Nach Zensur-Vorwürfen: Facebook entschuldigt sich bei Jürgen Domian

19.03.2013
 

Jürgen Domian ist "äußerst verärgert und fassungslos". Der WDR-Moderator teilte am Montagabend mit, dass Facebook seine Beiträge und die entsprechenden Nutzerkommentare gelöscht habe. "Stein des Anstoßes ist wohl mein kritischer Beitrag zu dem Auftritt des erzkonservativen Katholiken Martin Lohmann bei Günther Jauch", so Domian, der offen von Zensur spricht. 

Jürgen Domian ist "äußerst verärgert und fassungslos". Der WDR-Moderator teilte am Montagabend mit, dass Facebook seine Beiträge und die entsprechenden Nutzerkommentare gelöscht habe. "Stein des Anstoßes ist wohl mein kritischer Beitrag zu dem Auftritt des erzkonservativen Katholiken Martin Lohmann bei Günther Jauch", so Domian. Diesen Beitrag hätten immerhin 1,1 Mio Menschen gelesen.

Lohmann machte in der Sendung vom 4. Februar deutlich, dass er Abtreibung auch ablehne, wenn der Eingriff nach einer Vergewaltigung vorgenommen werde, selbst wenn seine Tochter das mögliche Opfer sei.

Domian schreibt in seinem Status-Update auf Facebook weiter, dass auch sein "völlig harmloser (und durchaus wohlwollender) Text zum neuen Papst nicht den Richtlinien von Facebook entspricht (so wurde es mir heute mitgeteilt)". Auch seine Posts zur Home-Ehe seien verschwunden. Das alles sei ungeheuerlich. Mit Meinungsfreiheit habe das nun rein gar nichts mehr zu tun. Die Texte hätten als Kommentar in jeder öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalt über den Sender gehen können, hätten in jeder Zeitung stehen können. Alle Grundbedingungen seien erfüllt worden, so Domian, dessen nächtliche Radiosendung "Domian" bei 1Live Kult-Charakter hat.

Der Moderator vermutet, dass "fanatische Kirchenanhänger" bei Facebook so viel Wind gemacht haben, dass man dort eingeknickt sei. Das finde er "ausgesprochen erschreckend". Domian spricht von Zensur: "Mir wird Angst und Bange bei der Vorstellung, in unserem Land würden politische Kräfte erstarken, die die Demokratie bedrohen. Eine vermeintlich demokratische Plattform wie Facebook würde wohl sofort des neuen Herrn Diener sein." Domians Konsequenz: "Ich werde in der nächsten Zeit nichts posten, um die Dinge zu klären. Auch um zu vermeiden, dass meine Texte wieder gelöscht werden." 

Die Stellungnahme wurde bis Dienstagmittag 27.000 geteilt und von fast 19.000 Usern geliked. Domian hat auf Facebook fast 70.000 Freunde.

"Entschuldige bitte, Jürgen Domian!!!"

Betreibt Facebook wirklich Zensur? Tina Kulow, Unternehmenssprecherin von Facebook, räumt in einer öffentlichen Stellungnahme von Dienstagvormittag "einen Fehler" ein und entschuldigt sich persönlich bei Domian:

In dem Bemühen, die vielen Reports von Nutzern, die wir jeden Tag erhalten, schnell und effizient zu bearbeiten, schaut sich unser User Operations-Team Hunderte von Tausenden von Reports zu Inhalten jede Woche an. Unsere Reporting-Systeme sind dafür entwickelt, Menschen vor Missbrauch, Hass-Rede und Mobbing zu schützen und es ist bedauernswert, dass gelegentlich Fehler gemacht werden, wenn solche Reports bearbeitet werden. Und wir wissen, dass dies frustrierend sein kann, wenn wie in diesem Fall, solch ein Fehler passiert.

Wir möchten, dass Facebook ein Ort ist, wo Menschen offen diskutieren können, ihre Fragen und ihre Meinung äußern können, während die Rechte und Gefühle anderer respektiert werden. Einige Kommentare und Inhalte können für jemanden störend sein - Kritik an einer bestimmten Kultur, Land, Religion, Lebensstil oder politische Ideologie, zum Beispiel. Das allein ist kein Grund, um die Diskussion zu entfernen. Wir glauben fest daran, dass Facebook-Nutzer die Möglichkeit haben, ihre Meinung zu äußern, und dass wir in der Regel diese Inhalte, Gruppen oder Seiten, die sich gegen Länder, Religionen, politischen Organisationen oder Ideen richten, nicht entfernen.

Entschuldige bitte, Jürgen Domian!!!

Ihre Kommentare
Kopf
Mourad Zarrouk

Mourad Zarrouk

Ressortleiter

19.03.2013
!

GEHT DOCH! Fehler sind menschlich...immerhin ein guter Zug von FB sie einzugestehen und sich zu entschuldigen...Chapeau! (DARAN sollten sich Manager, Politiker und allen voran RICHTER mal ein ganz ein FETTES BEISPIEL nehmen!!!)


Sebastian Dosch

Sebastian Dosch

microfin Unternehmensberatung GmbH
IT-Berater

19.03.2013
!

Der Vorfall macht das Problem deutlich: Wenige große Internet-Konzerne bestimmen, was gepostet und was gelesen werden darf. Jedenfalls haben sie es in der Hand und machen davon auch Gebrauch. Dass es möglicherweise in diesem Fall anders lag, verbessert die Lage nicht wirklich.

Ich habe dazu mal meine Gedanken aufgeschrieben: http://klawtext.blogspot.de/2013/03/domian-wirft-facebook-zensur-vor.html


Burkhard P. Bierschenck

19.03.2013
!

Wenn man bedenkt, dass gleichzeitig persönliche Beleidigungen und Diffamierungen stehen gelassen werden (besonders wenn die Betroffenen weniger prominent sind), während man sich bigotten Scharfmachern beugt. wird erst ein Schuh draus. Mammut-Konzerne wie Facebook und Google sind durchaus eine Gefahr für die Demokratie, denn diese ist ihnen offensichtlich stets weniger wichtig als die Möglichkeit schnelles Geld zu machen. Wäre Domian nicht so bekannt, hätte sich Facebook nicht darum geschert.


PS

19.03.2013
!

ist nicht nationalistisch gemeint.
Aber beim Thema "Löschen" sollte Facebook wirklich Menschen beschäftigen, die aus der Kultur stammen, in der das stattfindet, in ihr leben und an ihr teilhaben.
Obwohl ich sehr gut Englisch spreche, lese und auch viele doppelbödige Witze in dieser Sprache verstehe, würde ich mir nie anmassen, Tugendwächter für Wardrobefailures bei ABC werden zu wollen.
Und wenn Facebook für ihre lokalen Kunden Posts bewerten will, müssen halt Locals ran.
Hat wohl gefehlt


Andrea Bachhuber

20.03.2013
!

"Entschuldige bitte, Facebook!!!"

Wie auch schon an anderen Stellen werden die Dinge je nach Situation unterschiedlich bewertet - sehr erschreckend! Ich werde einfach nach jedem kritischen Post schon mal eine Entschuldigung hinterher schiessen....man kann ja nie wissen unter welchen Standpunkt meine Posts gelesen werden...

Ich hoffe Ironie kommt bei der Zensurstelle überhaupt an, die wird von der Zensur zensiert o.ä.


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