Julia Jäkel über die Hintergründe der "FTD"-Einstellung: "Wir konnten die Mitarbeiter nicht früher informieren"

24.11.2012
 

Julia Jäkel, Vorstandsmitglied von G+J, hat in einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt" erklärt, warum ihr Verlag die "FTD" einstellt. Mit den Wirtschaftsmedien werde man dieses Jahr 15 Mio Euro Verlust machen. Dass die Mitarbeiter vom Aus der "FTD" aus der Presse erfahren haben, tut Jäkel leid.

Julia Jäkel, Vorstandsmitglied von Gruner + Jahr, hat in einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt" erklärt, warum ihr Verlag die "Financial Times Deutschland" einstellt. "Dass es nicht mehr weitergehen kann, wurde mir bewusst, als wir uns die wirtschaftlichen Modelle jenseits des Status quo der gedruckten Tageszeitungen anschauten und feststellen mussten, dass diese Modelle alle nicht tragfähig sind."

Laut Jäkel hat die "FTD" Gruner + Jahr bis jetzt über 250 Mio Euro gekostet. Sowohl das Modell einer verschlankten, gedruckten Tageszeitung, ergänzt um eine Bezahlversion als auch die Variante einer ausschließlich digitalen Ausgabe sei verworfen worden. Die immensen Investitionen, die G+J hätte tätigen müssen, wären mit ungeheuren Risiken verbunden gewesen, so Jäkel. Eine rein digitale Ausgabe würde sich vielleicht mit einem auf Englisch erscheinenden Blatt wie der britischen "Financial Times" rechnen, die eine große Community habe. Bei einem deutschen Medium sei das zumindest heute noch nicht darstellbar.

Mit den Wirtschaftsmedien werde G+J dieses Jahr 15 Mio Euro Verlust machen. Die Entwicklung ist laut Jäkel schlechter als im Vorjahr. "Wenn es nur um 2012 ginge, wäre das noch okay". Aber man habe im Vorstand abwägen müssen, ob man echte Chancen für die nächsten Jahre sehe. Und diese Frage habe man am Ende mit einem Nein beantwortet. Jäkel stellt auch klar: "Wenn wir damit ein bisschen Geld verloren hätten, würden wir uns jetzt nicht von über 300 Mitarbeitern trennen."

"Das Schicksal der 'FTD' berührt mich ganz besonders"

Sie habe fünf Jahre für die "FTD" gearbeitet. Das Schicksal der Zeitung berühre sie deshalb ganz besonders. Die Gesellschafter hätten lange an der "FTD" festgehalten. "Das hätte kaum ein anderer Verlag gemacht." Im Vorstandskollegium sei man sich jetzt "sehr einig" in der "Beurteilung der Dinge" gewesen. Auch die Diskussion sei "fair und offen und der Tragweite der Entscheidung" angemessen verlaufen.

"Es tut mir leid..."

"Dass Kollegen, die hier jahrelang unter nicht immer leichten Bedingungen einen sehr guten Job gemacht haben, von der Einstellung der 'FTD' aus der Presse erfahren haben, tut mir leid", sagt Jäkel. "Aber wir sind ein Medienhaus. Hier redet jeder mit jedem. Un in die Entscheidungen waren viele Menschen involviert." Man habe Anfang der Woche die Gesellschafter und den Aufsichtsrat gebeten, den Vorstand zu ermächtigen, zu verkaufen, zu schließen oder Teile zu schließen. "Wir konnten deshalb die Mitarbeiter nicht früher informieren", so Jäkel. Die abschließende Prüfung durch den Vorstand sei dann erst am Donnerstag erfolgt. 

"Ich wünsche mir..."

Für die von der Entlassung bedrohten Mitarbeiter will Jäkel keine falschen Hoffnungen wecken. Man versuche zwar ihnen neue Arbeitsplätze im Verlag anzubieten. Aber im großen Stil sei das nicht möglich. Jäkel verrät auch, dass es bis zum Schluss "einen seriösen Interessenten" für die "FTD" gegeben habe.  "Capital" soll "politischer" werden. Da sei Berlin der ideale Redaktionsstandort. Für "Impulse" und "Börse Online" wünscht sich Jäkel, dass die Chefredakteure ihre Titel übernehmen. "Bei 'Impulse' sind wir da schon richtig weit."

Ihre Kommentare
Kopf

sigi hirsch

24.11.2012
!

Es ist schon sehr erstaunlich, dass die , die betroffen sind, immer erst aus der Presse erfahren müssen, was los ist. Daran merkt man doch, dass es den Verantwortlichen nicht die geringste Verantwiortung gegenübet ihren Mitarbeitern
geht. Wie sollen denn Journalisten arbeiten, wenn sie ständig unter DRUCK stehen? Ich fand die FTD in letzter Zeitn nicht gut, weil sie immer nur das nachgekaut hat- was überall steht-stand und im Radio schneller verbreitet wurde.
Guter Journalismus KOSTET-gewinnt


Guido Nedden

Guido Nedden

ned-coaching
Job- und Integrationscoach (Honorardozent)

26.11.2012
!

Ich stimme meinem Vorredner "sigi hirsch" in dem Punkt zu, dass es mehr als zu wünschen übrig lässt, dass die betroffenen Kolleginnen und Kollegen der FTD erst aus der Presse über die "Fallbeil"-Entscheidung des Verlagsvorstandes erfahren haben. Es ist auch klar, dass Qualitätsjournalismus nun mal Geld kostet. Es ist meiner Ansicht nach aber falsch zu behaupten, dass in den letzten FTD-Ausgaben immer nur das zu lesen war, was man ohnehin aus der Tageszeitung oder dem Rundfunk erfahren hat.


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