"Westfälische Rundschau"-Proteste: Trauerzug in Dortmund und Spitzen in der Zeitung

03.02.2013
 

Mehrere Hundert Menschen haben am Samstag in Dortmund am ehemaligen Redaktionssitz der "Westfälischen Rundschau" symbolisch "die lokale Meinungs- und Medienvielfalt zu Grabe getragen" und einen Kranz mit der Aufschrift "Zu früh gestorben" niedergelegt. Zu der Protestaktion hatten die Gewerkschaften DJV-NRW und dju aufgerufen.

Mehrere Hundert Menschen haben am Samstag in Dortmund am ehemaligen Redaktionssitz der "Westfälischen Rundschau" symbolisch "die lokale Meinungs- und Medienvielfalt zu Grabe getragen" und einen Kranz mit der Aufschrift "Zu früh gestorben" niedergelegt. Zu der Protestaktion hatten die Gewerkschaften DJV-NRW und dju aufgerufen. Der anschließende Trauermarsch durch die Innenstadt endete mit einer Kundgebung.

Grund für den Protest: Die WAZ-Mediengruppe hat die bisherige Redaktion der "Westfälischen Rundschau" geschlossen. Betroffen davon sind 120 Redakteure und Redaktionsmitarbeiter. Die "WR"-Lokalteile werden seit Monatsbeginn von anderen Zeitungen, darunter auch Konkurrenzverlagen, zugeliefert. Am Samstag erschien die erste nach diesem Modell produzierte Ausgabe.

Der Hauptgeschäftsführer des DJV, Kajo Döhring, betrauerte bei der Protestkundgebung in Dortmund das Verschwinden eines Traditionstitels, das Verstummen einer sozialdemokratischen Stimme im östlichen Ruhrgebiet und Südwestfalen. Er zeigte aber auch "Wut über die Fortsetzung eklatanter Managementfehler", "Riesenwut über die Kälte und Arroganz, mit der Gruppengeschäftsführer und Gesellschafter die Existenz von über 200 Familien vernichten" und eine "gigantische Wut, "weil der Konzern auch noch versucht, aus dieser Situation Profit zu schlagen." Die Einrichtung einer Transfergesellschaft werde verweigert, die Betroffenen früher als nötig auf die Straße geschickt. "Wir werden nicht aufhören, dieses skandalöse Verhalten in die Öffentlichkeit zu tragen und das zynische Vorgehen der Manager und Gesellschafter bei der WAZ zu entlarven als das, was es ist: eine Riesen-Schweinerei!", so Döhring.

Die WAZ-Geschäftsführung dementiert das: Sie verweist auf einen Sozialplan, der Abfindungen, gestaffelt nach Alter und Betriebszugehörigkeit vorsieht. Außerdem würde man sehr wohl mit dem Betriebsrat über eine Transfergesellschaft verhandeln.

"WR"-Redaktion verabschiedet sich mit versteckten Spitzen

In der Freitagsausgabe der "Westfälischen Rundschau" hatte sich die Redaktion von ihren Lesern mit einer Lieblingsfilme-Liste verabschiedet - und damit ihrer Enttäuschung und ihrem Frust Luft gemacht. Darin heißt es z.B. bei "Einer flog übers Kuckucksnest": "Ein ganzer Laden voller Irrer – und der einzige, der noch alle Sinne beieinander hat, der sagt nichts. Das erinnert Sie an Ihren Arbeitsplatz? Weit gefehlt. Der junge Jack Nicholsen probt den Aufstand in einer Nervenheilanstalt mit einer kaltherzigen Schwester an der Spitze." Und zu dem Film "Jede Menge Kohle" ist notiert : "Ich sag’ nur: Es kommt der Tag, da will die Säge sägen!' Ich schätze, 120 Kollegen wissen, was ich meine." (Komplette Liste bei "stefan-niggemeier.de").

In den vergangenen Tagen ist in den "WR" immer wieder die Zahl "120" aufgetaucht, etwa in den täglichen Rubriken "Zahl des Tages" oder "Glosse". Unter "Grüße und Glückwünsche" steht in einer Anzeige: "Liebe Petra, lieber Christian, hurra die Kinder sind aus dem Haus. Endlich könnt Ihr es richtig krachen lassen! Die Freunde von der westfälischen Runde". Gemeint sind wohl WAZ-Eigentümerin Petra Grotkamp und WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus.  

WAZ-Geschäftsführer Thomas Ziegler begründete Mitte Januar das Aus der bisherigen Redaktion damit, dass man "angesichts des anhaltenden Anzeigen- und Auflagenrückgangs und der schlechten Geschäftsaussichten für das laufende Jahr" handeln musste. Die "WR" habe seit vielen Jahren Verluste in Millionenhöhe hinnehmen müssen. 

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