Netzwerk Recherche fordert Umdenken beim "Henri": "Fachleute in die Jury statt Generalisten mit Proporzdenke"

14.05.2012
 

Das Netzwerk Recherche hat die Vergabe des Henri-Nannen-Preises in der Kategorie "Investigative Recherche" kritisiert. Der Jury des Nannen-Preises fehle offenbar zum wiederholten Man ein klares Verständnis für die journalistischen Kriterien, so der Journalisten-Verein.

Das Netzwerk Recherche hat die Vergabe des Henri-Nannen-Preises in der Kategorie "Investigative Recherche" kritisiert. Der Jury des Nannen-Preises fehle offenbar zum wiederholten Man ein klares Verständnis für die journalistischen Kriterien, so der Verein investigativer Journalisten in Deutschland. Im Fall der Auszeichnung der "Bild"-Zeitung hätten die Nannen-Juroren einen erfolgreichen "Scoop" mit der besten investigativen Leistung verwechselt. 

Die Aufdeckung der Hintergründe um den Privatkredit des Bundespräsidenten Christian Wulff durch die "Bild"-Zeitung sei verdienstvoll und richtig gewesen. Dennoch sei sie nicht die beste investigative Leistung des vergangenen Jahres gewesen, so Netzwerk Recherche.

"Investigativ arbeiten heißt nicht, wie die Jury offenbar glaubt, eine möglichst skandalträchtige Schlagzeile zu produzieren oder von anderen Medien möglichst oft zitiert zu werden. Das sind allenfalls Begleiterscheinungen. Investigativ arbeiten heißt vor allem, ein gesellschaftlich relevantes Thema hartnäckig zu verfolgen, gegen Widerstände zu recherchieren, dabei neue Erkenntnisse zu gewinnen und sie verständlich zu präsentieren. Also journalistische Aufklärung im besten Sinne zu betreiben", erklärt die Journalisten-Vereinigung.

Vorbild Pulitzer-Preis

Wenn der Henri-Nannen-Preis seinem Selbstverständnis als wichtigster deutschsprachiger Journalistenpreis in Zukunft noch gerecht werden wolle, müsse er seine Entscheidungsfindung ändern. Er sollte sich dabei, so Netzwerk Recherche, am Pulitzer-Preis der USA orientieren. Ähnlich wie beim Nannen-Preis wählen in den USA zunächst fachlich qualifizierte Vorjurys diejenigen Artikel aus, die in die engere Wahl kommen. Die Hauptjury, die anschließend über die Vergabe entscheidet, besteht aber nicht wie in Deutschland aus 15 Chefredakteuren und Prominenten, sondern aus meist sieben Fachleuten pro Kategorie (beispielsweise erfahrene investigative Journalisten und frühere Preisträger). Dieses Verfahren führe dazu, dass beim Pulitzer-Preis Fachleute entscheiden und nicht Generalisten nach Gefühlslage oder Proporzdenken wie viel zu oft beim Henri-Nannen-Preis. 

Osterkorn: Kritik von Netzwerk Recherche ist unlogisch

"stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn, selbst Mitglied der Nannen-Jury, wies in einer Mitteilung die Kritik des Netzwerks Recherche als unlogisch zurück: Gerade wegen der Komplexität der investigativen Recherche gebe es eine eigene Vorjury mit erfahrenen Kollegen, wie dem Leiter der Henri Nannen Schule, Andreas Wolfers, Karl Guenther Barth ("Hamburger Abendblatt") und dem langjährigen Netzwerk-Recherche-Mitglied Kuno Haberbusch (NDR). Diese Vorjury habe nach definierten Kriterien aus 48 Arbeiten sechs für die Endjury ausgewählt, darunter auch der der "Bild"-Zeitung, so Osterkorn. Was in der Vorjury als preiswürdig erachtet worden sein, könne in der Endjury eigentlich nicht grundsätzlich falsch sein, Osterkorn.

Hintergrund: Bei der Verleihung des Henri Nannen Preises war es auch in diesem Jahr zu einem Eklat gekommen. Das Autoren-Team der "SZ" lehnte die Auszeichnung in der Kategorie "Beste investigative Leistung" ab. Der Grund: Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter sollten sich den Preis für ihre Enthüllung des Formel-1-Skandals mit Nikolaus Harbusch und Martin Heidemanns teilen, die in der "Bild"-Zeitung die Kreditaffäre um den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff aufgedeckt hatten. Im vergangenen Jahr war der Reportagepreis einem "Spiegel"-Redakteur aberkannt worden (kress.de vom 9. Mai 2012).

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