Goldmedia-Gastbeitrag: Deutschland ist doch ein Pay-TV-Land

18.04.2012
 
 

Es ist schon interessant: In kaum einem anderen Land in Europa wird so viel Geld für Fernsehen ausgegeben wie in Deutschland, aber wir nennen es nicht Pay-TV! So wird seit 20 Jahren behauptet, Deutschland sei "kein Pay-TV-Land". Doch die Realität ist eine andere: 

Es ist schon interessant: In kaum einem anderen Land in Europa wird so viel Geld für Fernsehen ausgegeben wie in Deutschland, aber wir nennen es nicht Pay-TV! So wird seit 20 Jahren behauptet, Deutschland sei "kein Pay-TV-Land". Und stets wird dabei argumentiert, dass die Deutschen nur wenig bis gar kein Interesse an entgeltpflichtigen TV-Programmen hätten, weil sie seit Einführung des Privatfernsehens eine breite Palette an Free-TV-Sendern sehen können.

Doch die Realität ist eine andere: Selbst wenn man von der obligatorischen Rundfunkgebühr absieht, zahlen fast die Hälfte (45,6 Prozent laut SES Astra 2011) der deutschen TV-Haushalte direkt oder indirekt Geld: für ihren Kabelanschluss. Was in Amerika die "basic cable fee" ist (und als Pay-TV gilt), versteckt sich in Deutschland häufig in den Mietnebenkosten und wird nicht weiter beachtet. Auch die inzwischen mehr als 1,6 Mio. IPTV-Nutzer - in erster Linie Entertain-Kunden der Deutschen Telekom - zahlen eine Grundgebühr für ihren Fernsehanschluss. Der IPTV-Anschluss wird aber ebenfalls gemeinhin nicht als Pay-TV verstanden, schließlich empfängt man hier doch zunächst nur die "Free-TV"-Kanäle.

Und Abonnenten für "richtige" Premium-Pay-TV-Angebote (also pay cable)? Seit 2001 haben sich die Kundenzahlen von 2,1 Millionen auf inzwischen rund 5,4 Millionen Haushalte in Deutschland mehr als verdoppelt. Damit zahlt bereits fast jeder achte deutsche Haushalt regelmäßig Geld für Pay-TV-Programme – zusätzlich zu den Gebühren für die Öffentlich-Rechtlichen. Allein 2011 wuchs die Zahl der Pay-Abonnenten in Deutschland um rund 15 Prozent!

Neu in der Phalanx der Pay-TV-Anbieter ist die Astra-Tochter HD+ mit ihrer gleichnamigen Satellitenplattform. HD+ gelang es, seit 2010 mehr als 400.000 zahlungswillige Kunden zu gewinnen. Für eine "Servicepauschale" von 50 Euro pro Jahr erhalten diese zwölf HD-Programme - allesamt hochaufgelöste Versionen bisheriger "Free-TV"-Angebote. Man sei, so heißt es bei Astra, selbst überrascht von der hohen Abschlussrate und hatte mit deutlich weniger zahlenden Abonnenten gerechnet.

Von einer mangelnden Zahlungsbereitschaft für qualitativ ansprechende Angebote (und sei es nur für eine höhere Bildqualität) kann also offenbar keine Rede sein. Natürlich stellen 50 Euro im Jahr keine Unsummen dar, doch auch im Hochpreissegment bewegt sich der Markt merklich: Allein Marktführer Sky konnte 2011 bei monatlichen Paketpreisen ab 16,90 Euro (und bis weit über 60 Euro) rund 350.000 Neukunden gewinnen.

Das Pay-Modell bietet Vorteile: Die Zuschauer erhalten zumeist hochwertige, vielfältige Inhalte, und die Sender erzielen klar kalkulierbare Erlöse. Das ermöglicht oftmals Sender, welche im Werbemarkt nur wenige Chancen hätten. Der Wechsel von MTV ins Bezahllager unterstreicht diesen Trend.

Ganz so schlecht, wie es immer wieder zu lesen ist, scheint es um die deutsche Zahlungsbereitschaft in puncto Fernsehen nicht bestellt zu sein. Zumindest dann, wenn man das Kind auch mal beim Namen nennt: Bezahlfernsehen ist dann, wenn der Nutzer fürs Fernsehen zahlt! Und das tun weit mehr Deutsche als viele denken.

Autor: Mathias Birkel, Senior Consultant Goldmedia GmbH

 

Ihre Kommentare
Kopf
Marcel Heller

Marcel Heller

Wolff Publishing
Medienberater

18.04.2012
!

"Zahlungsbereitschaft" würde ich es nicht nennen, wenn die Kosten wie o.g. tlw. versteckt in Mieten sind und nicht bewusst wahr genommen werden.
Ich bin der Meinung, dass keiner unter "Pay-TV" den Kabelanschluss versteht, den er seit 15 Jahren hat, sondern automatisch an SKY u.a. Angebote denkt. Die Bereitschaft hierfür monatlich zu zahlen hält sich eher in Grenzen. Es fehlt z.B. die Möglichkeit eines echten "Pay-Per-View ohne Abo" (Bundesliga-Tagesticket o.ä.) um sich zu überzeugen.


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