Hajo Schumacher über die Medienbranche: "Wir Jammerlappen"

26.10.2012
 

"Hätte man all die Zeit doch nur für kreative Arbeit genutzt, die Journalisten auf Foren und Podien über die böse Welt klagten": Hajo Schumacher, selbst Journalist und Geschäftsführer der textmanufaktur, fordert die Medienbranche in einem Gastbeitrag für dapd auf, weniger zu jammern.

"Hätte man all die Zeit doch nur für kreative Arbeit genutzt, die Journalisten auf Foren und Podien über die böse Welt klagten": Hajo Schumacher, selbst Journalist und Geschäftsführer der textmanufaktur, fordert die Branche in einem Gastbeitrag für dapd auf, weniger zu jammern.

Die Medienwelt habe vieles dazu getan, die Anerkennung für die eigene Arbeit zu ruinieren, schreibt Schumacher. "Auf unzähligen Podien, Foren und Fachtagungen haben sich Medienmenschen gegenseitig vorlamentiert, dass alles den Bach runter geht. Wäre doch all diese Larmoyanz-Energie in Kreativität und neue Produkte geflossen. Aber gehässig über 'Landlust' oder Fienes Radio lachen, ist halt doch bequemer, als einfach mal die Leistung von Blattmacherinnen aus Münster-Hiltrup oder eines unermüdlichen Studenten anzuerkennen."

Schumacher fragt, wie zum Beispiel "Spiegel", "stern", "Bild" und viele andere Blätter nach dem Krieg hätten entstehen sollen, wenn Augstein, Nannen und Springer über Betroffenheitspodien geturnt wären, um mangelnde Kaufkraft zu bejammern? "Wo sind heute die Verrückten, die nicht nur 'Spiegel Online' nachplappern, sondern mit kaufmännischer Kühle, gutem Gespür, mit Mut und einem Hauch Todessehnsucht Neues probieren?"

Leider bildeten "excel-getriebene Verlagsrechner und verängstigte Nachwuchskräfte" eine unselige Allianz, in der nur Quartalsergebnisse und die "weitere Verlängerung schlecht bezahlter Vierteljahresverträge" zählten. Und dazwischen beherrsche ein "schlechtlauniger Mittelbau die Redaktionen, zunehmend rentenpanisch, der die da oben verdammt, und noch viel mehr die, die da unten nachwachsen".

Und Schumacher kommt auch auf den Lieblingsfeind der Branche, Google, zu sprechen: Google habe Macht und das Geld und angeblich ja auch die objektive Distanz, journalistische und mithin demokratische Standards zu setzen, zu pflegen, zu schützen. "Also Google: Macht Journalistenschulen auf, vergebt Stipendien, baut Kriterien in eure Algorithmen, die über reine Verwertbarkeit hinausreichen. Ihr habt vielleicht nicht viel Ahnung von dem Business, aber immerhin den richtigen Spirit", fordert Schumacher.

Der Gastbeitrag ist Teil einer dapd-Serie zum Thema Qualitätsjournalismus.

Hajo Schumacher ist Journalist und Autor. Er war Co-Leiter des Berliner "Spiegel"-Büros, dann Chefredakteur von "Max" und ist Herausgeber des PDF-Mediennewsletters "V.i.S.d.P.". Im TV bestreitet er u.a. auf N24 zusammen mit Hans-Hermann Tiedje die wöchentliche Talkshow "Links-Rechts", als "Achim Achilles" ist er für "Spiegel Online" unterwegs.

Ihre Kommentare
Kopf

Anke Bührmann

26.10.2012
!

Herr Schumacher, vielen Dank für den lesenswerten Artikel. Vielleicht sollten die Leser mehr ins Blickfeld rücken und die eigene Eitelkeit mancher Medienmenschen mehr zurückgestellt werden? Wer über die Landlust oder z.B. die RP lästert, macht auch deren Leser schlecht. Doch die sorgen dafür, dass Berufskollegen Arbeit haben. Lästern und Jammern, auch auf höchstem Niveau, macht keinen satt und bringt auch keinen weiter, sich anzustrengen, zuhören und die Menschen ernst nehmen dagegen schon eher.


Schulacher

26.10.2012
!

"Journalisten und Politiker teilen sich als Berufskrankheit den Narzissmus." Im Verwenden seines Pseudo-"Wir" ist Dr. Schumacher bekanntermaßen bestens geübt. Das wissen er & wir schon länger. Obiges Narzissten-Outing ist nachzulesen in SZ v. 17.5.2010, zitiert statt plagiiert aus "Beruf: Ghostwriter". Ganz singulär geouteten und physiognomisch entgleisten Narzissmus der Marke big ego sahen w i r zuletzt bei Markus Lanz: Da wurde Dr. S. sein Buch samt Foto-Pimp überreicht. Achillesfersenfest! :D


Frank

26.10.2012
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Wie recht er hat. Vor allem mit der beschreibung der mutlosen Führungskräfte. Ich frage mich immer wieder warum die Motivation dieser Leute so gehalten wird das sie nur "ängstliche" Endtscheidungen treffen können. Das ist wie eine Schere im Kopf. Da kann nichts neues entstehen, weil alle vorher den Zopf abschneiden.


gast

27.10.2012
!

Hallo Herr Schumacher,

es wird doch nur so lange lamentiert, bis das Leistungsschutzrecht durch ist und bis die nicht recherchierenden Journalisten selbst daran glauben.

Deshalb glaube ich, es ist bald vorbei


Wolfgang Ferencak

Wolfgang Ferencak

EMC Medienberatung / MS One Radiogroup / Starrocket Musik Management
Geschäftsführer

27.10.2012
!

Danke, da ist viel wahres in den Aussagen von Herrn Schumacher. @Schulacher das Narzismus in der Medienbranche verbreitet, wenn nicht sogar Vorraussetzung ist, wissen wir alle. Aber speziell die Problematik der Excel gestützten Erbsenzähler und sogenannten Nachwuchsführungskräfte ohne Führungsqualitäten und last but not least die nachrückende Generation Praktikum ist sehr schön auf den Punkt gebracht. Sowohl Medien als auch Entertainment Industrie sollten anpacken statt Protektion einzufordern.


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