Burda-Testballon "Share" im kress-Check: Alles andere als eine halbe Sache

 

Sofa-Schlafplätze und Schlagbohrmaschinen - auf jeden Fall! Zahnbürsten oder die Lebensgefährtin - vermutlich eher nicht. In der neuen, witzig gestalteten und inspirativen Hipster-Zeitschrift "Share" spielen die Burda-Journalistenschüler charmanteste Ideen für eine nachhaltige Lebensweise, die Hedonismus noch zulässt, durch. 

Sofa-Schlafplätze und Schlagbohrmaschinen - auf jeden Fall! Zahnbürsten oder die Lebensgefährtin - vermutlich eher nicht. In der neuen, witzig gestalteten und inspirativen Hipster-Zeitschrift "Share" spielen die Burda-Journalistenschüler charmanteste Ideen für eine nachhaltige Lebensweise, die Hedonismus noch zulässt, durch. 

Der Wahl-Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel, dessen kuriosen Namen "Share" einfach mal so stehen lässt, wirkt wie ein knorke Typ - zupackend und einfallsreich. Er lässt sich nicht nur einfach nachzubauende Alltagsmöbel einfallen und "schenkt" die Anleitungen dafür allen, die im Internet freundliche Worte für ihn finden. Er macht sich sogar die Mühe, seine Turnschuhe selbst produzieren zu lassen.

Weil er Wert darauf legt, dass die Chucks nicht in Kinderarbeit vernäht werden und giftiges Plastik enthalten, gründet er kurzerhand eine Co-Producing-Iniative, um die 500 Treter in Miniserie liefern zu lassen. Mit beiden Ideen schafft es der Deutsch-Laote gleich zwei Mal ins neue Heft - weil er fast sinnbildlich für die "Share"-Idee steht.

Rekordverdächtig:Heftentwicklung in nur sieben Wochen

Wie jedes Jahr stecken die Schüler der Burda-Journalistenschule die Köpfe zusammen, um als großes Abschlussprojekt ein eigenes Magazin auf die Beine zu stellen. Diesmal gab es nur eine vage Vorgabe in Richtung des Modebegriffs "Nachhaltigkeit" und des Dauerbrenners "Lifestyle" - und in weniger als sieben Wochen stand der One-Shot. Stefan Lemle und Robert Schneider koordinierten als Chefredakteure die Abläufe. Angedockt war das Projekt bei der Burda-Tochter SuperIllu Verlag in Berlin. Herausgekommen ist etwas ziemlich Bemerkenswertes.

Einmal abgesehen davon, dass Neugründungen in angespannten Zeiten immer ein erfreuliches Signal sind, gelang dem jungen Team, das sogar selbst Anzeigenkunden heranschaffte, etwas, was früher viel mühsamer ablief: Sie stemmten einen 148-Seiten-Titel, der sich am Kiosk schon allein wegen der ansprechenden Optik (Art Direktion: Alexander Aczél) wirklich nicht verstecken muss, in Rekordzeit. Und das ohne frustrierend zähe Markttest und viele Sorgenfalten, stattdessen als einer der heutzutage so beliebten "Oneshots" aus der Hüfte.

Wie kann man sich diesen Luxus noch leisten?

Den Vergleich mit den Vorjahres-Vorläufern "Treat" (2012) und "Hollyhome" (2011) muss "Share" dabei nicht scheuen. Im Gegenteil: Anders als damals wirkt das Ergebnis weniger wie auf dem Reißbrett entworfen, sondern durchaus organisch aus einer Begeisterung heraus entwickelt, die anfänglich auch ein wenig wie ein Münchnerische "g'spinnerte Idee" wirkte. "Share" erkundet angefangen mit vielen naheliegenden, oft schon ziemlich etablierten Beispielen (Car-Sharing, Airbnb) bis hin zu Kuriosem (Luxus-Handtaschen-Verleih), wie man im Alltag Kauf-Konsumverzicht wagen kann, ohne gleich freudlos in Jute und Asche zu machen. 

Dabei merkt man dem jungen Team an, dass viele von ihnen lange Sitzungen auf der Burda-Ideenschleuder-Konferenz DLD verbracht haben, die das Sharing Movement ja schon öfter zum Thema hatte. Natürlich werden im Blatt, bei dem möglichst viele Schreiber mal randürfen sollen, oft ähnliche Themen fast ein wenig redundant durchgekaut. Und trotzdem gelingt es "Share", dem selbstgesetzten, etwas blauäugigen Thema "Gut leben, Gutes tun" viele Aspekte abzugewinnen - bis hin zu Wirtschaftsabwägungen, die im "Brand Eins"-Stil vorgestellt werden.

Gut gewählte Vorbilder - von "Neon" bis "Wired"

Weitere markante Vorbilder für das Studentenprojekt sind ebenfalls unübersehbar - darunter "Neon", "Nido" aber auch "Wired". Man muss sich seine Vorbilder eben auch gut wählen.

Auch wenn das thematische Korsett gelegentlich etwas spannt, schafft "Share" lesenswerte Interviews (mit Joko Winterscheidt/Bettina Zimmermann sowie den Sport-Sharefreunden-Stiller), Mode-, Beauty-, Partnerschafts- und sogar eine Garten-Strecke unterzukriegen. In letzterer wird das Konzept der "heimlichen Samenspende" durchgespielt. Zur Beruhigung: Guerilla-Gardening ist gemeint.

Soll man sich "Share" kaufen - oder lieber irgendwo ausleihen?

Neben Langformen wie der "Bedtimes Stories"-Reportage, in der sich Julia Schmid durch Berliner Betten schläft, findet angemessen viel Kleinteiliges, Foto-Opulenz und sogar eine Pro- und Contra-Kolumne den Weg ins Blatt. Die hat allerdings ein etwas befremdliches Thema: "Frauchen in Teilzeit" über das Für und Wider "geteilter" Haustiere.

Spannender wäre vielleicht die Abschlussfrage gewesen: Soll man sich als Anhänger der Ausleih-Bewegung ein Heft wie "Share" (Kioskpreis: 3,90 Euro) tatsächlich überhaupt kaufen? kress kann dazu nur raten.

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