"Landlust"-Ableger "Himmelblau" im kress-Check: Reiselust hält sich noch in Grenzen

 

Schön, dass in der von Controllern tyrannisierten Medienwelt noch Märchen wahr werden: Dem Landwirtschaftsverlag in Münster gelang das Wunder, Schollen-Nostalgie wohnzimmertauglich zu machen - und die Großverlage mit jedem neuen IVW-Rekord vorzuführen. Der Gummistiefel-Titel "Landlust" schuf so ein eigenes Genre. Dem neuen Reise-Schwesterheft "Himmelblau" wird dies kaum gelingen.

Schön, dass in der von Controllern tyrannisierten Medienwelt noch Märchen wahr werden: Dem Landwirtschaftsverlag in Münster gelang das Wunder, Schollen-Nostalgie wohnzimmertauglich zu machen - und die Großverlage mit jedem neuen IVW-Rekord vorzuführen. Der Gummistiefel-Titel "Landlust" schuf so ein eigenes Genre. Dem neuen Reise-Schwesterheft "Himmelblau" wird dies kaum gelingen.

"Naturnahe, ländliche oder noch weitgehend unberührte Urlaubsziele in Deutschland und Europa" möchte der "Himmelblau"-Redaktionsleiter Ulrich Toholt erschließen und der aufgeschlossenen "Landlust"-Lesergemeinde ans klopfende Herz legen. Wenn man die Gartenschere zum Obstbaum-Veredeln einmal aus der Hand geben möchte, kann man jetzt mit der 140-seitigen Neugründung (Copypreis: 4,80 Euro) auf Erkundungstour gehen.

Ach ja: "Der wahre Luxus unserer Zeit ist die Zeit der Muße." 

"Sie werden unvergessliche Momente erleben, Landschaftsbilder in sich aufnehmen und rasch den Alltag hinter sich lassen", dichtet Toholt im Editorial und sagt noch einmal das kleine Entschleuniger-Glaubensbekenntnis auf: "Denn der wahre Luxus unserer Zeit ist die Zeit der Muße. Ebenso aber auch die Zeit für inspirierende Entdeckungen." Dem ist in seiner Pauschalität wenig hinzuzufügen.

Wirklich himmelblau wirken nur die Wattenmeer-Inseln

Schade nur, dass die hochgesteckten Erwartungen, die "Himmelblau" vorauseilten und die es mit solchen Geleitworten selbst noch einmal beschwört, nicht wirklich gerecht wird. Heraus kam nämlich ein über weite Strecken doch etwas blutleer wirkender Postkarten-Prospekt, den es sprunghaft von der Nordseeküste an den Bodensee, dann wieder an die überraschend malerischen Naturschönheiten des Ruhrgebietes, ins norwegische Fjordland, an den Bodensee, dann wieder an die Mecklenburger Seenplatte und hinab in den bayerischen Pfaffenwinkel treibt.

Die Auswahl im Einzelnen ist dabei jeweils gerechtfertigt. Und mit den beigelieferten Touristikinformationen sowie mit den in der Regel knapp gehaltenen Lauftext-Beschreibungen kann man durchaus etwas anfangen. Zwingend wirkt allerdings fast nichts - und in der massierten Häufung erschlägt sich Beliebiges mit Beliebigem.

Puristisches Layout, kleinteiliges Bilder-Gewimmel

Was das Vergnügen am sich Festschmökern mindert, ist dabei das insgesamt puristische Layout und die oft ein wenig lieblos aneinandergefügten Bild-Übersichten. Die im Editorial versprochenen "unvergesslichen Momente" spiegeln sich leider ein wenig zu selten in opulenten Bildstrecken oder originellen Anschnitten wieder.

Eine der wenigen Ausnahmen ist dabei die Eingangsstrecke, die gleich auf mehreren Seiten großflächig Luftaufnahmen der Nordsee-Inseln aneinanderreiht. Hier darf die Optik dann auch wirklich einmal "himmelblau" wirken - auch wenn das vermutlich nicht ganz den Charakter der Region trifft. 

Wird denn nur im Keller geschmunzelt?

Ähnlich der Gestaltung, die ihrem hohen Anspruch gelegentlich hinterherhinkt und so staub- wie nostalgiefrei wirkt, vermisst man an der einen oder anderen Stelle auch die sprachliche Besonderheit. Augenzwinkerndes oder gar offen Humorvolles etwa muss man suchen.

Dafür hätte ein wenig mehr Klischee- und Phrasen-Resistenz gut getan. Nach kurzen Abschluss-Essay von Helge Sobik (über das karge Leben auf einer Schären-Insel) verlässt man die Neugründung jedenfalls mit Worten, die man so lieber nicht so gerne gelesen bzw. mit "Inhalt gefüllt" aufgenommen hätte: "Nach ein paar Tagen ist sogar das Wort Entschleunigung zu einem verträglichen, handfesten Begriff geworden. Weil es nur gelebt wird, mit Inhalt gefüllt. Und Pate steht für den vielleicht schönsten Urlaub unseres Lebens." Dieser Traumurlaub steht noch aus.

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