"Zeit Online"-Chef Wegner gründet Investigativ-Einheit: "Schnittstelle zu Rechercheteams im In- und Ausland"

 

Das Bezwingen von Datenbergen ist bei "Zeit Online" fortan die bevorzugte Disziplin von Karsten Polke-Majewski, 42, Kai Biermann, 41, Philip Faigle, 34, und Sascha Venohr, 40. Die vier bilden das neue Team Investigativ/Daten der Nachrichten-Website.

Das Bezwingen von Datenbergen ist bei "Zeit Online" fortan die bevorzugte Disziplin von Karsten Polke-Majewski, 42, Kai Biermann, 41, Philip Faigle, 34, und Sascha Venohr, 40. Die vier bilden das neue Team Investigativ/Daten, das interner Dienstleister für alle Ressorts der Nachrichten-Website und Schnittstelle zu anderen Rechercheteams im In- und Ausland sein soll.

"Zeit Online"-Chefredakteur Jochen Wegner, 44, hat das Team aus Mitgliedern der bestehenden Redaktion zusammengestellt: Investigativchef Polke-Majewski war bislang stellvertretender Chefredakteur von "Zeit Online". Diese Position gibt er auf, neuer Vize wird Markus Horeld, 42, bisher Leiter der Ressorts Politik und Gesellschaft. Biermann ist seit 2007 bei "Zeit Online" und war zuletzt für die Themen Internet, Datenschutz und Netzpolitik zuständig. Faigle kam Ende 2007 als Redakteur ins Wirtschaftsressort, und Venohr war bisher Head of Data Journalism.

Im Interview mit kress spricht "Zeit Online"-Chefredakteur Wegner über Aufgaben und Arbeitsweise des neuen Teams - und verrät, was ihm am Datenjournalismus manchmal auf die Nerven geht.

kress: Sie gründen ein Team für Investigativ- und Datenjournalismus. Was versprechen Sie sich von einer solchen Einheit?

Jochen Wegner: Viele spannende Recherchen sind heute so umfassend, dass sie von einzelnen Redakteuren oder Ressorts kaum mehr zu bewältigen sind. In der Vergangenheit sind wir da hin und wieder an unsere Grenzen gestoßen. Denken Sie etwa an die "Drohnen-Dokumente", die "Zeit Online" kürzlich in einer Serie aufbereitet hat: 372 Ordner mit Geheimakten aus dem Untersuchungsausschuss des Bundestages galt es zu analysieren und zu bewerten, insgesamt 80 Gigabyte. Deswegen ziehen wir ein Team zusammen, das sich permanent um solche Recherchen kümmert. Es wird auch eine Schnittstelle zu anderen Rechercheteams im In- und Ausland sein.

kress: Denken Sie an Modelle wie das der "Süddeutschen Zeitung", die zusammen mit NDR und WDR einen Rechercheverbund gegründet hat?

Wegner: Das ist ein Beispiel, und es gibt viele weitere – wir sehen bereits jetzt ein halbes Dutzend Institutionen, mit denen wir eng und langfristig zusammenarbeiten werden. Manche Projekte, die wir gerne verfolgen würden, erfordern ein Team von zehn oder mehr Leuten, und das zum Teil über Monate. Das können wir nicht alleine leisten. Kooperationen sind dann sinnvoll, wenn die beteiligten Medien nicht in direkter Konkurrenz stehen.

kress: Wird sich Ihr Team ausschließlich um datenjournalistische Projekte kümmern?

Wegner: "Zeit Online" hat hier sicher einen Schwerpunkt, der durch die Arbeit des Teams noch verstärkt wird. Unser Head of Data Journalism, Sascha Venohr, wechselt ebenfalls ins neue Team. Aber auch eine ganz klassische Recherche, die einen etwas längeren Atem erfordert, kann dort angesiedelt sein – und sei es eine zu den Verflechtungen von Unternehmen, wie sie Kai Biermann zuletzt im Zusammenhang mit der Redtube-Abmahnwelle publiziert hat. Auch das Thema Crowdsourcing wollen wir im Team Investigativ/Daten ansiedeln. Damit haben wir bereits sehr gute Erfahrungen: An unserer Erhebung zu Dispozinsen etwa haben sich mehr als 10.000 Leser beteiligt, die Recherche wurde mit einem angesehenen Wirtschaftsjournalismus-Preis ausgezeichnet. Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt werden sicher digitale Themen sein.

"Wir wollen kein Ufo bauen"

kress: Recherchiert das neue Team auf eigene Faust?

Wegner: Natürlich arbeitet es eigenständig, fungiert dabei aber strikt als Dienstleistungs-Einrichtung für unsere Fachressorts – wir wollen kein Ufo bauen, das immer mal überraschend mit einem Scoop in der Redaktion landet. Das Klischee von Investigativjournalisten, die ein halbes Jahr abtauchen, werden wir nicht bedienen. Das Team soll vielmehr bei seinen Recherchen eng mit den Ressorts zusammenarbeiten, in den Alltag der Redaktion eingebunden sein und auch nicht ohne konkreten Auftrag eines Ressorts agieren.

kress: Die "Zeit" leistet sich ebenfalls ein Investigativressort. Arbeiten Sie zusammen oder macht jeder sein eigenes Ding?

