Alexander von Streit zur zweiten "Wired"-Ausgabe: "Inhaltlich eindeutig meine Handschrift"

 

Ohne verbales Anbiedern bei den Geeks und Nerds kommt der neue "Wired"-Chefredakteur Alexander von Streit bei der zweiten Ausgabe (EVT: 10. April) des viel beachteten Condé-Nast-Titels aus. "Ich hatte wirklich alle Freiheiten", sagt der Vocer-Gründer, der Thomas Knüwer an der Spitze des Titels ablöste und auch die Ausgabe im Herbst verantworten wird. Für sein Debüt wählte er einen düsteren Titel - und etablierte einen ernsthafteren Grundton.

Ohne verbales Anbiedern bei den Geeks und Nerds kommt der neue "Wired"-Chefredakteur Alexander von Streit bei der zweiten Ausgabe (EVT: 10. April) des viel beachteten Condé-Nast-Titels aus. "Ich hatte wirklich alle Freiheiten", sagt der Vocer-Gründer, der Thomas Knüwer an der Spitze des Titels ablöste und auch die Ausgabe im Herbst verantworten wird. Für sein Debüt wählte er einen düsteren Titel - und etablierte einen ernsthafteren Grundton.

"Ich verstehe mich als kritischen und politisch denkenden Journalisten", sagte von Streit, der auch schon "Focus Online"-Ressortleiter für das Digitale war, im exklusiven kress.de-Interview. In seinem ersten "Wired"-Vorzeigestück macht er daher mit einem neunseitigen Schwerpunkt rund um die ACTA- und Vorratsdatenspeicher-Debatte auf, der der bangen Frage nachgeht "Warum das Netz am Abgrund steht". Für ein Debüt im sonst gerne spielerisch-optimistischen Umfeld ein selbstbewusstes Statement.

"Wired" ist gelegentlich abseitig

",Wired' ist verrückt und poppig und in der Themenwahl gelegentlich abseitig", erläutert von Streit seine Heft-Philosophie. "Das Magazin ist dabei gleichzeitig technologieverliebt, hinterfragt aber auch die Gesellschaft und die Auswirkungen, die moderne Technik auf sie hat." Daher versteht er es natürlich als "kein Computermagazin, sondern als ein Magazin für Meschen, die in einer Gesellschaft leben, die in einer technologischen Welt bestehen muss."

Von seinem Vorgänger Knüwer setzt er sich vor allem in längeren Lesestrecken wie einem Essay über die Meme-Lebenszyklen, aber auch einem lesenswerten Stück über medizinischen Fortschritts-Irrglauben (von Jonah Lehrer) ab, die konzentrierter wirken. Am Grundkonzept des Titels wurde allerdings nicht gerüttelt. Daher gibt es auch viel originell Unterhaltsames - wie etwa eine Comic-Strecke über den Niedergang von Kim "Dotcom" Schmitz, die von Rick Veitch gezeichnet wurde.

"Die Marke steht unter einer enormen Beobachtung"

"Es wäre unsinnig gewesen, alles noch einmal neu machen", sagte von Streit. "Das Heft war ja gut. Aber wir haben alle Ergebnisse kritisch beleuchtet und an der einen oder anderen Stelle gefeilt." Auf das Ergebnis ist er naturgemäß stolz. "Ich denke, das Heft, trägt jetzt inhaltlich eindeutig meine Handschrift." Dass es viele Zuschriften, auch Negativ-Kritik gab, nahm er als Ansporn und Verpflichtung. "Die Marke steht unter einer enormen Beobachtung", so von Streit. "Die vielfältige Resonanz ist nicht nur hilfreich, sie macht uns stolz."

Das Abnabeln von Thomas Knüwer, der laut Impressum nun als Editor at Large geführt wird und bezeichnenderweise einen Kommentar über das Nostalgie-Phänomen beigesteuert hat, fiel offenbar nicht allzu schwer. "Er hat die Kontinuität ins neue Heft hineingebracht", sagte von Streit über seinen Vorgänger.

"Wir standen ständig im Kontakt und haben uns auch über die Themen ausgetauscht. Thomas Knüwer lebt ,Wired' und ist weiterhin Bestandteil der Redaktion", heißt es. "Nebenbei kann man die Chefredakteurs-Aufgabe allerdings nicht bewältigen." Knüwer konzentriert sich jetzt wieder auf seine Unternehmensberatung kpunktnull

Art Director Markus Rindermann feilte fein

Für Kontinuität steht bei der zweiten "Wired"-Ausgabe allerdings auch Markus Rindermann, der weiterhin als Art Director fungiert - wenn er sich auch in Teilen eine neue Mannschaft zusammenstellte. "Das gestalterische Korsett des ersten Hefts wurde grundsätzlich für gut befunden und wird daher auch in Zukunft die Basis bilden", sagte er gegenüber kress.de. Allerdings zog er auch behutsam einige Stellschrauben neu an. "Die Optik der Kolumnen war im ersten Heft hermetischer angelegt", so Rindermann. "Jetzt sind sie für meinen Geschmack leichter und lesefreundlicher."

"Eine der lustigsten Produktionen, die ich bislang miterleben durfte"

Dass über das Cover von Ausgabe 2 hinter den Kulissen lange und leidenschaftlich diskutiert wurde, bestätigte auch er. "Mit dem Titel wollten wir eine neue Seite von ,Wired' zeigen", bilanzierte er nun. "Es war ein intensiver Ritt", blickte er auf die heiße Redaktionsphase zurück, fügt aber an: "Wir hatten trotz des großen Zeitdrucks viel Spaß in der Redaktion", so Rindermann. "Es war eine der lustigsten Produktionen, die ich bislang miterleben durfte."

Anders als bei der Erstausgabe wird "Wired 2" nicht nur im Bundle mit "GQ", sondern auch eigenständig zum Preis von 3,80 Euro angeboten. Laut Condé Nast verkaufte sich das erste Heft 110.000 Mal, die zugehörige App wurde angeblich über 14.000 Mal heruntergeladen. Der Käuferkreis ist laut Marktforschung zu 88 Prozent männlich, hoch gebildet (86 Prozent Abitur) und größtenteils berufstätig. Zu 86 Prozent gefiel ihm das erste Magazin "gut" oder "sehr gut". 

"Noch keine umfassende Digitalstrategie"

Auch zur zweiten Ausgabe gibt es eine aufwendige App-Version. Alle weiteren Pläne liegen noch in der Schublade. "Der Blog wird bis zum Erscheinen des nächsten Hefts weiter betrieben", sagte Alexander von Streit. "Bis jetzt gibt es aber über die jeweiligen App-Ausgaben hinaus noch keine umfassende Digitalstrategie." Stattdessen liege der Fokus momentan auf dem Heft.

Für Themenvorschläge zeigt sich von Streit übrigens explizit offen. "Eine kleine Redaktion ist sehr auf ein gutes Autorennetzwerk angewiesen", sagte der Chefredakteur. "Wired" sei deswegen für freie Schreiber attraktiv, "weil sie bei uns auch mal abseitige Geschichten anbieten können, für die es bei anderen Redaktionen keinen Spielraum gibt." Jetzt dürften die Nerds und Geeks also doch wieder aufhorchen.

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