Ulrike Langer über hyperlokalen Journalismus im Netz: "Bereicherung statt unliebsame Konkurrenz"

 

Verlage sollten unabhängige hyperlokale Angebote als Ergänzung der eigenen Berichterstattung ansehen und ihnen durch Kooperationen zu mehr Reichweite verhelfen, fordert Ulrike Langer. Die freie Journalistin erklärt im Interview mit kress, warum kostenlose Beiträge von Bürgerreportern ein "Irrtum" sind, wie das hyperlokale Geschäftsmodell der Zukunft aussieht

Verlage sollten unabhängige hyperlokale Angebote als Ergänzung der eigenen Berichterstattung ansehen und ihnen durch Kooperationen zu mehr Reichweite verhelfen, fordert Ulrike Langer. Die freie Journalistin erklärt im Interview mit kress, warum kostenlose Beiträge von Bürgerreportern ein "Irrtum" sind, wie das hyperlokale Geschäftsmodell der Zukunft aussieht und welche Trends zu erwarten sind.

kress: Was können hyperlokale Angebote besser als Lokalzeitungen?

Ulrike Langer: Für alle erfolgreichen Angebote gilt: Sie sind näher dran an der Lebenswelt ihrer Zielgruppe als Lokalzeitungen und sie sind extrem gut vernetzt im hyperlokalen Raum, sowohl mit Informanten als auch mit ihren Nutzern, wobei diese beiden Gruppen oft identisch sind.

kress: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Langer: Ich lebe in West Seattle, einem 70.000-Einwohner-Stadtteil von Seattle, wo die ehemalige Lokal-TV-Producerin Tracy Record seit sechs Jahren das legendäre "West Seattle Blog" ("WSB") professionell betreibt. Wenn hier eine Rauchwolke aufsteigt oder ein großer Feuerwehr-Löschzug ausrückt, dann dauert es oft nur Minuten, bis auf dem Blog steht, was der Grund dafür ist. Ob Raubüberfall, Straßensperrung oder Bürgerversammlung - alles wird abgedeckt, wenn es West Seattle betrifft. Das führt zu einer hohen Identifikation der Einwohner und Nutzer mit "ihrem" Blog und zu einer hohen Dichte an guten Hinweisen aus der Bevölkerung, denn sie wissen, dass sich ihr Engagement lohnt. Die Lokalzeitung "Seattle Times" hat erkannt, dass sie auf dem sublokalen Spielfeld nicht mithalten kann und verlinkt als Service für ihre Leser auf das "WSB", wenn sie selbst ein relevantes Thema nicht oder nicht so schnell abdecken kann.

"In Deutschland herrscht Aufbruchstimmung"

kress: Im BDZV- Report "Hyperlocal 2.0" gehen Sie detailliert auf den amerikanischen Markt ein. Was unterscheidet ihn vom deutschen?

Langer: Der hyperlokale deutsche Markt hinkt dem amerikanischen um drei bis fünf Jahre hinterher. Der US-Markt befindet sich bereits in weiten Teilen in einer Konsolidierungsphase - es wurden einerseits innovative neue Erlösmodelle entwickelt, große Konzerne wie AOL versuchen den kleinteiligen Markt mit einem Netzwerk gleichartiger Angebote als Massenmarkt zu betreiben. Viele kleinere und auch einige große Angebote haben andererseits schon längst wieder aufgegeben. Dagegen herrscht in  Deutschland noch Aufbruchstimmung, die allerdings wohl auch mit Blick auf die US-Erfahrungen weniger euphorisch ausfällt. Die unabhängige hyperlokale Blogszene professionalisiert sich mit eigenen Netzwerken wie dem Istlokal-Verband, gegründet von Peter Posztos ("Tegernseer Stimme") und Hardy Prothmann ("Heddesheimblog"). Vor allem in Berlin und in Köln sind zudem seit 2011 neue interessante Angebote entstanden.

kress: Was sind Ihrer Meinung nach die Erfolgsfaktoren für hyperlokalen Journalismus?

Langer: Hyperlokaler Journalismus muss professionell und mit großem Einsatz betrieben werden, aber nicht unbedingt ausschließlich von ausgebildeten Journalisten, denn das wäre in der Fläche viel zu teuer. Es ist allerdings ein Irrtum, dass man einfach kostenlose Beiträge von Bürgern auf einer Plattform sammeln und damit erfolgreichen hyperlokalen Journalismus betreiben könne.

kress: Warum?

