Magazin-Neustart "Interview" im kress-Check: Vom nostalgischen Charme der Avantgarde

 

Dass die "Interview"-Macher unter Druck stehen, spürt man dem ambitionierten Neustart des Andy-Warhol-Kultmagazins, der oft auch etwas angestrengt wirkt, mindestens bis über das erste Heftdrittel (von opulenten 266 Seiten) an. Zunächst kommt relativ viel pittoreske Beliebigkeit. Dann erst lösen große, auf locker getrimmte Zwiesprachen - etwa zwischen Scarlett Johansson und Arianna Huffington - den Anspruch gehobenen Edel-Klatschs ein.

Dass die "Interview"-Macher unter Druck stehen, spürt man dem ambitionierten Neustart des Andy-Warhol-Kultmagazins, der oft auch etwas angestrengt wirkt, mindestens bis über das erste Heftdrittel (von opulenten 266 Seiten) an. Zunächst kommt relativ viel pittoreske Beliebigkeit. Dann erst lösen große, auf locker getrimmte Zwiesprachen - etwa zwischen Scarlett Johansson und Arianna Huffington - den Anspruch gehobenen Edel-Klatschs ein.

Dass "Interview" nicht einfach nur irgendein Magazin-Neustart werden würde, verboten historische Lasten schon aus zweifacher Hinsicht: Erstens drückte das Erbe, eine journalistische Unverfrorenheit und Aufgekratztheit wie neu zu entdecken. Die erregte bekanntlich unter dem stilbildenden Pop-Papst Warhol einst Aufsehen, wurde aber über die Jahre kanonisiert und ist spätestens seit dem Neunziger-Jahre-"Max" schon längst nicht mehr nur den Indie-Titeln aus den schicken Friseursalons vorbehalten.

Vom Druck der Historie und offenen Rechnungen

Zweitens brachte auch Herausgeber und "Interview"-Geschäftsführer Bernd Runge seine persönliche Verleger-Historie mit ins Spiel: Dass sein vom Investor Wladislaw Doronin mitgetragenes Projekt es mindestens mit den Luxustiteln seines Alt-Arbeitgebers Condé Nast aufnehmen soll, ist nicht ganz von der Hand zu weißen. Möglicherweise soll es sogar eine Wiedergutmachung für die "Vanity Fair"-Schlappe werden. Das CN-Heft wurde kurz nach Runges Abgang eingestellt. "Interview" zeigt jedoch Schneid: Die deutsche Ausgabe erscheint künftig elf Mal im Jahr - und das in einer ehrgeizigen 100.000-Hefte-Auflage.

Doch was bekommt der Leser für seine Sechs-Euro-Investition? Zunächst einmal sehr viel Schauwert, davon bis zum eigentlichen Hefteinstieg auf Seite 57 vor allem ansehnliche Anzeigen-Doppelseiten. Chefredakteur Joerg Koch (ehemals "032c") der auf dem letzten Drücker zum Heft kam, verspricht, monatlich "einen so überraschenden Mix aus Mode, Kunst, Musik und Film zu produzieren, dass dieser nicht nur unverschämt gute Laune verbreitet, sondern die Welt ein wenig anders aussehen lässt." Wenn auch sein Erstling alles andere als eine spielerische Nullnummer ist, muss er dieses Versprechen in künftigen Heften erst noch mehr als nur 80-prozentig erfüllen.

Lana del Rey im Wort und Bild: Mitsummen impossible

Tatsächlich bietet "Interview" auf den ersten Blick Reize, die einnehmend wirken. Häufig lohnt es sich wirklich, über die sperrigen Versalien-Vorspänne hinwegzustolpern und in dichte Texte und erhellende Gespräche einzutauchen - etwa in Harald Peters' Befragung der enigmatischen "Video Game"-Sängerin Lana del Rey. Ein "Interview zum Mitsummen", wie der Autor verspricht, ist es allerdings dann doch nicht. Es ist vor allem ein langes, mit tollen Fotos von Sean + Seng.

