr-von-microsoft-wird/


Marc Thomalla

Marc Thomalla

Werbeboten Media GmbH
Standortleiter / Director Strategy & New Business

29.12.2011
!

TV in 2012 wird wahrscheinlich wirklich interessant - ich bin vor allem gespannt, wie stark TV an Social Media angedockt wird.


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