Reality-TV-Überflieger Rick Harrison im kress.de-Gespräch: "Fernsehen ist oft Zeitverschwendung"

 

Mit bis zu sieben Millionen Zuschauern pro Woche gilt "Pawn Stars", die beim deutschen Pay-Sender History "Die Drei vom Pfandhaus" heißt, als die beliebteste Reality-Serie der USA. Zu sehen ist sie in 150 Ländern weltweit - in 32 Sprachfassungen. Die Latte liegt für die RTL II-"Trödeltruppe" oder den BR-Klassiker "Kunst & Krempel" hoch. 

Mit bis zu sieben Millionen Zuschauern pro Woche gilt "Pawn Stars", die beim deutschen Pay-Sender History "Die Drei vom Pfandhaus" heißt, als die beliebteste Reality-Serie der USA. Zu sehen ist sie in 150 Ländern weltweit - in 32 Sprachfassungen. Die Latte liegt für die RTL II-"Trödeltruppe" oder den BR-Klassiker "Kunst & Krempel" hoch. 

"Pfandhäuser erzählen viel über unser Land"

Angefangen hatte alles mit einem Pfandleihhaus (englisch: Pawn Shop, nicht zu verwechseln mit ähnlich klingenden Etablisments), die zu den USA gehören wie Fast-Food-Ketten oder Schönheitssalons. 1988 eröffneten Rick Harrison (47) und sein Vater Richard (72) den Gold & Silver Pawn Shop in Las Vegas, der heute zu den beliebtesten Touristenattraktionen der Zockerstadt zählt.

Hier kann man, wenn man akut in Geldnot ist, seinen Ehering zu Geld machen. In den weitläufigen Tresorräumen lagern aber auch Ölschinken von Renoir bis Picasso, E-Gitarren mit Sammlerwert, Olympia-Fackeln, Fußball-WM-Abzeichen und Zigarren aus dem Präsidentenbesitz. 

"Bis in die 50er Jahren waren Pfandhäuser die erste Adresse, um überhaupt einen Kredit zu bekommen. Sie erzählen viel über unser Land", meint Rick Harrison, der gut als Bruce-Willis-Lookalike durchgehen könnte, beim Interview in München. "Hollywood hat uns erst zu den Schurken gemacht", klagt er.

Mit dem Fernsehen, das ihn zum Millionär gemacht hat, geht er aus naheliegenden Gründen gnädiger ins Gericht. 2009 hat das auf Real-Life- und Drama-Reihen spezialisierte Pay-Network A+E im Leihhaus erstmalig Kameras aufgestellt und filmt nun das Feilschen und Fabulieren des Harrisons Clans, zu dem auch Ricks Sohn Corey (28) zählt. Schüchtern zeigt sich in der Serie niemand, der normale Geschäftsbetrieb läuft einfach weiter. "Mir ist schon immer schwer gefallen, meinen Mund zu halten", sagt Rick Harrison.

Zunächst nur eine Staffel geplant, bald startet die achte

Dass er einmal TV-Star werden würde, der wenigstens in den USA überall erkannt und anquatscht wird, hatte er natürlich nicht geahnt. "Ich hatte zunächst nur gehofft, dass wir eine Staffel hinbekommen – auch um unserem Geschäft ein bisschen auf die Füße zu helfen." Heute zählt er täglich bis zu 5000 Besucher in seinem Pawn Shop - die Angestelltenzahl hat er auf 36 erhöhen müssen. "Natürlich kommen jetzt immer mehr Leute in den Laden – weil sie sich eine Chance ausrechnen, ins Fernsehen zu kommen", erzählt er und lacht. "Wir müssen jetzt nie mehr Statisten anheuern."

Was seine Sendereihe, die nun bereits in die achte Staffel geht, zum Überraschungserfolg der US-TV-Branche gemacht hat, lässt sich gar nicht so leicht festmachen. "Der Erfolg setzt sich aus einer Vielzahl von Details zusammen, die alle stimmig sind", so Harrison. Dass er sich selbst wenig um die Kameras und den eitlen TV-Betrieb schert, macht viel aus. "Wir sind eine der eher wenigen Reality-TV-Sendungen, die wirklich ,real' sind", behauptet er.

Tatsächlich macht den Reiz weniger das aus, was man in deutschen Reality-Serien als alltägliches Miteinander mit eher hemdsärmelig-prolligen Zeitgenossen ausmacht, sondern sogar eine ungewöhnliche Art von Bildungsauftrag - das Geschichte-Erzählen.

"Die Leute wollen keinen Geschichtsunterricht"

An allen Objekten, die im Pfandhaus über die Theke gehen, hängen derartige Erzählungen, den augenzwinkernd nachgeforscht wird. "Die Leute wollen keinen Geschichtsunterricht von einem Dozenten hören. Sie wollen lebendige Geschichte von ihrem Onkel oder einer Vertrauensperson aufbereitet bekommen", so Harrison. "Wenn ich Geschichtliches präsentiere, dann hört sich das lustig an", sagt er. In den USA gilt er daher schon als Erfinder des Sub-Genres "Laugh & Learn TV".

Wie hierzulande eher im Kinderfernsehen vom guten alten Peter-Lustig-Schlag hängen ihm die  Zuschauer an den Lippen, wenn er der Historie von Oldtimern ebenso wie von dubiosen Schrumpfköpfen, die ihm jüngst angeboten wurden, nachgeht. Dabei greift Harrison, der sicher kein Intellektueller ist, auf seinen Erfahrungsschatz - und seine Lektüre-Nachforschungen zurück.

"Ich verbringe viel Zeit damit, Bücher zu lesen - meistens natürlich über geschichtliche oder naturwissenschaftliche Themen", sagt er und bekennt sich zu seinem Chemie-Fimmel. "Den Band über die Geschichte der Elektro-Batterien habe ich eben erst zum zweiten Mal gelesen. Ich finde solche Themen spannend, was wohl daran liegt, dass ich ein ziemlicher Nerd bin." 

Nachahmern gibt er daher einen einleuchtenden, für leidenschaftliche TV-Macher aber eher unkonventionellen Tipp: "Woher mein eigenes Geschichtsinteresse stammt? Das kommt daher, dass ich so gut wie nie den Fernseher einschalte", so Harrison. "Fernsehen ist ja ohnehin oft Zeitverschwendung."

"Wir lieben Geschichte. Wir haben nur nicht viel davon."

Längst hat das "Pawn Stars"-Vorbild Schule gemacht - mit vielen mehr oder weniger simpel gestrickten Nachahmer-Formaten und Spezialisierungen (etwa nur auf Motorrad-Verkäufe). "Es gibt rund 40 Shows in den USA, die unsere Idee kopieren. Alles was im Fernsehen erfolgreich ist, wird nachgedreht. So läuft das Geschäft", sagt Harrison. Der Pionier gewesen zu sein, macht ihn natürlich stolz. "Wenn Sie einen Picasso oder einen Picasso-Kopie vor sich haben – für wen würden Sie sich entscheiden?", fragt er und bleibt seinem Genre treu. 

Dass Reality nicht nur Trash sein muss, sondern auch ein wenig (Alltags-)Bildung vermitteln kann, wirkt bei Harrison als Ansporn. "Wir lieben Geschichte in den USA – es ist nur so, dass wir nicht so wahnsinnig viel davon haben", sagt er. "Was will man schon erwarten: Ich komme aus Las Vegas. Die Stadt gibt’s seit 100 Jahren." 

"Die Drei vom Pfandhaus" läuft immer montags um 20.15 Uhr bei History. Am 25. März startet dort die achte Staffel.

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