Dann wieder finden sich diverse Texte, die viel Oberfläche bieten, beim genaueren Nachlesen, aber verpuffen: Eher nichtssagendes Paralando bietet etwa der Erfolgsschriftsteller Wladimir Kaminer, der sich mit seiner Mit-Berlinerin Palina Rojinski, angeblich das "fleißigste It-Girl Deutschlands", unterhält. Ähnlich wie bei Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") ist hier das Bemühen sichtbar, neben den großen US-Namen im Blatt (Angelina Jolie mit Clint Eastwood, Cloe Sevigny in einem wirklich großartig abseitigen Gespräch mit Kim Gordon von Sonic Youth) die Heimatfront zu bestücken.

Langeweile im Text: Törnt doch ab, oder?

Als Kolumnistin - das Glück, eine zu sein, kann sie offenbar selbst nicht recht glauben - empfiehlt sich Hegemann jedenfalls nicht wirklich. Einen ganzseitigen Text damit zu füllen, dass man die Schreibsituation thematisiert, war kein glücklicher Einfall. Und verriet wenig "Interview"-Mut beim Redigieren. Außerdem war es noch nie wirklich fesselnd, eigene Langeweile in den ersten Sätzen einzugestehen.

Starkes Gegenbeispiel: Das Berliner Streitgespräch zwischen Theatermann René Pollesch und dem Philosophen Thomas Macho hat Tiefe und empfiehlt sich zum genauen Mehrfachlesen.

Ein Sonderfall, der den Heftmachern viel Fingerspitzengefühl abverlangt haben dürfte, ist mit Sicherheit das Wort-Pingpong zwischen Naomi Campbell und dem Londoner Herrenschneider Eward Sexton. Dass Campbell die Lebensgefährtin des Geldgebers Doronin ist, wird zwar erkennbar nicht theamtisiert, erklärt aber vieles - auch ihren Publicity-trächtigen Rang als "International Editor-at-Large" im Impressum der deutschen wie der russischen Ausgabe.

40 Seiten "Interview"-Historie für Journalismus-Studenten

Was dem Magazin im ersten Drittel (vor allem in der wie künstlich einmontierten Beauty-Strecke) an Herzblut und Dringlichkeit gelegentlich fehlt, macht ein Sonderteil wett, der ein wenig wirkt wie die Sepia-Sektion im "Rolling Stone". Auf 40 Seiten blickt ein Warhol-Speciall auf die seligen "Interview"-Zeiten zurück. Ausgerechnet der rückwärtsgewandte Museumsanteil beschwört damit genau die Exzentrik, die man vorne hin und wieder vermisst (auch beim überraschend "braven" Design von Art Director Mike Meiré).

Wer feiert außerhalb der "Mad Men"-Welt Dinner Parties?

Wie weit entfernt das klassische "Interview" von heute ist, belegt ein Gespräch mit dem langjährigen Chefredakteur Bob Colacello. Der beschreibt das ursprüngliche Konzept als "perfekte Dinner-Party, auf der von jedem Gast erwartet wird, dass er die anderen überrascht".

Das aktuelle "Interview" wirkt ein wenig wie eine nachgestellte "Dinner Party", die es in diesem Stil wohl ohnehin nicht mehr gibt. Außer in nostalgischen Erinnerungen. Dazu passt allerdings das seltsam matte, etwas preisgünstig wirkende Papier: Wer die vielen Lektüreanreize doch nicht gleich aufgreift, sondern "Interview" zunächst einmal auf dem Kaffeetisch lagert, muss sich nicht grämen. Diese Seiten vergilben vermutlich schnell. Und dann wird aus dem Neustart vielleicht doch noch ein Klassiker - oder er sieht dann wenigstens bald so aus.

Ihre Kommentare
Kopf
Ralf E. Hansen

Ralf E. Hansen

Medienconsulter
Consulter Medien & Entertainment

28.01.2012
!

ich warte zwar noch auf das Heft, die Abo Abteilung muss sich anscheinend erst warmlaufen, dennoch kann man jede Erstausgabe eines neuen Magazins heutzutage auf die Goldwaage im positiven Sinne legen, denn des Verlegers Mut gehört ungeteilt belohnt. Dass die diversen journalistischen Stellschrauben noch feinjustiert werden müssen, ist eine Normalität bei jedem Objekt.
Ich freue mich auf alle Fälle über die neue Abwechslung und wünsche der Mannschaft Fortunas stete Begleitung


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