"Spiegel Online" bremst Bezahl-Debatte: "Wir brauchen im Moment keine Paywall"

15.06.2013
 
 

Das neue Angebot "Bild Plus" brachte die Debatte ums Bezahlen für journalistische Inhalte im Netz ordentlich in Schwung - nun tritt "Spiegel Online" auf die Bremse. Das Nachrichtenportal mag immer noch keinen Termin für mögliche eigene Experimente mit sogenannten Bezahlschranken vorlegen. Geschäftsführerin Katharina Borchert sagte Samstag bei der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche in Hamburg sogar: "Wir brauchen im Moment keine Paywall - nicht, um unsere Redaktion zu finanzieren."

Das neue Angebot "Bild Plus" brachte die Debatte ums Bezahlen für journalistische Inhalte im Netz ordentlich in Schwung - nun tritt "Spiegel Online" auf die Bremse. Das Nachrichtenportal mag immer noch keinen Termin für mögliche eigene Experimente mit sogenannten Bezahlschranken vorlegen. Geschäftsführerin Katharina Borchert sagte Samstag bei der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche in Hamburg sogar: "Wir brauchen im Moment keine Paywall - nicht, um unsere Redaktion zu finanzieren." Dennoch wird "Spiegel Online" wohl nicht mehr lange auf Bezahlinhalte verzichten.

Denn Borchert stellte klar, dass sie zwar die Redaktion mit ihren 140 Journalisten auch über Anzeigenverkäufe gut finanzieren könne. Auf der anderen Seite wünsche sie sich aber kostenpflichtige Angebote, um "Spiegel Online" ausbauen zu können und unabhängiger von der Fluktuation des Werbemarktes zu werden. Druck komme zugleich aus dem eigenen Haus. Denn ewig, sagte Borchert, werde es die Trennung zwischen dem kostenpflichtigen gedruckten "Spiegel" und dem kostenlosen "Spiegel Online" auch nicht mehr geben - weshalb digitale Bezahlangebote kein Tabu sein können.

Für die derzeitige Euphorie, ausgelöst durch den Verlag Axel Springer und den Start von "Bild Plus", hat Borchert aber nicht viel übrig. "Ich glaube, da kommt noch eine ganz große Katerstimmung", unkte sie und analysierte, dass die Qualität des deutschen Online-Journalismus nicht genügend Käufer locken könne. Auf den Portalen gebe es "immer noch zu viele minimal umgeschriebene dpa-Meldungen" - und außerdem machten die guten und stets frei zugänglichen öffentlich-rechtlichen Angebote eine konsequente Durchsetzung schwierig.

Ein Mann aus dem Hause Springer warb auf dem Hamburger Podium ausdrücklich für Bezahlinhalte: "Welt"-Chefredakteur Jan-Eric Peters sagte, das vor einem halben Jahr für "Welt Online" eingeführte Bezahlmodell habe das Reichweiten-Wachstum der Seite nicht gebremst. Die Zugriffe seien mit dem Markt gewachsen. Auch die Akzeptanz sei groß: "Die Nutzer verstehen das Modell - nicht nur technisch, sondern sie verstehen auch, warum sie zahlen sollen." Trotzdem sei das "Metered Model" der "Welt" - 20 Artikel pro Monat sind frei - sicher noch nicht "der goldene Weg". Und den erkannten auch die beiden anderen Diskutanten Anita Zielina und Stefan Plöchinger nicht. Managing Editor Zielina von Stern.de sagte, es gebe "noch keine konkreten Pläne" für Bezahlangebote. Auch "Süddeutsche.de"-Chefredakteur Plöchinger versicherte, in seinem Hause sei noch "nichts im Busch".

Katharina Borchert lenkte den Fokus schließlich auch noch auf die Qualität der Werbung im Netz - und stellte ihr ein mieses Zeugnis aus. "Da ist definitiv zu viel Mist durchgegangen.", sagte Borchert, die sich für "Spiegel Online" alle "Pop-ups, Pop-unders und was sich sonst noch über den Text legt" verbittet. Bis heute gebe es ein tägliches Armdrücken mit den Kunden, die sich noch immer sehr eigenwillige Anzeigenformate ausdenken: "Die Hälfte zeige ich der Chefredaktion gar nicht, weil da weiß ich, der Blutdruck geht hoch."

Autor: Jens Twiehaus
 

Ihre Kommentare
Kopf

Christian Hoffmeister

15.06.2013
!

Leider haben viele Medienmanager immer noch nicht verstanden, dass sie noch nie Inhalte verkauft haben, sondern Programm! Und der Erfolg des Geschäftsmodells lag nur und ausschließlich im Kanal begründet!
Inhalte sind im engeren Sinne nicht Geschäftsmodell-fähig!
Mehr dazu gerne unter: http://digitalbusinessmodels.wordpress.com/2013/04/27/unfahiger-inhalt-oder-warum-medien-produkte-nicht-geschaftsmodell-fahig-sind/


Somaro

16.06.2013
!

Zwei Sätze finde ich höchstinteressant.

Erstens, dass die Frau zugibt dass die Zeitungsindustrie DPA kopiert statt Qualität zu liefern - wenigstens ein verantwortlicher Mensch in der traditionellen Medienlandschaft der das kapiert hat.

Zweitens, dass sie im letzten Satz zugibt wie weit auseinander Kundenvorstellung und Tradition geht. Ich wette so schlecht sind die Ideen der Kunden nicht, ich wette sie sind nur anders als die Chefredaktion es kennt.


Albert Warnecke

16.06.2013
!

Nee, nee Somaro. Kunde = werbetreibende Wirtschaft, nicht Kunde = Leser. Es geht Frau Borchert da um den Wahnsinn, den das Marketing des Werbekunden sich ausdenkt, nicht um die Art Werbung, die die Leser akzeptieren. Das hätten wir mit Sicherheit 90% Übereinstimmung von Chefred. und Leser.


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