"Tweed" im kress-Check: Wo ist der sprichwörtliche Briten-Humor geblieben?

 

Das Timing für die Neuerscheinung "Tweed" hätte eigentlich nicht besser sein können - mit einem Kioskstart mitten in der neo-monarchistischen Gefühlsaufwallung: Doch anstatt sich für das Royal Baby ein Lächeln abzuringen, blickt ein Nadelstreifenmodel so steif vom Titel, dass man im Besenschrank schnell noch mal die Putzutensilien durchzählt. 

Das Timing für die Neuerscheinung "Tweed" hätte eigentlich nicht besser sein können - mit einem Kioskstart mitten in der neo-monarchistischen Gefühlsaufwallung: Doch anstatt sich für das Royal Baby ein Lächeln abzuringen, blickt ein Nadelstreifenmodel so steif vom Titel, dass man im Besenschrank schnell noch mal die Putzutensilien durchzählt. 

9,80 Euro kostet das im Verlag Wieland aus dem oberbayerischen Bad Aibling stammende Zwei-Monatsmagazin, das sich mit einer 148-Seiten-Debütnummer auf einen Markt bewegt, in dem die Herrenmode- und Lifestyle-Titel nicht immer fein wie Gentlemen gegeneinander antreten. Der Anzeigenpreis 1/1 4c liegt bei 7.500 Euro. 

"Orientierung und Ruhepol" - fast ein wenig zuviel davon

Chefredakteur ist Hans-Joachim Wieland, ein offensichtlich durch und durch Anglophiler. Er stimmt in seinem Editorial ein Loblied des Nostalgisch-Verklärten an: "In unserer hektischen Zeit, in der ständig alles anders wird, steht das Britische wie ein Fels in der Brandung", schreibt er. "Als Maßstab für guten Stil und Geschmack bietet es Orientierung und Ruhepol."

Vermutlich hat man es mit den beiden letztgenannten Qualitäten bei der Heftkonzeption ein wenig zu genau genommen. Natürlich ist "Tweed" übersichtlich und klar gestaltet. Allerdings hätte man gerade bei Luxusthemen wie Werkstattberichten über feine Tuchstoffe, edle Füller oder einen Papier-Besuch im Nobelhotel Savoy auch ein Design erwarten können, das weniger nüchtern und oft sogar etwas lieblos wirkt. 

Weitaus problematischer wirkt der "Ruhepol" im Heft: Mit Strecken über Maßanzüge, englische Sportwagen, Nassrasur mit dem Witwenmacher oder dem offenbar unvermeidlichen Besuch in einer schottischen Whisky-Destillerie kommt der Neustart dem erwartbaren Gentleman-Tagträumen gehobener Sachbearbeiter und der Flughafen-Elite entgegen. Was fehlt, sind die Überraschungsmomente - und das charmante Quäntchen augenzwinkernden Irrsinns, den man gemeinhin unter "Englischem Humor" verbucht. 

Wenig Mut zu frecher Ironie

Den lieb gemeinten "33 Regeln für den modernen Gentleman" ("Bei Tisch nie das Sakko ablegen") hätten eigentlich ein paar Verfremdungseinsprengseln gut getan. Ähnlich richtig liegt das Heft mit der Empfehlung, dass man teure Lederschuhe gefälligst pfleglich behandeln und nach Möglichkeit auf Hochglanz reinigen sollte. Dass dies "in geselliger Runde" - mit einer Flasche Weißwein auf Tisch - besonders viel Spaß macht, ist wohl ein Gerücht. 

Vielleicht fängt das leicht skurrile Unbehagen mit "Tweed" schon auf dem Titel an, vielleicht aber auch auf der ersten Redaktionsdoppelseite: Dort wird quasi als Auftakt für alle weiteren Modeempfehlungen ein originelles Sakko des Frankfurter Designers Cem-Mustafa Abaci vorgestellt: Das gute Stück aus Alcantara-Stoff ist doch tatsächlich aus Gründen der besseren Ventilation perforiert. Für den Einsatz im unsicheren englischen Wetter und für den meist sehr konservativen Landadeligen/City Banker ist es damit leider denkbar ungeeignet.

Ihre Kommentare
Kopf

Doctor Know

23.07.2013
!

Sehr gute Rezension!

Das sind genau die Punkte, die mir beim ersten Durchblättern wohl unterschwellig aufgefallen waren, die ich aber in meiner schier grenzenlosen Vorschusslorbeerenbegeisterung verdrängt hatte.


Holger Ehling

23.07.2013
!

Leider, leider wird in dem Heft viel zu eifrig das deutsche Briten-Stereotyp maltraitiert: So, wie dort dargestellt, war Britannien nie und wird es auch nie sein. Das ganze ähnelt dem Versuch, Frau Pilcher ein Pendant auf Magazin-Niveau zur Seite zu stellen.
Danke für den Hinweis auf die unsägliche Alcantara-Kreation aus dem ach so britischen Frankfurt - selbst ein Londoner Banker auf Speed würde so etwas höchstens zu Halloween tragen...


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