Gastbeitrag von Martin Kunz: Immer weniger Männer werden Journalisten

09.01.2014
 
 

Auf ein erstaunliches Phänomen ist Martin Kunz, Direktor der Akademie der Bayerischen Presse, gestoßen: Immer weniger Männer werden Journalisten. Insgesamt seien von den 2.110 Akademie-Kursteilnehmern im Jahr 2013 fast 71% weiblich und 29% männlich gewesen. Kunz geht deswegen in seinem Gastbeitrag für kress der Frage nach:

Auf ein erstaunliches Phänomen ist Martin Kunz, Direktor der Akademie der Bayerischen Presse, gestoßen: Immer weniger Männer werden Journalisten. Insgesamt seien von den 2.110 Akademie-Kursteilnehmern im Jahr 2013 fast 71% weiblich und 29% männlich gewesen. Kunz geht deswegen in seinem Gastbeitrag für kress der Frage nach: "Ist Fortbildung reine Frauensache? Oder gar der ganze Journalismus?"

Der neue Akademiedirektor druckte gerade die Namensliste der Teilnehmer des Kurses "Facebook, Twitter, Google+" aus. Der Drucker spuckte Alexandra, Alina, Angela, Dorothee, Felicitas und Ilonka aus. Dann Karoline, Katrin, Lilian, Petra und Stefanie. Der Blick ins Druckerfach, eine echte Überraschung: Elf Frauen hatten in der Akademie der Bayerischen Presse einen Zwei-Tages-Social Media-Crashkurs gebucht. Ein reiner Frauenkurs, eine Anomalie? Eine Laune des Zufalls? In der nächsten Woche wurde dieser scheinbare statistische Ausreißer von der 15-köpfigen, männerfreien Teilnehmergruppe des Workshops "Online-Texten" übertroffen. Und es sollten viele weitere männerlose Kurse folgen.

Die Akademie veranstaltete im vergangenen Jahr 215 Seminare und Workshops, davon waren 14 ohne männliche Beteiligung, ein Drittel aller Kurse garnierten maximal zwei männliche Journalisten. Auch medientechnisch komplexe Workshops wie etwa "Crossmedia - Audio, Video Slidshow", "Layout mit InDesign" oder "Online-Journalismus" buchte oft nur ein Quotenmann. Insgesamt waren von den 2.110 Kursteilnehmern im Jahr 2013 fast 71% weiblich und 29% männlich. Ist Fortbildung reine Frauensache? Oder gar der ganze Journalismus?

Die Frauen-Dominanz in den Medien ist ein relativ neues Phänomen. Als die Akademie 1986 gegründet wurde, gab es unter den Kursteilnehmern noch einen Männerüberschuss. Auch in den Redaktionen traf man in den 1980er und 90er Jahren viele rauchende Studienabbrecher. Reporter - der ideale Job für hedonistische Jungs. Doch das ist lange her.

2042 kommt der letzte Redakteur

Zur Jahrtausendwende kamen bereits deutlich mehr Frauen (57 %) als Männer (43 %) in die Akademie, im Jahr 2006 lag das Verhältnis schon bei 64% Frauen zu 36% Männern und die Jahresbilanz 2013 schreibt den Trend fort: 71 % zu 29%. Das systematische Verschwinden der Männer lässt folgende, mathematisch korrekte, Prognose zu: Im Jahr 2042 wird der letzte männliche Redakteur einen Fortbildungskurs besuchen.

Denn auch der Nachwuchs ist überwiegend weiblich: Von den jährlich über 150 Volontären, die ihre journalistische Grundausbildung in der Akademie erhalten, sind zwei Drittel Frauen und nur ein Drittel ist männlich. Die mehrheitlich weiblichen Volontäre sind übrigens sehr gut ausgebildet: 85 % haben einen Hochschulabschluss. Sie sind nach einer aktuellen Befragung äußerst zufrieden mit ihrem neuen Beruf: Der praktischen Ausbildung im Verlag geben sie im Mittel die Schulnote 1,87, den Umgang mit modernster Multimedia-Technik empfinden sie nicht als Belastung und die Zukunftsfähigkeit ihrer journalistischen Ausbildung bewerteten die Volontärinnen mit 2,20. Es wächst in Deutschland eine sehr gut ausgebildete und technisch versierte Journalistinnengeneration heran. Und wir dürfen sehr gespannt sein, wie eine Mehrheit von Chefredakteurinnen alsbald die Medien und die Berichterstattung verändern wird. 2014 kommen schon mal neu hinzu: Bettina Bäumlisberger ("Münchner Merkur"), Petra Winter ("Madame") und Ulrike Zeitlinger ("Bild").

Gastbeitrag von Martin Kunz, der seit 1. Januar 2012 als Direktor der Akademie der Bayerischen Presse in München tätig ist.

