Dirk Ippen mischt die Medientage auf: "Entweder online, schlafen oder tot"

 

Die Entscheidung, Verleger Dirk Ippen aufs Podium der alljährlichen Elefantenrunde zur Eröffnung der Medientage München zu holen, war eine kluge. Der erklärte Google-Freund bereicherte über weite Strecken mit pointierten Sentenzen: "Gute Zeitungen sind Solidarsysteme", so Ippen. "Jeder sagt 'Meine Zeitung', niemand sagt 'Mein Internet'." Bedroht sieht er die Regionalzeitungen durchs Fernsehen. 

Die Entscheidung, Verleger Dirk Ippen aufs Podium der alljährlichen Elefantenrunde zur Eröffnung der Medientage München zu holen, war eine kluge. Der erklärte Google-Freund bereicherte über weite Strecken mit pointierten Sentenzen: "Gute Zeitungen sind Solidarsysteme", so Ippen. "Jeder sagt 'Meine Zeitung', niemand sagt 'Mein Internet'." Bedroht sieht er die Regionalzeitungen durchs Fernsehen. 

In den Markt mit der regionalen Werbung drängt bekanntlich die ProSiebenSat.1-Gruppe, die derzeit den Weg über die Gerichtsinstanzen geht, um sich ein zusätzliches Geschäftsfeld mit TV-Spots für örtliche Autohauseröffnungen zu bahnen. Ippen betonte, dass die vorschnell abgeschriebene Print-Branche in der Summe gut dastehe und die Presselandschaft mit rund 1500 regionalen Tageszeitungen in Deutschland vital sei.

Keine Regionalwerbung ohne regionale Inhalte

Dennoch möchte er dem Privatfernsehen den Einstieg ins Geschäft mit der Regionalwerbung natürlich verwehren. Er griff daher Conrad Albert, den für Medienpolitisches zuständigen ProSiebenSat.1-Vorstand auf dem Podium an: "Sie wollen regional werben, ohne dass Sie ein regionales Programm machen." Den später nachgereichten Hinweis, dass die TV-Gruppe durchaus regionale Fensterprogramm unterhält, wollte Ippen nicht gelten lassen oder blendete ihn aus.

Journalisten gehören nicht mehr der "Priesterkaste" an

Der digitalen Öffnung vieler Geschäftsmodelle, auch der journalistischen durch das Internet steht Ippen, der sich als Branchen-Senior mit sehr speziellen privaten Google-Hobbys (Recherchen rund um die römische Rechtsgeschichte) stilisierte, weniger skeptisch gegenüber. "Früher hatten wir eine Priesterkaste", sagte er über die oft beschworene "Gatekeeper"-Funktion zünftiger Journalisten. "Heute kann sich jeder selber äußern", sagte er. Dass er folgerichtig die "Huffington Post" nicht grundsätzlich verdammt und auch nicht fürchtet, sagte er diesmal nicht

Dennoch erkennt er das wachsende Akzeptanzproblem der Verlage bei der jüngeren Zielgruppe, was er allerdings in einer etwas unglücklichen Formulierung zum Ausdruck brachte: "Die Jugend ist das Problem", sagte Ippen. Was er damit meint, ist auch deren starke Internet-Affinität, die für einen weiteres goldenes Sinnsprüchlein herhielt: "Entweder online, schlafen oder tot", sage er. "Andere Alternativen gibt es nicht."

"Jeder kann eine andere Suchmaschine wählen", sagt Google

Philipp Justus, Managing Director von Google, hatte wie auch schon seine Vorgänger auf dem Podium keine allzu großen Probleme, die Positionen des Unternehmens zu verteidigen. Absehen muss man allerdings von seinem Anfangsschock, als ihn Ines Pohl, "taz"-Chefredakteurin und durchaus flappsig-bissige, wenn auch nicht immer ganz konzentrierte Bändigerin der Runde, anfänglich gar nicht erkannte und stattdessen VPRT-Chef Tobias Schmid mit Justus' Namen ansprach. Der Google-Mann setzte auf die in der Öffentlichkeit bewährte Taktik - eloquentes Ausweichen und nur charmant gemeintes Tiefstapeln. "Jeder kann eine andere Suchmaschine wählen", sagte er etwa. Er empfahl sich aber als Partner der Inhaltehäuser: "Letztlich sorgen wir für die Relevanz von Werbung."