Wegner: Wir arbeiten bereits jetzt eng zusammen, und das wird sich nun sicher verstärken. In die Ehe bringen wir mit Freuden das digitale Tafelsilber ein: Fast jede große Recherche hat heute eine Online-Komponente. Umfassende Akten oder komplexe Informationen bereitet man idealerweise auch immer für das Netz auf.

"Vielleicht bauen wir kleine Suchmaschinen"

kress: Welche Eigenschaften müssen Ihre Investigativjournalisten mitbringen?

Wegner: Zunächst einmal müssen sie auf eine neue Art schöpferisch sein. Sie müssen neue Wege finden, selbst Datenschätze zu heben und die spannenden Geschichten darin zu entdecken. Vielleicht bauen wir kleine Suchmaschinen, vielleicht einmal eine kleine App. Und natürlich brauchen die Kollegen den Atem des klassischen recherchierenden Journalisten. Wer nicht in der Lage und willens ist, übers Wochenende Aktenordner zu durchforsten, um die wesentlichen Informationen zu finden, ist eher ungeeignet. Wer nicht technikaffin ist oder keine Lust auf Visualisierung hat, ist ebenfalls falsch bei uns.

kress: Wie groß ist eigentlich die Nachfrage der Nutzer von "Zeit Online" nach Datenjournalismus?

Wegner: Hervorragend lief etwa unsere Abgeordnetenrecherche – die Aktivitäten unserer Volksvertreter lassen sich damit detailliert nachvollziehen. Unser jahrelanger Dauerbrenner ist Malte Spitz. Der Bundestagsabgeordnete hat seine Telefondaten bei der Telekom eingeklagt, und wir haben seine Bewegungen und Aktivitäten dokumentiert. Das Projekt ist heute Vorlesungsstoff. Ein großer Erfolg war aber auch eine sehr einfache, spielerische Visualisierung von Dingen, die man für die neue Fußball-Rekordablösesumme von 100 Millionen Euro kaufen kann. Eine solche schlichte Erzählform liefert einen neuen Zugang zum Thema, der auch noch Spaß macht und von unseren Lesern 16.000 Mal auf Facebook geteilt wurde.

kress: Was hat das noch mit Journalismus zu tun?

Wegner: Am Ende ist es immer unsere journalistische Aufgabe, eine spannende Geschichte zu erzählen, egal mit welchen Mitteln. An dem, was heute als Datenjournalismus gefeiert wird, stört mich manchmal, dass dieser Ansatz zu kurz kommt – einige Projekte kann man zwar auf der Ars Electronica zeigen, sie bringen aber wenig Erkenntnisgewinn. Es sind Ruinen für Daten-Archäologen, die ganz malerisch aussehen, aber nicht das Herz der User berühren.

kress: Welche datenjournalistischen Projekte sind denn bei "Zeit Online" schon in die Hose gegangen?

Wegner: Da gab es welche, sie sind mir aber gerade völlig entfallen.

kress: Wie wäre es damit: Eine Ihrer jüngsten Infografiken zeigt die Schusswaffenverteilung in Deutschland. Offen bleibt aber, welche Einsichten sich daraus ableiten lassen.

Wegner: Das sehen viele anders: Dieses Projekt hatte sehr viel Zuspruch und zeigt dank seiner aufwendigen Datenrecherche erstmals das komplette Ausmaß des Schusswaffenbesitzes und deren regionale Verteilung. Hätten Sie gewusst, dass es im Osten deutlich weniger Waffenbesitzer gibt?

kress: Wollen Sie eine so aufwendige Spielart des Journalismus wie den Investigativjournalismus dauerhaft zum Nulltarif anzubieten? Sie haben ja bereits mehrfach eine Paywall angekündigt, doch bislang gibt es sie noch nicht.

Wegner: Wir beobachten den Markt. Unser werbebasiertes Geschäftsmodell funktioniert allerdings so gut, dass wir voll auf Reichweite setzen.

"Der Me-too-Journalismus hat ein Problem"

kress: Der Verleger Hubert Burda hat sich gerade beim DLD mit der Aussage zu Wort gemeldet, man könne im Internet von Qualitätsjournalismus allein nicht leben kann. Gilt das nicht für "Zeit Online"?

Wegner: Wir haben sehr wohl den Eindruck, dass man von Qualitätsjournalismus leben kann, denn "Zeit" und "Zeit Online" geht es ja gut. Wir Onliner sind in der luxuriösen Situation, mit einem Printhaus zu arbeiten, das ebenfalls Jahr für Jahr wächst. Dass es in weiten Teilen unserer Branche anders aussieht, ist mir bewusst - ich sehe aber nicht, dass ausgerechnet hochwertiger Journalismus überproportional von den Veränderungen betroffen wäre. Im Gegenteil: Der Me-too-Journalismus hat ein Problem, nicht der exzellente.

kress: Was ist nach der Gründung des Investigativ-Teams Ihr nächstes großes Projekt bei "Zeit Online"?

Wegner: Das nächste große Projekt ist der Launch des "Zeit Magazin Online". Das ist zugleich ein Test des responsiven Designs, das wir bis zum Sommer auch für "Zeit Online" einführen wollen. Dann wären wir das erste große deutsche Online-Nachrichtenmedium, das auf jedem Display gleich gut betrachtet werden kann.

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