 

Ihre Kommentare
Kopf

leslie

09.01.2014
!

Da brauche ich keine Fortbildung dazu. Wenn Journalisten kaum noch was verdienen und immer mehr zu Reklamerschreibern verkommen, brauche ich dazu keine Fachleute die sich wundern. Ich habe noch 25 Jahre in einer Redaktion gearbeitet. Wo gibt es das noch im Zeitalter vom Internet und seichten Zeitschriften (Ausnahme bestätigen die Regel).


Anne

09.01.2014
!

Ist ja alles grundsätzlich ganz schön und gut, aber "nur" weil viele Frauen Fortbildungskurse besuchen oder sich an den Journalisten-Schulen ausbilden lassen, bedeutet das noch lange nicht, dass die auch alle stetig nach oben wandern. Da stoßen viele an die sogen. "gläserne Decke". Aber da sich mittlerweile ja auch langsam was in den Fürhungsebenen tut, werden es sicher in den nächsten Jahren mehr weibliche Ressortleiterinnen oder Chefinnen sein. Das wäre dann das wahre Phänomen.


Susanne Schaefer-Dieterle

09.01.2014
!

Das macht mir jetzt aber wirklich Sorgen: 2042 kein Redakteur mehr zu Fortbildungen? Systematisches Verschwinden der Männer? Frauen haben die besseren Schul- und Hochschulabschlüsse, deshalb werden sie bei der Vergabe von Volontariaten präferiert. Das ist seit Jahren so. Frauen arbeiten hart und schaffen es jetzt endlich bis in die Top-Etagen. Aber keine Angst: Gläserne Decken und Old-Boys-Networks sorgen schon noch einige Jahre dafür, dass die Redaktionen nicht zu Grundschulen verkommen.


Verena Hagedorn

09.01.2014
!

Ganz einfach: Wenn Journalismus zum Niedriglohnsektor wird, finden Männer den Job nicht mehr attraktiv. Das bietet zwar Führungschancen für Frauen, aber viel kaufen können sie sich davon nicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Um's im Frauenzeitschriftensprech zu sagen: Journalismus ist die neue Sozialpädagogik.


Günther

09.01.2014
!

Noten allein machen es aber bekanntlich nicht. Dazu eine Geschichte aus dem wahren Leben: Der neue Chefredakteur einer Regionalzeitung stellt fest, dass es im Haus nur wenige Volontäre und deutlich mehr Volontärinnen gibt: "Wir müssen da mal mehr Männer einstellen!" Also viel mehr Männer zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Am Ende dann doch die Volontariate für die Frauen. O-Ton Chefredakteur: "Es waren einfach die überzeugenderen Bewerber." Und das ist in anderen Branchen auch so.


pit zuckowski

09.01.2014
!

Ja wunderbar, wenn die Damen den Journalismus okupieren. Mir ist es -als Mann- schon immer vollkommen egal gewesen, ob Jobs von Männern oder Frauen erledigt werden. Hauptsache sie werden erledigt. Außerdem erlebe ich Frauen - und das ist keine Süßelei - fast immer als die sachlicheren Kolleginnen oder Geschäftspartnerinnen. Die stehen sich nur selten selbst mit Wichtigmacherei im Weg. Aber Journalismus ist doch auch ein Job, der Frauen aufgrund ihrer meist gegebenen Sozialisation entgegen kommt. Sie sind neugierung und teilen anderen gern mit was sie von anderen erfahren haben.
Ja Frau Schwarzer nun unterstellen Sie mir auf diesen Satz hin gleich mal wieder, ein Macho zu sein, Bohhhhh langweilig. Die von Männern dominierte Welt der Politik und der Wirtschaft ist Frauen gegenüber weitaus mitteilungsbereiter, weil eben dieses Gockel Phänomen ausbleibt. Wovon ich rede, war doch prima wahrzunehmen, als Herr Gabriel meinte, er könne mit so einer ZDF Dame einfach mal Schlitten fahren, weil er ja der große Meister ist. Der Schuss ging sauber nach hinten los. Der Kampf der Worte kommt eben ganz und gar ohne Muskelmasse aus. Allerdings ist die Bemerkung von "leslie" nicht so ganz falsch. Männer zieht es dort hin, wo sie anständiges Geld verdienen können. Denn in den meisten Fällen sind sie noch die Hauptverdiener in der Familie. In den Medien ist aber schon lange kaum noch anständiges Geld zu verdienen und copy and paste Journalismus übt auf richtige Kerle auf Dauer nur wenig Reiz aus. Wenn die Entwicklung an der Akademie ein Hinweis auf eine große Entwicklung ist, wunderbar. Denn auf geistiger Ebene ist Gleichberechtigung am leichtesten durchzusetzen.


Joe

10.01.2014
!