Langer: Kuratierte Beiträge von Bürgern und Experten vor Ort erfordern kompetentes Community-Management mit Fingerspitzengefühl. Man muss als Plattform seinen Zulieferern schon etwas bieten - finanzielle Anreize oder andere Formen der Anerkennung und vor allem Feedback. Nichts ist demotivierender für eine lokale Community als gute Beiträge, die redaktionell niemals aufgegriffen werden. Im Idealfall entwickeln professionelle Journalisten und Nutzer Geschichten gemeinsam weiter.

"Als reines Hobby viel zu zeitaufwändig"

kress: Sie sind eine Verfechterin von Kooperationen zwischen Verlagen und Blogs. Welche Vorteile sehen Sie darin für Blogs?

Langer: Hyperlokale Blogs werden von engagierten Journalisten oder Bürgern betrieben. Diese haben eine publizistische Lücke vor Ort erkannt und versuchen, diese zu füllen. Vielen Einzelbloggern fehlt aber der Zugang zu professionellen Vermarktungsstrukturen, um genügend Erlöse zu erzielen und dauerhaft ihre Plattform betreiben zu können. Als reines Hobby neben einem Hauptberuf ist hyperlokaler Journalismus auf Dauer viel zu zeitaufwändig.

kress: Welchen Nutzen können Verlage aus solchen Kooperationen ziehen?

Langer: Verlage sollten solche publizistischen Angebote statt als unliebsame Konkurrenz vielmehr als Ergänzung und Bereicherung der eigenen Berichterstattung ansehen und ihnen zu mehr Reichweite und/oder Werbekunden verhelfen. Ein Beispiel: Es gab 2010/2011 in den USA einen mit Stiftungsgeldern geförderten Modellversuch namens J-Lab Networked News, bei dem in neun lokalen Räumen jeweils ein Verlag mit mindestens fünf unabhängigen hyperlokalen Partnern über mindestens ein Jahr kooperierte. In den meisten Städten war die Partnerschaft für beide Seiten sehr erfolgreich. Die "Seattle Times" und der "Oregonian" in Portland haben die Kooperation nach Abschluss des Modellprojekts jeweils auf mehr als 50, bzw. mehr als 70 hyperlokale Partner ausgeweitet.

kress: Einige Online-Angebote wollen ganz bewusst nicht mit größeren Verlagshäusern kooperieren, um ihre Unabhängigkeit zu wahren.

Langer: Wenn unabhängige Betreiber hyperlokaler Plattformen merken, dass sie ohne nennenswerte Gegenleistung vor allem als billige Content-Lieferanten dienen sollen, dann verzichten sie natürlich lieber auf solch ein Kooperationsangebot. Beim amerikanischen J-Lab-Projekt haben diejenigen Kooperationen am besten funktioniert, bei denen die Verlage nicht versuchten, sich die Inhalte der kleineren Partner unter der eigenen Marke einzuverleiben. Hyperlokale Blogger und Portalbetreiber wollen in der Regel publizistisch unabhängig bleiben. Außerdem gibt es ein Zeitfenster, dass sich für hyperlokale Blogger irgendwann schließt. Wer aus eigener Kraft wirtschaftlich erfolgreich wird oder umgekehrt aufgegeben hat, der braucht auch keinen unterstützenden Verlag mehr.

"Werbeformen müssen innovativer werden"

kress: Die "New York Times" hat jüngst bekannt gegeben, sich aus ihrem hyperlokalen Projekt "The Local" zurückzuziehen, weil eine wirtschaftliche Perspektive gefehlt hat. Was hat der Verlag Ihrer Meinung nach falsch gemacht?