Brian Sullivan fürchtet den ganz privaten Twitter-Shitstorm

Brian Sullivan von Sky wollte sich auch nicht in die Riege der Google-Prügler einreihen, bekannte aber recht offen: "Ich liebe Google, aber ich werde nie ein Google+-Konto haben." Ähnlich abstinent zeigt er sich privat bei Facebook und Twitter. Vielleicht kommt seine Twitter-Skepsis auch daher, dass er die Macht des Mediums fürchtet. Auf dem Podium vergaß Sullivan im Eifer des Gefechts, dass er tatsächlich drei statt zwei Kinder hat. Seine (unerhörte) Bitte ans Publikum, nachdem er seinen Fehler bemerkte: "Bitte twittern Sie das jetzt nicht!"

Angenehmer Effekt einer Runde, die letztlich doch viele Längen hatte und sich öfter in wenig Relevantem verbiss: Wenigstens der Dauerstreit der üblicherweise verfeindeten, diesmal etwas konzilianter auftretenden Lager Privat-TV vs. Öffentlich-Rechtliche über die von Georg Kofler einst eingeführte Medientage-Wortschöpfung "Zwangsabgabe" wurde nicht wiederholt. Tobias Schmid verwies selbstironisch auf die Mediathek, in der die immer gleichen Standpunkte der letzten Jahre abgerufen werden konnten. 

BR-Intendant Wilhelm will sich von der Quote lösen

Nur einen Seitenhieb konnte sich sein Kollege Albert doch nicht verkneifen - einen Tritt vors öffentlich-rechtliche Schienbein. Im Einführungsreferat zu den Medientagen hatte sich zuvor nämlich BR-Intendant Ulrich Wilhelm für ein neues Qualitätsbewusstsein der Medien und für die Notwendigkeit gegenseitigen Vertrauens zwischen Medienhäusern und ihrem Publikum ausgesprochen. "Das Bedürfnis nach Orientierung wächst", sagte er. "Wir werden zu einer neue publizistischen Gemeinschaft kommen", so Wilhelm.

Sogar Kooperationen mit dem Pay-TV schloss er nicht aus. Seine Ausführung gipfelten in der Forderung, sich nach und nach von der Quoten-Orientierung zu lösen. Anstelle der TV-Quote solle "Relevanz und Gesprächswert" eines Fernsehprogramms treten. 

Albert rät den Öffentlich-Rechtlichen, auf Werbung zu verzichten

Albert griff diese Kehrtwende freudig auf - ergänzte sie aber noch: "Wenn Sie sich schon von der Quote verabschieden wollen", sagte er in Richtung Wilhelm, "dann sollte sie sich auch von der Werbung verabschieden." Dies konnte er sich nicht verkneifen.

ZDF-Intendant Thomas Bellut, der auch auf dem Podium saß, ergänzte gleich scherzhaft, dass die Werbefreiheit aber "nur für die ARD" gelten sollte. Fast war man sich also mal wieder einig.

Ihre Kommentare
Kopf

B. Leicht

16.10.2013
!

"Jeder kann eine andere Suchmaschine wählen." - Nur ist Google längst keine ausschließliche Suchmaschine mehr sondern macht Meinung und beeinflusst den Markt sowie die Nutzer.

"Bitte twittern Sie das jetzt nicht!" - Schlimm genug, dass dieses dämliche Gezwitschere auch von sogenannten "Qualitätsmedien" propagiert wird. Früher hieß es: "Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern." Heute kann man mit Fug und Recht sagen: "Nichts ist weniger wert als der Twitter von vor 'ner Minute."


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