„…den Umgang mit modernster Multimedia-Technik empfinden sie nicht als Belastung..“

Um die Weiterentwicklung derselben kümmert sich dann mal auch weiterhin Manne. Im gleichen Maße wie er auch Patente anmeldet.

„Und wir dürfen sehr gespannt sein, wie eine Mehrheit von Chefredakteurinnen alsbald die Medien und die Berichterstattung verändern wird.“

Mitnichten - die Richtung zeichnet sich bereits ab:
http://genderama.blogspot.de/2014/01/fur-eine-ausgewogene-berichterstattung.html


Marie Wildermann

D.C. Media Networks GmbH
Head of PR

10.01.2014
!

Dreimal dürfen Sie raten, lieber Herr Kunz, warum das so ist. Richtig. Wie Ihnen sicher nicht entgangen ist, arbeiten in fast allen Redaktionen überwiegend Freie zu miserablen Honorarkonditionen. Das können sich nur junge Engagierte leisten oder Zubrot-verdienende-Frauen-weil-in-der-Kinderbetreuungsphase-mit-gut-verdienendem-Ehemann. Das Geschlechter-Ungleichgewicht wird sich zukünftig im Journalismus ebenso verhängnisvoll auswirken wie in der Kita- und Grundschulpädagogik


m

11.01.2014
!

Lese ich da so etwas wie kaum versteckte Häme und Schdenfreude? Wrum ist es positiv zu sehen, dass die Zunft Männer verliert?

Woher das immer wieder, IMMER WIEDER belastete Narrativ nachdem Frauen so oder so ALLES besser können ALLES besser machen?


R. Körner

12.01.2014
!

Neben dem zutreffenden Niedriglohnargument in einer völlig unsicheren Branche: Lieber Herr Kunz, ja, es gibt tatsächlich Frauen, die den "Umgang mit modernster Multimedia-Technik nicht als Belastung empfinden", und die Einparken, Chefredaktion und sogar "medientechnisch komplexe Workshops" einfach so "können". Schade nur, dass Sie das im Jahr 2014 anscheinend erstaunt. Vielleicht sollten Sie sich einmal mal mit Herrn Brüderle zum Thema Frauen und Journalismus austauschen?


O. Löschke

13.01.2014
!

Der Artikel bestätigt das, was ich seit nunmehr 6 Jahren beobachte. Neben Altersdiskrimminierung findet auch eine latente Genderdiskrimminierung im Journalismus statt. Nachweisen lässt so etwas natürlich schwerlich, da kein Arbeitgeber so etwas offen zugeben wird. Das ist aber eine persönliche Beobachtung und ein persönliches Gefühl. Frauen, die irgendetwas mit Medien machen wollen, werden bevorzugt, weil sie eben Frauen sind (und dann am besten 20jährige kleine Mädchen, frisch von der Schulbank oder mit 1,0 Bachelor, wobei die Unterschiede dieser Ausbildung nicht so gravierend sind. Wichtig ist, dass die nicht mucken und immer schön grinsen.). Punkt!
Man sehe sich mal die Jahrgänge der Journalistenschulen an. Das liegt nicht unweigerlich an Topnoten, wie Frau Schaefer-Dieterle konstatieren mag. Topnoten kompensieren auch keine Empathie oder Lebenserfahrung. Doch Männer dürfen sich darüber nicht auslassen. Ist ja politisch unkorrekt, schreien dürfen nur die vermeintlich UnverstandInnen. Ich sage nicht, dass Frauen weniger qualifiziert sind und ich verallgemeinere auch nicht. Doch wenn es heisst, "bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt" oder "die Bewerbung von Frauen wird ausdrücklich erwünscht" braucht man sich als Mann kaum mehr bewerben. So braucht man sich auch nicht wundern das es kaum noch Volontäre gibt, da diese so oder so mit einer Absage rechnen können, auch wenn sie eine "eierlegende Wollmilchsau" sind.


rocky

14.01.2014
!

@ Verena Hagedorn: Volltreffer !


Boandlgramer

25.01.2014
!

In den meisten Redaktionen herrscht doch inzwischen Krieg - vor allem gegen Verlagsleitungen, die einen Rest von Rentabilität mit "Arbeitsverdichtung" retten wollen. Frauen spielen dieses Spiel meiner Erfahrung nach einfach länger mit. Vielleicht kommen sie auch einfach mit der Verachtung, die sich dadurch ausdrückt, irgendwie besser zurecht. Was weiß ich denn...

Zudem gibt's darüber hinaus eine Neigung besonders die teuren Altredakteure möglichst schnell zu entsorgen. Der Rest ist Statistk.


Ralf E. Hansen

Ralf E. Hansen

Medienconsulter
Consulter Medien & Entertainment

25.01.2014
!

ich fordere eine Männerquote für die Zeitschrift EMMA......


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