Diskussion um "Bild"-Henri bei Netzwerk Recherche: "'Bild' ging die entscheidenden Meter weiter als der 'Spiegel'"

 

Die Debatte um den Henri-Nannen-Preis der "Bild"-Zeitung, deren Christian-Wulff-Berichterstattung als "beste investigative Leistung" gewertet wurde, geht weiter. Netzwerk Recherche dokumentiert die Diskussion und setzt sie online mit eigenen Beiträgen fort.

Die Debatte um den Henri-Nannen-Preis der "Bild"-Zeitung, deren Christian-Wulff-Berichterstattung als "beste investigative Leistung" gewertet wurde (kress.de vom 11. Mai 2012), geht weiter : Netzwerk Recherche dokumentiert die Diskussion und setzt sie online mit eigenen Beiträgen fort.

"Cicero"-Chefredakteur Christoph Schwennicke fasst die Argumente der "Bild"-Gegner, die seiner Meinung nach völlig unsinnig sind, so zusammen: "Erstens darf ein Schmutzblatt wie 'Bild' nie einen ehrwürdigen Preis bekommen, und zweitens war das keine große Rechercheleistung, sondern ein geschnorrter Scoop." Es sei zwar richtig, dass der "Spiegel" die Recherche-Tür aufgestoßen hat, durch die die "Bild"-Journalisten gegangen sind, aber der "Spiegel" habe einfach irgendwann aufgehört nachzuforschen, weil ihm der anonyme Kreditgeber nicht komisch vorkam. "'Bild' aber, Blut in der Nase, setzte nach und hatte Erfolg", so Schwennicke.

"Spiegel" hatte also hundert Meter mühsam zurückgelegt, die entscheidenden fünf Meter weiter aber ging "Bild", so der "Cicero"-Chef weiter. Diesem Umstand die Rechercheleistung abzusprechen sei schäbig, denn wenn es einem Forscher eines Tages gelingt, Krebs zu heilen, dann habe er den Nobelpreis für Medizin sofort verdient, obwohl sein Forschungsdurchbruch auf hunderten von Jahren vorangegangener Forschung und den Erkenntnissen tausender Kollegen fußt.

"SZ"-Redakteur Nicolas Richter: "'Bild' gibt sich gerne nett"

Nicolas Richter, stellvertretender Ressortleiter für investigative Recherche bei der "Süddeutschen Zeitung", leitet seine Argumentation mit "'Bild gibt sich gerne nett" ein und rollt den Ottfried-Fischer-Fall nochmal aus: "Als er einmal eine Affäre hatte, meldete sich ein 'Bild'-Reporter bei ihm und sagte sinngemäß: 'Wir haben hier ein paar Fotos, die Sie mit einem Bikini-Mädchen zeigen. Wir haben das jetzt erst mal vom Markt genommen. Was machen wir denn jetzt?'. Fischer sagte, da mache man jetzt gar nichts, denn sonst sei seine Ehe kaputt." Angeblich habe der Reporter darauf geantwortet: "Das schreiben wir schon so, dass Ihre Frau nicht so einen großen Schreck bekommt."

Richter und seine Kollegen Hans Leyendecker und Klaus Ott hätten den Henri abgelehnt, weil sie bestimmte Recherchemethoden der "Bild" ablehnen. "Ich möchte nicht mit einem Blatt geehrt werden, das im Privatleben von Prominenten oder Halbprominenten wildert, das die Schwächen oder Fehltritte von Schauspielern und anderen Sternchen ausnutzt, um an sogenannte Exklusiv-Interviews zu gelangen." Es gehe nicht darum, sich moralisch oder intellektuell über den Boulevard zu erheben, aber Richter möchte sich von Recherchetechniken distanzieren, die zum Beispiel im Fall Fischer nach Strafprozessen in drei Instanzen noch immer unter dem Verdacht stehen, kriminell gewesen zu sein (kress.de vom 3. April 2012).

Außerdem stärke der Journalistenpreis das Geschäftsmodell der "Bild": Geschäftsmodell sei es, mit Indiskretionen ohne jede gesellschaftliche Relevanz Geld zu verdienen. Auch mit Vorverurteilung, Häme, Bloßstellung. Auch damit, dass "Bild" auf Leute eintrete, die schon am Boden liegen. "Investigativer Journalismus kann weh tun, er kann Karrieren beenden, er kann Mächtige stürzen, er kann Manager ihr Vermögen kosten, kann sie sogar ins Gefängnis bringen. Aber er darf Menschen nie ihrer Ehre, ihre Würde berauben", so Richter.

Alle weiteren Argumentationen finden Sie unter "netzwerkrecherche.de".

Ihre Kommentare
Kopf

Karlheinz

18.05.2012
!

Bild hat eben manchmal die wilderen Storys, die entschlosseneren Reporter und auch die skrupelloseren. Dass das auch zu sehr vielen unsäglichen und unwahren Berichten in Bild führt ist allgemein bekannt, aber offenbar will manchen Leuten nicht in den Kopf, dass hier einmal Bild gegenüber dem immer schwächer werdenden Spiegel die Nase vorn hatte.


Thomas Bauer

18.05.2012
!

Und "Blut in der Nase" ist ein guter Ratgeber bei der Recherche für eine seriöse Geschichte? Da hat sich Herr Schwennicke (Cicero???) aber mächtig verrannt.


Thomas Bauer

Thomas Bauer

TOM-Verlag
Verlagsleiter

18.05.2012
!

Sich nicht mit Repräsentanten einer Organisation mit zweifelhaften Methoden gemeinsam auf der Tribüne zu zeigen, um deren Wirken nicht zu verharmlosen, das halte ich für eine höchst ehrenwerte Haltung. Mag auch noch so viel Eitelkeit dabei sein. Viel entlarvender finde ich die mäßigenden Reaktionen der Medien, die sich (wie peinlicherweise die SZ auch) zum Dolchstoß instrumentalisieren ließen und den vertraulichen Mailboxinhalt für die ach so saubere "Bild" in die Welt hinaus posaunten


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