Kai Diekmanns Silicon-Valley-Bilanz: "Ich vermeide das dumme Wort von der 'Bezahlschranke'"

22.05.2013
 

"Das war wie eine Zeitreise": "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann hat im Interview mit dem "Handelsblatt" (Mittwochsausgabe) verraten, was er in den vergangenen neun Monaten im Silicon Valley erlebt hat. Besonders beeindruckt hat ihn dort die Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen, zu teilen und ganz offen über alle Ideen zu reden.

"Das war wie eine Zeitreise": "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann hat im Interview mit dem "Handelsblatt" (Mittwochsausgabe) verraten, was er in den vergangenen neun Monaten im Silicon Valley erlebt hat. Besonders beeindruckt hat ihn dort die Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen, zu teilen und ganz offen über alle Ideen zu reden. "Die Leute sind überzeugt davon, dass sie schneller zu unternehmerischen Ergebnissen kommen, wenn sie über ihre Ideen und mögliche Probleme bei der Umsetzung ganz offen miteinander diskutieren. Das ist ein Teil des einzigartigen Spirits im Silicon Valley", so Diekmann. Die Bereitschaft, zu teilen, mache diese Gegend so attraktiv und offen. Auch deshalb wirke sie wie ein Magnet auf Talente aus aller Welt.

Was hat die "Bild"-Redaktion nach Diekmanns Rückkehr zu erwarten? Seit fast 60 Jahren sitze man dort morgens zusammen und überlege, was die "Bild"-Leser am folgenden Tag interessieren könnte. Das sei passé - auf  dem Smartphone passiere alles in Echtzeit, erklärt Diekmann im "Handelsblatt" - und kündigt an: "Wir werden uns also von dem Rhythmus, den die Tageszeitung diktiert hat, verabschieden, auch von den Konferenzstrukturen der letzten 60 Jahre. Die Zeitung aus Papier ist bei uns künftig eine Oberfläche von vielen - allerdings eine nach wie vor sehr, sehr wichtige."

"Exklusivität gibt es in der digitalen Welt nicht mehr"

Man müsse alle journalistischen Herangehensweisen, Konzepte, Überzeugungen und Vorstellungen überprüfen. Konkret heißt das für Diekmann: "Exklusivität gibt es in der digitalen Welt nicht mehr, alles verbreitet sich in Sekundenschnelle. Wir müssen Exklusivität deshalb neu definieren. Exklusivität wird künftig sein, eine Geschichte auf einmalige, unverwechselbare Art zu erzählen, so wie nur wir es können. Es ist mir völlig egal, ob mir jemand die reine Nachricht wegnimmt - ich kann ja eh nichts dagegen tun. Die Leute müssen sie aber trotzdem bei uns lesen wollen."

Die gesamten Arbeitsabläufe bei "Bild" würden jetzt angepasst, so Diekmann. Die Bedeutung der klassischen Ressortaufteilung werde sich ändern. Zukünftig würden sich Arbeitsabläufe viel mehr um eine Geschichte drehen. "Das heißt, es wird einen Geschichten-"Owner" oder "-Besitzer" geben, der sich dann sein Team zusammenstellt und die Geschichte die nächsten zwei bis drei Tage betreut. Und der dafür sorgt, dass wir in der Sache vorne dranbleiben, dass die Leute die Geschichte bei uns lesen wollen."

"Völlig neue Tätigkeitsfelder innerhalb der Redaktion"

Diekmann spricht in dem Interview auch von "völlig neuen Tätigkeitsfeldern innerhalb der Redaktion": "Wir brauchen Journalisten, die in den sozialen Netzen leben und die Marke dort glaubhaft präsentieren." Und "Bild" müsse die "visuelle Kompetenz" ins Netz übertragen. Diekmann nennt als Beispiel den Fußball - "Bild" hat Online-Übertragungsrechte für die Bundesliga erworben. Die Bewegtbilder aus den Stadien müssten selbst auf den kleinen Smartphone-Screens mitreißen und fesseln, fordert Diekmann. "Wir brauchen also Journalisten, die völlig neue Darstellungsformen entwickeln, die sich für Technik begeistern, die Augen offen halten und beobachten, welche neuen Tools es gibt, die wir für die digitalen Plattformen einsetzen können."

Die vom "Spiegel" kolportierte Zahl von 200 Stellen, die bei "Bild" wegfallen sollen, sei "schlicht falsch", so Diekmann. Gleichwohl bestätigt Diekmann einen Umbau: "Wo kein Wachstum ist, muss ich Strukturen anpassen, um in Bereiche investieren zu können, wo ich Wachstum erwarte." Bei den Reportern soll aber nicht gespart werden. Das sei "lebensgefährlich".

"Abo-Modell" von "Bild.de" wird in wenigen Tagen vorgestellt

"In wenigen Tagen" will Diekmann das Paid-Content-Konzept von "Bild.de" vorstellen. "Es wird in unserem neuen Angebot frei zugängliche und bezahlte Informationen nebeneinander geben. Es wird sich im Wesentlichen um ein Abo-Modell handeln, aber ein sehr flexibles", so der "Bild"-Chefredakteur. "Bezahlschranke" sei übrigens ein "dummes Wort". In einer Kneipe rede ja auch niemand von einer Bezahlschranke, sondern bestenfalls von einem Tresen.

Auch der Einstieg in den Markt für News-Aggretatoren, in dem sich Anbieter wie "BuzzFeed" und "Business Insider" tummeln, werde gerade "umfassend analysiert". Eine Entscheidung stehe noch aus. Diekmann gibt in dem Interview mit dem "Handelsblatt" auch zu, dass man es "völlig verpennt" habe, eine App aus dem sehr erfolgreichen Leserreporter-Programm zu basteln. Das werde man ändern. Noch im Sommer werde die App kommen.

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