Onkens Buch "Bis nichts mehr ging" im kress-Check: Sex, Drogen und Boulevard-Zeitungen

 

Er war mit Anfang 30 Chefredakteur der "Hamburger Morgenpost", leitete die "Bild"-Redaktion Hamburg und kündigte nach knapp drei Jahren seinen Job wegen akuter Erschöpfung. Matthias Onken, 40, hat über seinen Ausstieg ein Buch geschrieben. "Bis nichts mehr ging" ist ein Seelenstriptease eines Entscheiders, der offen über Arbeitswut und Druck in der Branche und die Konsequenzen für das Privatleben berichtet.

Er war mit 28 Jahren Polizeireporter, mit Anfang 30 dann Chefredakteur der "Hamburger Morgenpost" ("Mopo"), leitete die "Bild"-Redaktion Hamburg und kündigte nach knapp drei Jahren seinen Job wegen akuter Erschöpfung. Matthias Onken, 40, hat über seinen Ausstieg nach sieben Jahren Boulevard-Journalismus in Entscheider-Positionen das Buch "Bis nichts mehr ging" geschrieben.

Onken liefert offene Worte über Arbeitswut, den Druck in der Branche und das Scheitern im Privaten - ein Seelenstriptease eines Ex-Blattmachers. Die Geschichten, die der Boulevard-Journalismus täglich über Stars und Sternchen schreibt, finden auch in seinem Alltag statt. Ehe und Freundschaften zerbrechen aufgrund seines fanatischen Arbeitsstils. Seinen Sohn sieht er selten. Er begegnet dem Dauerstress mit Alkohol und anderen Drogen, geht ins Bordell. Er ärgert sich über sich selbst, stellt seine Kompetenz als Führungsperson in Frage. Doch Onken macht weiter, ohne Rücksicht auf sich und sein Umfeld und rutscht immer weiter ab.

Es sei "therapeutisches Schreiben" gewesen, sagt Onken bei einem Treffen in Hamburg. Wie jemand, der sich von einer Menge Ballast befreit hat, wirkt er  dennoch nicht. Er spricht ernst und sehr reflektiert über sein altes Leben und die Widersprüche. Stolz ist er darauf nicht, wie er sechzehn Jahre für die Karriere Vollgas gegeben hat und dadurch vieles um ihn herum im Hintergrund verschwand. 

"Ich wäre in ein paar Monaten ein schlechter Mitarbeiter gewesen"

Irgendwann als er 2006 die Chefredaktion der "Mopo" übernommen hatte und damit nach eigener Auffassung  in einer neuen Stressliga angekommen war, sei der Impuls gekommen, seine Gedanken festhalten zu müssen. "Das Buch sollte ursprünglich die Aufgeregtheit und Hektik in einer Boulevard-Redaktion aus Sicht eines Blattmachers beschreiben", so Onken. In der Position als Chefredakteur habe er Kollegialität neu definieren müssen. Ihn stresst der Druck, stets besser als die Konkurrenz zu sein und die Verantwortung nicht nur für einzelne Texte wie in seiner Reporterzeit, sondern für die gesamte Zeitung und für die Mitarbeiter zu übernehmen. Er funktioniert nur noch, mit Leidenschaft hat seine tägliche Arbeit nicht mehr viel gemein. Dass er später aus Erschöpfung und Belastung seinen Job als Journalist aufgeben würde, sei zu Beginn des Schreibens noch nicht klar gewesen.

Als er die "Mopo" aufgrund unterschiedlicher Auffassungen mit der Geschäftsleitung verlassen hatte, heuert er bei "Bild" an und leitete die Hamburg-Redaktion. Der Druck steigt weiter. "Ich stand noch stärker unter öffentlichem Beobachtung", sagt er. Der Anspruch an Exklusivität sei wohl bei keiner anderen Zeitung so hoch wie bei "Bild". Dazu der Respekt vor Kai Diekmann und die Befürchtung, keine gute Zeitung abzuliefern. Der Axel Springer Verlag  spendierte ihm – wie bei Führungskräften üblich – ein Coaching, um sich wieder in Balance zu bringen. Daraus zieht er das persönliche Fazit: Er muss kündigen. "Man könnte jetzt sagen, der Verlag hätte sich dadurch einen Bärendienst erwiesen, aber für 'Bild' war es gut, dass ich dann die Reißleine gezogen habe. Ich wäre in ein paar Monaten ein schlechter Mitarbeiter gewesen", gibt er zu.

Munition für seine Kritiker

Onken arbeitet seitdem als freier Medienberater und Autor. Auf seiner Kundenliste stehen u.a. das "Hamburger Abendblatt", der Fußballer Dennis Aogo, der Schauspieler Marek Erhardt und auch der Rowohlt-Verlag, der seinen Erstling auf den Markt gebracht hat. Eine Rückkehr auf einen seiner alten Posten in der Boulevard-Branche kann er sich nicht vorstellen. Es müsste schon eine neue Herausforderung sein, sagt Onken. Er verspüre "Sehnsucht nach Tiefgang". 

Das Buch scheint dazu der Anfang zu sein. Onkens Debüt ist lesenswert und offenbart sehr persönliche, wenn auch verdichtete Einblicke in das Gefühlsleben eines überforderten Blattmachers, Ehemanns und Vaters. Er schreibt fokussiert und reflexiert über sich und sein Umfeld, ohne aufdringlich zu sein und geht mit seinen schonungslosen Beschreibungen hart mit sich ins Gericht. So sehr, dass Freunde ihn nach der Lektüre fragten, ob er keine Angst vor Angriffen habe. Er würde mit dem Buch seinen Kritikern womöglich Munition für ihre Waffen liefern. 

Onken teilt die Bedenken nicht: Er würde auch jeden seiner Kunden darauf vorbereiten, in Krisen die ungeschminkte Wahrheit zu sagen, auch wenn es weh tue. Wohl auch deshalb leitet er sein Buch mit einer Zeile eines Songs von Udo Lindenberg ein: "Ich mach‘ mein Ding, egal was die andern labern."

 

"Bis nichts mehr ging - Protokoll eines Ausstiegs" von Matthias Onken erscheint im Rowohlt Taschenbuch Verlag (rororo) und kostet 8,99 Euro.

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