Wie Julia Jäkel G+J umgräbt: Verlagsgruppen weichen Communities of Interest

 

Das Rätselraten ist beendet: Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel (Foto) und ihre Vorstandskollegen Oliver Radtke und Stephan Schäfer haben am Dienstag ihr Schweigen beendet und die neue Organisation und Strategie des Verlagshauses vorgestellt. Offiziell ist nun, dass die bisherigen Verlagsgruppen Life und Agenda zum 1. Oktober sogenannten Communities of Interest (CoI) weichen müssen.

Das Rätselraten ist beendet: Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel und ihre Vorstandskollegen Oliver Radtke und Stephan Schäfer haben am Dienstag ihr Schweigen beendet und die neue Organisation und Strategie des Verlagshauses vorgestellt. Offiziell ist nun, dass die bisherigen Verlagsgruppen Life und Agenda zum 1. Oktober sogenannten Communities of Interest (CoI) weichen müssen. Darin bündelt G+J jeweils Marken, die thematisch zusammengehören. Beispiel: Zur Community of Interest Wissen gehören alle Titel der "Geo"- und der "P.M."-Familie, "Wunderwelt Wissen" und "National Geographic".

Insgesamt wird es acht dieser Communites geben. Außer Wissen sind das: Living (u.a. "Schöner Wohnen"), Women (u.a. "Brigitte"), Family (u.a. "Eltern"), Food (u.a. "essen & trinken"), People & Fashion (u.a. "Gala"), News (u.a. "stern", "Neon", "art") und Wirtschaft & Special Interest ("Capital", "11Freunde"). Die Zusammensetzung der beiden letztgenannten Einheiten weicht von der thematischen Logik ab: So haben die G+J-Baumeister den "stern" mit seinen zwei Ablegern zusammengewürfelt, obwohl die mit Nachrichtenjournalismus nichts zu tun haben. Und die einzige Gemeinsamkeit zwischen dem Wirtschaftsmagazin "Capital" und der Fußballzeitschrift "11Freunde" besteht im Redaktionssitz Berlin.

Wie begründet Gruner+Jahr den Umbau? "Wir transformieren G+J von einem Zeitschriften- zu einem Inhaltehaus", sagt G+J-Vorstand Radtke zu kress. "Dabei orientieren wir uns kompromisslos an den Interessen unserer Leser und Nutzer." Man wolle den Kunden in den jeweiligen CoI Produkte anbieten, "die zum festen Bestandteil ihrer Lebenswelt gehören".

Dastyari und Stahmer steigen auf

Weiteres Kennzeichen der neuen Struktur ist die Stärkung der Onliner: Jede der Communities hat eine gleichberechtigte Doppelspitze aus einem Printverantwortlichen (Publisher) und einem Digitalverantwortlichen (Digital Business Director). Die Publisher berichten jeweils an einen der beiden neuen Verlagsgeschäftsführer Frank Stahmer und Soheil Dastyari. Stahmer übernimmt darüber hinaus auch die Verantwortung für die Herstellung, Dastyari bleibt Chef der CP-Sparte Corporate Editors und bekommt Marketing und Business Development on top. Jeder Digital Business Director berichtet an einen der - ebenfalls frisch gekürten - Geschäfsführer Digital. Als da wären: Eva-Maria Bauch, Oliver von Wersch und Arne Wolter.

"Hunderte Mio. Euro" für Investitionen

Bei der Darstellung der neuen Unternehmensstruktur ist G+J sehr konkret, bei der Strategie wird es wolkiger. Klar ist: Das Unternehmen will - in Abgrenzung zu Häusern wie Burda oder Springer - weiterhin mit Inhalten sein Geld verdienen, doch die sollen in Zukunft mehr und mehr von digitaler Gestalt sein. Zusammen mit den Gesellschaftern, also Bertelsmann und der Familie Jahr, seien Investitionen in organisches Wachstum und Akquisitionen von "mehreren hundert  Millionen Euro" geplant, so das Unternehmen.

Erster Schritt einer "umfangreichen Produkt- und Innovationsoffensive im Bereich Digital" sei die Übertragung der Zeitschrifteninhalte auf Digitalformate. G+J kündigt in diesem Zusammenhang zudem an, bestehehende Inhalte neu zu bündeln und daraus monothematische eMags zu machen. Und schließlich wollen Jäkel & Co. auch für G+J neue Wege finden bzw. beherzter beschreiten, um aus Inhalten Geld zu machen. Die Rede ist von einem Ausbau der Lizenz-Geschäfte, Commerce und Paid Services, also kostenpflichtigen Diensten. Jäkel zieht aber auch eine Grenze: "Wir werden keine Diversifikation in Geschäfte betreiben, die losgelöst sind von unseren Communities. All unsere Akquisitionen und Investitionen stehen im Zusammenhang mit unseren Inhalten."

Schmallippig äußert sich das G+J-Management zum Auslandsgeschäft: Es solle in Europa und Asien gehalten und ausgebaut werden, die deutsche Transformation sei keine Blaupause für andere Märkte. Zum Schicksal einzelner Länder gibt es keine Aussagen. Zur Erinnerung: Beim Abschied von Auslandsvorstand Torsten Jörn Klein im April wurde auch über die Zukunft einzelner G+J-Dependancen, etwa in Italien, spekuliert.

Auch über die Implikationen des Umbaus für die Beschäftigten äußert man sich bei G+J nur im Ungefähren. Vorstand Radtke dementiert im Gespräch mit kress nur die extremsten Spekulationen zum geplanten Stellenabbau: "Gerüchte, dass wir bis Jahresende 300 bis 500 Menschen aus der Organisation nehmen wollten, sind falsch." Richtig sei, dass der Personalstand über alle Bereiche hinweg schrittweise "angepasst" würde. Im Digitalbereich werde G+J aber "signifikant Personal aufbauen".

Dem nun offiziell verkündeten "Transformationsprozess" sind in den vergangenen Monaten schon einige tiefe Einschnitte vorausgegangen. So schloss Jäkel im Dezember 2012 die G+J-Wirtschaftsmedien, und erst am gestrigen Montag informierte das Unternehmen die Mitarbeiter in München darüber, dass ein Großteil von ihnen nach Hamburg wechseln soll (kress.de vom 9. September 2013). Der Umzug soll bis Mitte 2014 über die Bühne gehen.

In der Bildergalerie zu dieser Meldung finden Sie auch ein Organigramm mit allen Publishern und Digital Business Directors der neuen Communities of Interest von G+J.

Ein Interview mit G+J-Vorstand Oliver Radtke lesen Abonnenten im nächsten kressreport 19/2013. Am besten gleich abonnieren!

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