"Pardon" im kress-Check: Das Teufelchen könnte teuflischer sein

 

Print-Krise? Pah! Wolfram Weimer bringt zum 50. Geburtstag die legendäre Satire-Zeitschrift "Pardon" zurück an den Kiosk. Dass er dabei auf die beiden frechen "Clap"-Macher Peter "Bulo" Böhling und Daniel Häuser gesetzt hat, war eine satanisch gute Idee.

Print-Krise? Pah! Wolfram Weimer bringt zum 50. Geburtstag die legendäre Satire-Zeitschrift "Pardon" zurück an den Kiosk. Dass er dabei auf die beiden frechen "Clap"-Macher Peter "Bulo" Böhling und Daniel Häuser gesetzt hat, war eine satanisch gute Idee. 

"Wir sind alle eigen und unterscheiden uns sehr, vom Humor bis zu politischen
Einstellungen", bilanziert Weimer im Rückblick die gemeinsame Redaktionsarbeit. "Aber Böhling und Häuser sind erfahrene Blattmacher – und deswegen lief die Zusammenarbeit wunderbar." Das anfängliche Fremdeln von beiden Seiten legte sich offenbar schnell.

"Es war mir zu links, aber es hatte mich auch fasziniert"

Das Comeback des Magazins aus seiner Heimatstadt Frankfurt war Weimer offensichtlich eine Herzensangelegenheit - trotz seines Rufs als Wertkonservativer und überzeugter Katholik. "Ja, es war mir zu links und stand für den brachialen Geist der 68er. Aber es hatte mich auch fasziniert", erinnert er sich an eigene "Pardon"-Lesererfahrungen, schiebt aber schnell nach: "Ich war traurig, als das Magazin starb."

Die zweite Wiederbelebung - nach einem letztlich glücklichen Anlauf von Bernd Zeller ab dem Jahr 2004 - ist alles in allem durchaus geglückt, auch wenn sich viele Leser vermutlich doch ein etwas anderes, entschlosseneres, möglicherweise mutigeres "Pardon" gewünscht haben dürften. Häuser und Böhling zu engagieren, denen Weimer nach seinem "Focus"-Aus ursprünglich ein "Clap"-Interview verweigerte, dann aber mit der Heft-Idee um die Ecke kam, hat sich gelohnt.

Regelmäßigen "Clap"-Leser wird vor allem die Bildsprache von "Pardon" nicht ganz unvertraut vorkommen, was nicht nur an der gemeinsamen Art Directorin Mia Pfisterer liegt. Vor allem die auf mehr oder weniger originellen Foto-Trouvaillen basierende "Titelgeschichte", die großspurig "Das geheime Tagebuch von Gott" heißt, erinnert stark an den flappsigen Böhling-Häuser-Stil. Dass sie eher leichtgewichtig und etwas albern daherkommt, leider aber auch.

Nicht jeder große Trumpf sticht

Ohnehin überzeugen dann doch einige Strecken im Heft nicht wirklich - was allerdings oft daran liegt, dass große Namen nicht unbedingt für große Gedankenblitze stehen. Während Routiniers wie Eckart von Hirschhausen, "Zeit"-Mann Harald Martenstein oder Vince Ebert solide unterhalten, hätte man sich den Anruf bei reinen Zähl-Promis wie "Wiwo"-Chefredakteur Roland Tichy mit einer humoristischen Börsenempfehlung oder bei Carlos A. Gebauer vielleicht sparen können. Der Jurist und Schriftsteller, einst Kopf hinter dem RTL-"Strafgericht", steuerte einen eher hüftsteifen Text über Mainstream-Sexualmoral bei.

Stärker haften bleiben die Momente, in denen der auf dem Titel versprochene Irrsinn tatsächlich auch optisch eingelöst wird - etwa die Foto-Strecke über im Redaktions-Toaster malträtierte Barbie-Puppen, die Kombination von Promi-Fotos und Geschenkpapierwänden sowie sogar den etwas zu bemühten Gag mit posthumen Klaus-Kinski-Wutausbrüchen.

Aufruf an Karikaturisten: "Leute, das soll euer Blatt werden!"

Aufmerken sollte tatsächlich die Karikaturisten, denen dem Heraus- und Geldgeber Weimer besonders am Herzen gelegen ist - ihnen möchte er nämlich auch in möglichen weiteren "Pardon"-Ausgaben eine Bühne eröffnen. "Ich hatte jeher eine Vorliebe für die Karikatur – und wollte sie auch in allen meinen Blättern zur Geltung kommen lassen", sagt Weimer. "Mir waren die Zeichner schon immer sympathisch – und ich habe mit ihnen gelitten, als die Karikaturisten die ersten Opfer der Printkrise wurden. Ich fand das kurzsichtig, weil gerade Karikaturen bei Lesern beliebt sind."

Tatsächlich wurden Weimer, Böhling und Häuser schon in der Produktionsphase mit vielen Bewerber-Mappen eingedeckt - einige ganz originelle neue Zeichner haben es ins Heft geschafft (etwa Johannes Kretschmar vom Cartoon-Blog Beetlebum.de). Die Resonanz in der Branche auf das "Pardon"-Aufbruchssignal ist offenbar angekommen. "Es war wie bei einem trockenen Schwamm, auf den ein Tropfen fällt", sagt Wolfram Weimer. "Leute, das soll euer Blatt werden!"

Wie Wolfram Weimer sich verwandelte

Wenn man mit ihm spricht, wirkt die "Pardon"-Arbeit bei dem öfter umstrittenen, in der "Focus"-Redaktion zuletzt rückhaltslosen Chefredakteur Weimer durchaus belebend - und bewusstseinserweiternd. "Es hat mir oft mehr Spaß gemacht, als mit dem großem Apparat zu arbeiten. Wir flachsten und warfen uns die Bälle zu. Entscheidungen fielen schnell", erzählt er. "Wenn man kreativ sein möchte, ist es besser, wenn man eine kleine Mannschaft um sich hat", ist die Erkenntnis, die er von "Pardon" mitnimmt. "Früher war ich ein ziemlich bestimmender Chefredakteur. Jetzt vertraue ich jüngeren Chefredakteuren – und lasse sie einfach mal machen."

Wie es aussieht, kann die Wiederbegegnung mit "Pardon" - auch wenn die Wunder-Dosis noch nicht ganz stimmt - also heilsam wirken. Mitten in der Print-Krise ist dies ein Hoffnungsschimmer.

"Pardon" gibt's seit dem 6. Dezember am Kiosk. Copy-Preis: 5,00 Euro. "Wenn wir mehr als 20.000 Exemplare verkaufen, ist das schon gut. Ab 30.000 beginnt der Jubel", sagt Weimer.

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Kopf

EXOT

06.12.2012
!

So – und nur so – muss die endgültige Satire eines Magazins aussehen!
Eines Magazins, dessen erstes – und vermutlich einziges – Titelblatt neben den Namen toter Killerfedern wie Loriot und Böll mit Humorentstellern wie Hellmuth Karasek und Bühnenkrankheiten wie Eckh. v. Hrhsn. aufwartet. Und mit einem unübersehbar zentral platzierten Deppengenitiv (“Das Tagebuch von Gott”).

Kein pardon auf jeden Fall für:
die Kollegen von EXOT (www.exot-magazin.de)


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