Ex-"WAZ"-Vize Alfons Pieper: "Zeitungsmarkt ist von einer Schwindsucht befallen"

 

Alfons Pieper, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der "WAZ", schreibt einem Debatten-Beitrag für "newsroom", dass der Zeitungsmarkt von einer Schwindsucht befallen sei, die ihn seit Jahrzehnten schwäche. Am Auflagen- und Anzeigenrückgang sei aber nicht allein das Internet schuld. Die Printmedien hätten ihren Konkurrenten Online völlig unterschätzt, so Pieper. Mittlerweile würden nicht einmal mehr die Verlags-Manager an ein Überleben der Zeitungen glauben.

Begriffe wie Zeitungssterben und Printkrise sind nach dem Aus für die "Financial Times Deutschland" und der Insolvenz der "Frankfurter Rundschau" in aller Munde. Die Krise sei da, so Alfons Pieper, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" in Essen, in einem Debatten-Beitrag für "newsroom". Das müsse trotzdem nicht bedeuten, dass Zeitungen vor ihrem nahen Ende stehen. Aber die Zeichen stünden auf Sturm, der den Verlegern und Journalisten ins Gesicht blase, schreibt Pieper.

Auf die "FTD" und "FR" geschaut": "Zieht man den Vergleich über die letzten 20 Jahren, so wurde die Auflage gar halbiert", so Pieper. "Der Zeitungsmarkt ist von einer Schwindsucht befallen, die ihn seit Jahrzehnten schwächt. Aber, um das gleich klarzustellen, es liegt nicht nur am Internet, dass sowohl die Auflagen wie die Anzeigen drastisch zurückgegangen sind."

Er selbst sei, wie auch viele andere der älteren Generation, ein "leidenschaftlicher Zeitungsleser", der jeden Morgen am Frühstückstisch den "Bonner Generalanzeiger" und die "Süddeutsche Zeitung" lese. Danach schaue er sich sich im Internet an, was der "Berliner Tagesspiegel", die "FAZ", die "Bild" oder auch die "WAZ" zu bieten haben.

Printmedien haben Online völlig unterschätzt

Die Printmedien hätten ihren Konkurrenten Online völlig unterschätzt, so Pieper. Ahnungslos habe man redaktionelle Inhalte kostenlos ins Netz gestellt, für die die Print-Leser aber zahlen mussten. "Dann wurden Online-Ressorts gebildet, aus dem Bestand der Redaktionen, die so zahlenmäßig geschwächt wurden. Mal hieß es 'online first', dann umgekehrt", schreibt Pieper weiter. Folglich haben beide Medien-Formate darunter gelitten. Außerdem habe es an Konzepten und Lösungen gefehlt. Ob es ein erfolgreiches Mittel sei, wie Springer das jetzt plant, die Inhalte der Blätter im Netz nur noch gegen einen Kostenbeitrag der Nutzer abzugeben, würde sich zeigen. Die Sorge schwinge mit, dass Nutzer, also Leser abspringen.

Zeitungen haben Deutungshoheit verloren

Falsch sei es Zeitungen und Blogs als Konkurrenten anzusehen. "Sie müssen sich ergänzen. Blogs können Zeitungen nicht ersetzen, sie können ihnen zusetzen, dort, wo die Redaktionen versagen, wo sie zu gefällig sind der Obrigkeit gegenüber, wie das in den Jahren der Rüttgers-Regierung war, wo sie nicht mehr die Kontrolle der Politik ausübten, sie kritisierten, wo es nötig und geboten war, sondern ihnen den Hof machten", so Pieper. Ähnliches habe sich abgespielt, als Karl-Theodor zu Guttenberg wegen seiner Doktorarbeit Aufmerksamkeit erregte. "Selbst die massive Unterstützung durch die mächtige 'Bildzeitung' konnte dem Verteidigungsminister und CSU-Politiker nicht vor seinem Sturz bewahren, weil die Internet-Gemeinde ihm nachwies, dass er wesentliche Teile der Doktorarbeit irgendwo abgeschrieben hatte", schreibt Pieper. Diese Fälle würden zeigen, dass die Zeitungen die Deutungshoheit verloren haben.

Verlags-Manager glauben nicht mehr an die Zeitung

Mit Zeitungen ließ sich früher viel Geld verdienen, aber Verlage sind nicht mit der Automobilindustrie zu vergleichen und können auch nicht so geführt werden wie ein Konzern, der Seife verkauft, so Pieper. Sie hätten auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Viel Zeit zum Gegensteuern hätten sie nicht, sonst werden sie eines Tages verschwinden. Eine Umfrage der Deutschen Post besage, dass die überwiegende Mehrheit der Verlags-Manager, die für die Stellenkürzungen in den Redaktionen verantwortlich sind, nicht an ein Überleben der Zeitungen glaubt. 88% von ihnen würden das Ende von Abo-Zeitungen und Zeitschriften voraussehen. Die Leser sind optimistischer: Nur jeder vierte von ihnen befürchtet laut Umfrage, in zehn Jahren auf seine Abo-Zeitung verzichten zu müssen.

Alfons Pieper arbeitete bereits als Parlamentskorrespondent für die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und die "Augsburger Allgemeine" in Bonn, später war er viele Jahre stellvertretender Chefredakteur der "WAZ" in Essen und Chefkorrespondent der "WAZ" in Berlin. Für den Blog "Wir in NRW" hat er den Medienprojektpreis 2010 für kritischen Journalismus der Otto Brenner Stiftung erhalten, das "Medium Magazin" kürte ihn 2010 zum "Regionalen Chefredakteur des Jahres".

Ihre Kommentare
Kopf

Ute Jensen

17.12.2012
!

Ich sehe dieser Entwicklung mit Zweckoptimismus entgegen und wünsche allen Betroffenen wundervolle Weihnachten. Wir dürfen wohl alle gespannt sein, wohin die Reise geht. In diesem Sinne tief durchatmen und Ärmel hochkrempeln für 2013: "Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen." Chinesisches Sprichwort


Coskun (Josh) Tuna

Coskun Tuna

Seeding Alliance GmbH
Gesellschafter Geschäftsführer

17.12.2012
!

Ich würde es Schwindelsucht nennen.


Angelika

18.12.2012
!

Solange die Redaktionen alles hinterherplappern, was unsere Politiker sagen, solange sie voneinander abschreiben, solange sie nicht den Finger in die Wunde legen, solange gibt es keinen Grund, eine Zeitung zu abonnieren.

Wo sind die Zeiten geblieben, wo Misstände rigoros aufgedeckt wurden? Damit meine ich große Misstände und nicht Hexenjagden.
Es ist egal, welche Zeitung man heute liest, es steht überall das Gleiche drin. Sie sind kaum noch zu unterscheiden. Weshalb dafür Geld ausgeben?


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