Langer: Der New York Times Verlag hat eigentlich nichts falsch, sondern vieles richtig gemacht. Er hat trotz wirtschaftlich angespannter Situation 2009 mit zwei hyperlokalen Portalen in Brooklyn und New Jersey ein redaktionelles Experiment mit ungewissem Ausgang gestartet und es auch durchaus ordentlich ausgestattet. Er hat zum richtigen Zeitpunkt die redaktionelle Hoheit abgegeben - die New Jersey Seiten komplett an die Betreiber des unabhängigen Baristanet, und die Brookyln-Seiten an einen Kooperationspartner, den Journalismus-Studiengang der City University of New York (CUNY). Und er ist sogar eine weitere Kooperation mit der New York University (NYU) für ein drittes Projekt im East Village eingegangen. Die beiden Hochschul-Kooperationen funktionierten über mehr als anderthalb Jahre als Labore für hyperlokalen Journalismus. Allerdings sieht der Verlag derzeit keine Möglichkeit, die gewonnenen Erkenntnisse so zu skalieren, das heißt auf andere New Yorker Bezirke zu übertragen, so dass er damit in absehbarer Zeit schwarze Zahlen schreiben könnte und will sich deshalb aus den Kooperationen zum Jahresende zurückziehen. Diese Ankündigung mit mehr als einem halben Jahr Vorlauf beweist, dass dem Verlag die Zukunft der Plattformen durchaus wichtig ist.

kress: Wie sieht das Geschäftsmodell der Zukunft im hyperlokalen Journalismus aus?

Langer: Lokale Anzeigenkunden werden auf absehbare Zeit die Haupteinnahmequelle für hyperlokale Webplattformen bleiben. Allerdings müssen die Werbeformen innovativer werden. Das "WSB" verkauft zu Festpreisen eine Werbeform, die in Wirklichkeit viel mehr ist als Banner:  Es sind Mitgliedschaftsplaketten mit denen die örtliche Geschäftsleute zu erkennen geben, dass sie Teil der Community sind. In der kalifornischen Hauptstadt Sacramento schaltet die verlagsunabhängige Website "Sacramento Press" nicht nur Werbebanner für Werbekunden auf der eigenen Plattform, sondern sie entwickelt ganzheitliche Marketingstrategien für den lokalen Raum, inklusive Social Media Betreuung. Auch" Heddesheimblogger" Hardy Prothmann verdient Geld mit Social Media Schulungen örtlicher Unternehmer.

kress: Haben hyperlokale Angebote auch Chancen auf dem nationalen Werbemarkt?

Langer: Es ist schwieriger dort eine relevante Größe zu spielen. Das kann unter Umständen über Aggregatoren und Kooperationen mit Verlagen gelingen, wobei dann natürlich nur ein Teil der Werbeeinnahmen bei den Hyperlocals bleibt. Oder aber eine erstarkende hyperlokale Szene bildet eigene Vermarktungsnetzwerke - das ist der Ansatz, den Istlokal verfolgt.

kress: Welche Trends erwarten uns?

Langer: Ein ideologisch getriebener Trend ist, dass es mehr unabhängige hyperlokale Portalbetreiber geben wird. Je schlechter Lokaljournalisten von Verlagen bezahlt werden - freie Mitarbeiter zumal - desto weniger haben sie zu verlieren, wenn Sie ihr Können und ihre Kontakte für eigene unternehmerische Projekte einsetzen. Ein technologisch getriebener Trend ist, dass immer mehr örtliche Behörden ihre Archive öffen. Verknüpft mit ohnehin frei verfügbaren Daten wie Schwimmbad-Öffnungszeiten oder Kinoprogrammen sowie geographischen Daten können daraus interessante hyperlokale Datensätze entstehen. Ich verfolge mit Interesse die Ansätze des Datenjournalisten Lorenz Matzat, der mit Lokaler eine Agentur für hyperlokale Datenprojekte gegründet hat. Hier geht es nicht um lineares Berichten, sondern um Konzepte für intelligente Benutzerführung.

kress: Welches hyperlokale Angebot würden Sie selbst gerne starten?

Langer: Starten möchte ich keins, denn mein journalistisches Themengebiet ist nicht der lokale Raum, sondern digitale Medieninnovationen. Und dort, wo ich lebe, gibt es ja mit dem "WSB" bereits eines der weltbesten hyperlokalen Angebote. Allerdings würde ich mich aus professionellem Interesse über mehr Angebote mit innovativen datenjournalistischen Ansätzen oder findigen Vemarktungsideen freuen, egal wo.

 

Ulrike Langer ist freie Journalistin für Medieninnovationen in Seattle, USA. Sie betreibt das Fachblog Medialdigital und gehört zum Herausgeberteam der Debattenplattform Vocer. Ihr Report "Hyperlocal 2.0 – Trends, Strategien und erfolgreiche Fallbeispiele" kostet 38 Euro und ist über den BDZV erhältlich.

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