Echtzeit-Schnipsel von Reportern: "dpa live" bricht mit Agentur-Tabus

04.12.2013
 
 

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) bietet ihren Kunden künftig regelmäßig Liveticker an. Text- und Fotoreporter werden bei größeren Ereignissen parallel zu ihrer normalen Berichterstattung in Echtzeit bloggen, wie dpa-Politikchef Martin Bialecki beim Mainzer Mediendisput in Berlin sagte.

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) bietet ihren Kunden künftig regelmäßig Liveticker an. Text- und Fotoreporter werden bei größeren Ereignissen parallel zu ihrer normalen Berichterstattung in Echtzeit bloggen, wie dpa-Politikchef Martin Bialecki beim Mainzer Mediendisput in Berlin sagte. Die Agentur nennt den Service "dpa live", vor allem auf Websites von Regionalzeitungen dürfte er bald öfters zu sehen sein.

Zu den bisherigen Testkunden gehört die "Mittelbayerische Zeitung". Live getickert wurden schon das Kanzlerduell vor der Bundestagswahl und die Bambi-Verleihung. Zur Auslosung der Vorrunden-Gruppen der Fußball-WM 2014 an diesem Freitag würden Reporter wieder tickern, sagte Bialecki auf kress-Nachfrage.

Sie geben die Informationen über eine Smartphone-App ein. Das System läuft auf Basis des bekannten Ticker-Tools "Scribble Live". Es sei so dynamisch, dass Kunden zwischen die dpa-Inhalte auch eigene Schnipsel spielen können. Auf Wunsch liefere die Agentur den Dienst ohne dpa-Kennzeichnung als "whitelabel" aus.

Ein solches Angebot ist Bialecki zufolge überfällig. dpa-Reporter bekämen häufig exklusive Zugänge und könnten "hinter Bühnen gucken". Diesen Blick will die Agentur in einem kontinuierlichen Strom aus Text, Bild und Social-Media-Reaktionen nun für Online-Kunden abbilden. Häufig hätten sich Reporter geärgert, dass mangels eines Tickers manche Information verloren gingen – etwa beim vergangenen Besuch von US-Präsident Barack Obama. Dort fehlten die Möglichkeiten kurz zu schildern, wie skurril es etwa aussieht, wenn die Kolonne der Staatskarossen um die Ecke biegt oder "die Fahnen im Wind knattern", sagte der 46-Jährige. Bunte Eindrücke würden bislang nur "einmal in einem Feature verschossen".

Harte Fakten neben seichten Eindrücken

Bialecki ist es recht, wenn die harten Fakten und die seichten Eindrücke im Liveticker nebeneinander stehen. "Ich finde es nicht schlimm, wenn Information und Unterhaltung verschwimmen, sofern es gut gemacht ist", sagte er. Jeder Liveticker werde von den gleichen Leuten und mit dem gleichen Anspruch gestaltet wie die regulären Text- und Fotodienste - nur die Darreichungsform ändere sich. Insgesamt gelte: "Wir müssen das Tempo erhöhen." Bialecki stritt ab, dass unter Echtzeit-Bedingungen zwangsläufig die Qualität leidet. "Wenn das so ist, müssten wir alle dichtmachen."

In einigen Punkten kratzt die die dpa mit ihrem neuen Live-Angebot an Tabus. Das Seichte mit den harten Fakten zu vermischen ist zumindest vielen altgedienten Agenturjournalisten zuwider. Auch die Unordnung eines Livetickers widerspricht der alten Schule der Nachrichtenagenturen: das Wichtige wird im Ticker nicht zuerst genannt, sondern immer das gerade Neueste; auch fehlt die Trennung zwischen relevanten und irrelevanten Beobachtungen völlig, denn ein Ticker will zuerst einmal gefüllt werden.

Auf dem Podium diskutierte auch Cherno Jobatey unter dem Titel "Nachrichten im Echtzeit-Strom: Wohin treibt der News-Markt?". Der Editorial Director der "Huffington Post" hatte sich zuletzt rar gemacht. Offenbar aus gutem Grund, denn es gibt viel zu tun in München: "Ich hätte gedacht, ich muss weniger machen. Da wir 15 Leute sind, muss ich aber relativ viel machen und sitze auch mit am Desk" verriet Jobatey. Für ihn ist glasklar, dass Journalisten im Online-Zeitalter stärker gefordert sind – "weniger Leute müssen mehr tun", fasste er zusammen.

Noch immer weigert sich Jobatey, konkrete Klickzahlen für "huffingtonpost.de" zu nennen. Er sei "extrem" zufrieden, sagte das einstige Gesicht des ZDF-Morgenmagazins auf die Frage von Moderator Thomas Leif und deutete an, man bewege sich etwa auf Augenhöhe mit "taz.de". Das Portal liegt laut IVW bei rund 4,5 Millionen Unique Usern.

Autor: Jens Twiehaus

 

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