Bezahlmodell für Online-Journalismus: Große Portale schmieden Probier-Allianz

08.05.2013
 
 

Die großen Nachrichtenportale im Internet wollen sich künftig gemeinsam mehr Experimente erlauben, um eine geeignete Finanzierung für ihre Angebote zu finden. "Jetzt sind wir gezwungen, zusammen ein neues Modell zu entwickeln", sagte der Chefredakteur von "Zeit Online", Jochen Wegner, bei der Republica in Berlin. Wegner diskutierte zum Abschluss der Internetkonferenz

Die großen Nachrichtenportale im Internet wollen sich künftig gemeinsam mehr Experimente erlauben, um eine geeignete Finanzierung für ihre Angebote zu finden. "Jetzt sind wir gezwungen, zusammen ein neues Modell zu entwickeln", sagte der Chefredakteur von "Zeit Online", Jochen Wegner, bei der Internetkonferenz Republica in Berlin. Wegner diskutierte zum Abschluss der Konferenz in einer Online-Elefantenrunde mit der Geschäftsführerin von "Spiegel Online", Katharina Borchert, und dem Chefredakteur von "Süddeutsche.de", Stefan Plöchinger.

Auf der Suche nach dem goldenen Weg wollen die großen Medienmarken nun vereint voranschreiten. Borchert, Wegner und Plöchinger präsentierten sich auf der Republica betont kollegial. "Wir teilen so viele Probleme und haben so viele gleiche 'Feinde'", versuchte Wegner den Grund für den ausbleibenden Konkurrenzkampf zu erläutern. Eine Herausforderung, die alle Portale eine: "Der Medienkonsum ändert sich ja alle drei Wochen." Der Journalismus sei darum gerade in der spannendsten Phase der vergangenen Jahrzehnte, auch wenn Wegner zugab: "Es geht uns Onlinern manchmal zu schnell in den letzten Wochen, weil wir schon fast zu viele Ideen produzieren."

Auch Plöchinger rief seine Online-Kollegen auf, gemeinsam zu experimentieren. Die Zeit dafür sei endlich gekommen, denn viele Verlage ließen ihren Digitalexperten nun tatsächlich freie Hand, um Ideen zu entwickeln, die auch mal scheitern dürfen. Es sei der größte Bruch innerhalb des digitalen Wandels, dass auch in den Verlagen eine Probierkultur entstehe. Borchert erinnerte daran, dass in vielen Häusern "Probieren" ein Schimpfwort gewesen sei - und gleichbedeutend mit "Scheitern". Nun ginge es einfach nicht mehr ohne das "Probieren".

Keinen Hehl machten die Online-Chefs aus ihrer Sympathie für das Modell der "taz". Auf deren Online-Seite können Leser beim Abruf jedes Artikels entscheiden, ob sie freiwillig für die Lektüre bezahlen. Solch eine Idee könnte auch auf vielen anderen Seiten funktionieren, meinte Plöchinger: "Ich glaube, dass unsere Marken relativ viele Fans haben, die bereit sind, dafür zu zahlen." Auch Wegner zeigte sich begeistert vom Einfall der "taz" und sagte: "Eigentlich müssten alle Leute nach Berlin pilgern." Die Branche habe noch gar nicht ausreichend studiert, was da Tolles entstanden sei.

Das wiederum funktioniert nach Meinung der Experten nicht mit einem Dienst wie Flattr. Mit ihm bezahlen Nutzer kleinste Beträge per Klick auf eine Schaltfläche unter einem Artikel. Flattr funktioniere bei Verlagsangeboten nicht gut, sagte Borchert. Nutzer würden ihr Geld eher für wenig bekannte Blogger, also "den coolen Underdog", ausgegeben. Plöchinger gab zu bedenken, dass per Flattr journalistische Leistungen erst spät honoriert werden. Eine lange Recherche, wie etwa zu den "Offshore-Leaks", brauche bereits Monate im Voraus Unterstützung.

Plöchinger rief dazu auf, den Kampf um die Quoten möglichst zu unterlassen: "Wir müssen es im Zweifel auch mal sein lassen, nur auf die IVW-Zahlen zu schielen, wenn wir darüber nachdenken, den Journalismus weiterzuentwickeln." Laut dem Online-Chef aus München überleben nur jene Angebote, die sich deutlich von den anderen abheben: "Wenn wir die achte Nachrichtenseite sind, die die dpa verwurstet, wird uns das auch nicht mehr weiterbringen."

Autor: Jens Twiehaus

 

Ihre Kommentare
Kopf

Walter Lorz

10.05.2013
!

Seit Jahren die selben Plattitüden. Experimentierfreude ist dabei nur das neue Wort für Ratlosiggkeit, die sich auch in der Aussage widerspiegelt, dass sich der Journalismus "in seiner spannensten Phase" befindet. Seit Jahren, sei dazu angemerkt. Wenn man schon über "gemeisame Aktionen" fabuliert, sollte man vor allem über gemeinsame portalübergreifende Bezahlschranken sprechen. Oder gleich über gemeinsame Invests in branchenfremde Startups.


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