G+J-Neustart "Season" im kress-Check: Vom Charme der protestantischen Redlichkeit

 

Kein betulicher Frauen-Name und ein übersichtliches Neun-Felder-Raster auf dem Titel: Mümmelte der Leserin nicht der irritierend putzige Osterhase auf dem "Season"-Titel entgegen, man hätte den von Bettina Wündrich entwickelten Frauentitel, den Gruner + Jahr ab sofort zweimonatlich in Serie schickt, beim flüchtigen Hinsehen mit einem Ikea-Katalog verwechseln können. Auf 220-Seiten zieht der eigenwillige Neustart ein stringentes No-Nonsense-Konzept durch.

Kein betulicher Frauen-Name und ein übersichtliches Neun-Felder-Raster auf dem Titel: Mümmelte der Leserin nicht der irritierend putzige Osterhase auf dem "Season"-Titel entgegen, man hätte den von Bettina Wündrich entwickelten Frauentitel, den Gruner + Jahr ab sofort zweimonatlich in Serie schickt, beim flüchtigen Hinsehen mit einem Ikea-Katalog verwechseln können. Auf 220-Seiten zieht der eigenwillige Neustart ein stringentes No-Nonsense-Konzept durch.

Wer sich gerne überraschen lassen möchte, der ist bei "Season", dem Heft, das künftig jeweils auf die jahreszeitlichen Veränderungen eingeht und entsprechende Stimmungen, Informationsbedürfnisse und Kaufanreize bedienen soll, gut aufgehoben. Bettina Wündrich legt eine Frauenzeitschrift vor, die einmal abgesehen von der klassischen Ressorteinteilung unter anderem mit Mode-, Beauty-, Kochen-, Wohnen- und Gesundheitsstrecken komplett gegen die Konventionen des Segments gebürstet ist.

Dominierender Grundzug des Magazins sind seine auffällige Weißräume und eine puristische, aufgeräumte Optik (Art Director: Michael Darling, Creative Consultant: Werner Mink). Farbige Hinterlegungen oder Verläufe sowie Bildschnitte, die über den Bund gehen, findet man in den Anzeigen, die somit gut zur Geltung kommen.

Stattdessen presst die Redaktion viele Themen - ob das nun der Artikel über einen Trainingsschuh ist, der vor Blasen schützt, eine Übersicht mit sieben "Vogelheimen zum Piepen" oder ein Merkblatt zu drei beliebten Dip-Klassikern - in ein strenges Layout-Raster. Das hätte man vielleicht in Technik-Zeitschriften oder Unterrichts-Handreichungen vermutet - aber niemals in einer kuscheligen Zurücklehn-Zeitschrift, die "Season" offenbar ganz und gar nicht sein will.

Die Leserinnen, die Wündrich im Editorial begrüßen möchte, hätten aus ihrer Sicht für derlei Firlefanz ohnehin wenig Geduld. Stattdessen versteht sie ihr Magazin als "eine Art Geheimwaffe gegen das Chaos, gegen den Informations-Overkill". Jahreszeitlich passend - ähnlich der "Landlust", die nur bekanntlich mit ganz anderen Schauwerten hausiert - werden in "Season" jeweils nur all die Themen abgehandelt, die für die Mini-Jahreszeit relevant sein sollen. Deswegen findet sich ein Loblied aufs Fahrradfahren, kombiniert mit einer Kaufempfehlungsübersicht für Bikes und Zubehör, das auch tatsächlich über die Season.de-Website direkt bestellt werden kann.

Wie aus dem Lehrbuch wirkt der Streifzug durch den Kräutergarten, den die Generation Nachhaltig natürlich auch im Blumenkasten am Fenster nachzüchten kann. Ähnlich praktisch gelagert sind die sechs Gymnastik-Übungen, die von adretten Piktogrammen vorgeturnt werden. Lediglich auf den Mode-Seiten und bei den Dekorationsempfehlungen für den üppig beladenen Oster-Tisch darf's mal ein wenig anarchischer zugehen, ansonsten ist "Season" die Heft-Ordnung heilig.

Trotzdem zerfällt der Gesamteindruck nicht im Klein-Klein, was allein schon durch einige lange Lesestücke kompensiert wird. Und die punkten mit protestantischer Strenge - was die nüchterne Bild-Text-Aufteilung sowie die inhaltliche Konzentration angeht. Über die Reize des Fastens und des Verzichts predigt etwa Sabine Magnet. Und Anne Hansen legt den modernen Männern mal wieder ans Herz, nicht nur die üblichen zweimonatlichen Elternzeit-Päuschen einzulegen.

Alles in allem kommt ein Zwei-Monats-Begleiter heraus, der sicherlich mehr ist als ein Produktkatalog (auch wenn er gelegentlich so wirkt). Vom "Schönheitsdiktat" anderer Blätter, vor dem Bettina Wündrich im Editorial warnt, wird beim Lesen sicher niemand dreist bedrängt. "Season" ist so praktisch und kompromisslos wie ein Kurzhaarschnitt. Falsche Freundinnen tarnen sich so meistens nicht.

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