iPad-Magazin "1890" im kress-Check: Wie sich die Allianz bei den Lesern versichert

 

Opulenz statt Zahlenfuchserei und Kleingedrucktes: Mit dem aufwendig gestalteten Wissenstitel "1890 - Das Allianz-Magazin" möchte der Versicherungsriese Platzhirschen wie "Geo" oder "P.M." Konkurrenz machen. Jetzt hat der Konzern dem originellen Print-Kundenheft eine Gratis-App-Ausgabe fürs iPad spendiert.

Opulenz statt Zahlenfuchserei und Kleingedrucktes: Mit dem aufwendig gestalteten Wissenstitel "1890 - Das Allianz-Magazin" möchte der Versicherungsriese Platzhirschen wie "Geo" oder "P.M." Konkurrenz machen. Jetzt hat der Konzern dem originellen Print-Kundenheft eine Gratis-App-Ausgabe fürs iPad spendiert.

122 Jahre lang war der Weltkonzern ohne Kundenmagazin ausgekommen, dann ging Hermann-Josef Knipper, heute Leiter Unternehmenskommunikation und "1890"-Herausgeber, vormals stellvertretender "Handelsblatt"-Chefredakteur, mit in die Werkstatt. Heraus kam im Oktober die Erstausgabe des gedruckten "1890"-Magazins, das in einer 500.000er Auflage vier Mal jährlich erscheint. Chefredakteur ist Mario Vigl, ehemals stellvertretender Chefredakteur der "ADAC Motorwelt", sein Stellvertreter ist Daniel Aschoff, der das Magazin mit entwickelte.

"Durchschnitt"-Inhalte - gespielt über drei Kanäle

Nach dem Start mit dem monothematischen "Wind"-Wissensmagazin legt die Allianz jetzt mit einer Ausgabe nach, die zwar den Titel "Durchschnitt" trägt, aber alles andere als Stangenwaare bietet - vor allem nicht in der erstmalig präsentierten Gratis-App-Version für iPads und Android-Tablets. "Es ist das erste Mal, dass ich eine iPad-Ausgabe selbst schöner als ein gedrucktes Magazin finde", sagt Vigl und darf sich dafür ausnahmsweise einmal selbst auf die Schulter klopfen.

Inhaltlich dreht sich in dem Magazin nicht nur um Durchschnittsdeutsche wie das sprichwörtliche "Lieschen Müller", das gleich achtfach mit Interview-Videos vertreten ist und deren Gesichtszüge sich auf dem iPad-Cover per Wischtechnik bis zu 16-Millionen-Mal individuell kombinieren lassen, sondern auch Hintergrundberichte über die Marktforschungsgemeinde Haßloch, aber auch witzige Bildstrecken wie die im Wortsinne "durchschnittlichen" Lieblingsobjekte der Bundesbürger.

Mit Gerhard Delling am Redaktionstisch

Wissenschaftlich-technische Hingucker-Stories, wie sie Leser auch bei der käuflichen Konkurrenz lieben würden, sind Science-Reportagen etwa über Bau und Pflege der Golden Gate Bridge sowie über Satelliten samt Weltschraumschrott (alles natürlich von der Allianz versichert). Geschrieben werden die Beiträge von Edelfedern wie Christian Gottwalt ("Süddeutsche Zeitung Magazin", "Instyle"). Eine Kolumne steuert ARD-Mann Gerhard Delling mit. "Er sitzt auch regelmäßig bei uns in den Redaktionskonferenzen", so Vigl.

Inhaltlich deckt sich das iPad-Magazin zu 100 Prozent mit dem Print-Heft, bietet jedoch keine 1:1-Entsprechug, sondern zusätzlich viele interaktive Multimedia-Inhalte. "Erstmalig bespielen wir jetzt alle drei Kanäle", so Vigl. "1890" kommt als Print-Heft, frei zugänglicher Online-Magazin sowie nun als üppig ausstaffierte iPad-Ausgabe daher.

Der eigentliche Bezug zum Absender des Magazins kommt daher auf leisen Füßen daher - eher dezent spielt die Allianz ihre Informationsstärken aus. Beim "Durchschnitt"-Thema konnten die Autoren etwa auf den großen statistischen Erfahrungsschatz des Unternehmens zurückgreifen. "'Als Versicherungsunternehmen wissen wir sehr viel über Deutschland und die Welt", so Knipper. "Wir können und wollen dieses Expertenwissen mit unseren Kunden teilen."

Fast wahr: "Alles drin - außer der Allianz"

Trotzdem war ihm und dem Vigl-Team wichtig, mit Qualitätsjournalismus zu punkten. "Es war von vornherein klar, dass es kein Propagandamagazin werden sollte", so Knipper, "sondern ein Titel, der sich mit den etablierten Verlagspublikationen messen lassen kann." Aschhoff berichtet, dass der ursprüngliche Auftrag des Vorstands lautete, ein Magazin zu machen "in dem alles drin ist - außer die Allianz".

Ehrgeizige Traum-Zielgruppe: 19 Millionen Leser

Die von Kircher Burkhardt, Berlin, entwickelte iPad-Lösung eröffnet Möglichkeiten, das Magazin noch breiter zu streuen. Zielgruppe sind nicht nur die bestehenden Allianz-Kunden, sondern auch Interessenten und Geschäftspartner. "Es wäre logistisch und finanziell unvorstellbar, ein gedrucktes Heft an unsere 19 Millionen Kunden zu schicken", so Knipper.

Deswegen hofft er auf viele Nutzer der iPad-Variante - vor allem unter jüngeren Lesern. Am gedruckten Heft soll dennoch weiter festgehalten werden - nicht zuletzt der gedruckten Anzeigen wegen. "Wir versuchen, eine Teilfinanzierung über die Vermarktung hinzubekommen", so Knipper. Wie viel der Konzern für das "1890"-Engagement ausgibt und wie viel er über das Anzeigengeschäft gegenfinanziert, lässt er sich allerdings nicht entlocken.

Freie Autoren und gute Ideen willkommen

Ähnlich wie bei vergleichbar ehrgeizigen Publikationen etwa aus der Red-Bull-Markenwelt bietet "1890" auch eine Plattform für Schreib- und Gestaltungstalente. Themenvorschläge sind willkommen. "Wir sind angewiesen auf freie Autoren", so Vigl, der zusammen mit Aschhoff alle redaktionellen Inhalte konzipiert, steuert und redigiert - in Zusammenspiel mit Kircher Burkhardt. 

"Viele Kundenmagazine sind für die Selbstverwirklichung der Agenturen phantastisch geeignet", so Herausgeber Knipper. "Wir behalten komplett die journalistische Oberhoheit." So spricht ein Hausherr, der sich auf Erfolg versichert hat.

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