"AZ"-Eigner Johannes Friedmann: "Internet hat Boulevardzeitung bedeutungslos gemacht"

 

"Jetzt können wir nichts mehr tun": In einem erschreckend hoffnungsfreien Interview mit der "SZ" bedauert Johannes Friedmann, der mit seiner Mutter Anneliese und seiner Schwester Anemone die "Münchner Abendzeitung" besitzt, dass er nicht schon vor zehn Jahren einen Insolvenzantrag gestellt hat. Nun ist der Schritt unvermeidlich. "Es spricht die reine Vernunft dafür, weil das Geld zu Ende ist, das wir noch zuschießen können". 

"Jetzt können wir nichts mehr tun": In einem erschreckend hoffnungsfreien Interview mit der "SZ" bedauert Johannes Friedmann, der mit seiner Mutter Anneliese und seiner Schwester Anemone die "Münchner Abendzeitung" besitzt, dass er nicht schon vor zehn Jahren einen Insolvenzantrag gestellt hat. Nun ist der Schritt unvermeidlich. "Es spricht die reine Vernunft dafür, weil das Geld zu Ende ist, das wir noch zuschießen können". 

Bereits seit 1986, als der Sohn des 1969 verstorbenen "AZ"-Gründers Werner Friedmann, die Geschäfte übernahm, habe das traditionsreiche Boulevardblatt angeblich "kaum jemals ein gutes Jahr" geschrieben. Als Gründe für das Scheitern sieht Friedmann drei Faktoren: "sinkende Anzeigenerlöse, sinkende Leserzahlen, immense Druckkosten".

Prozess gegen die Druckerei läuft - aber dauert zu lange

Vor allem der noch bis Ende 2015 laufende Vertrag mit der Süddeutschen Societäts-Druckerei habe den Verlag "viele zusätzliche Millionen gekostet", so Friedmann. Vor Gericht läuft derzeit ein Prozess gegen die "AZ"-Druckerei. Hoffnungen auf einen juristischen Erfolg an dieser Front hat Johannes Friedmann allerdings nicht: "Die Zeitverzögerung deutscher Gerichte ist heute so abenteuerlich, dass wir den Ausgang nicht mehr abwarten können", lässt er sich in der "SZ" zitieren. 

Laborieren an den Anzeigen-"Dumpingpreisen" in München

Vor allem die harte Konkurrenz auf dem mit "Bild München", dem Ippen-Marktführer "tz" und der "AZ" laut Friedmann "überfrachtetem" Markt habe zudem die Anzeigenpreise massiv gedrückt. "Die Dumpingpreise bei den Anzeigen durch die Konkurrenz hier im Boulevard haben dazu geführt, dass die kleinste Provinzzeitung höhere Anzeigenpreise verlangen kann, als wir es in München tun können."

Sollte sich wider Friedmanns Erwarten doch noch ein Investor finden, müsste der darauf drängen, die Anzeigenpreise der "AZ" ebenso zu erhöhen wie den Verkaufspreis der Zeitung. Die Herstellungskosten müsste er entsprechend drastisch verringern. Das sich jemand für diese Rolle findet, hält der Verleger selbst für unwahrscheinlich: "Ich kenne nur keinen", sagt er im Interview. 

Springt Ippen bei einer Sanierungsfusion ein?

Allerdings könnte zur Rettung der "AZ" das Modell einer Sanierungsfusion herangezogen werden, wie sie bei der insolventen "Frankfurter Rundschau", die von der "FAZ" übernommen wurde, angewandt wurde. Doch auch von den Chancen eines solchen Modells ist Friedmann wenig überzeugt. "Aber wer käme da in Frage", sagt er. "Eigentlich nur der Süddeutsche Verlag, der sich von Anfang an äußerst uninteressiert gezeigt hat - vielleicht könnte auch Dr. Ippen interessiert sein."

Beim SV sind die Friedmanns selbst Mit-Eigner, allerdings als Minderheitsgesellschafter. Aus den schon öfter durchgespielten engeren Verzahnungen von "AZ" und der großen "SZ" wurde in der Vergangenheit nichts wirklich sichtbar. 

"Nur ganz große Zeitungen werden übrig bleiben"

Generell sieht der desillusionierte Verleger die gesamte Zeitungsbranche in der Krise. "Ich glaube auch, dass neben den Provinzmonopolisten längerfristig nur noch die ganz großen Zeitungen wie 'SZ' und 'FAZ' und wohl auch 'Bild' übrig bleiben", sagt er. "Junge Leser sind schwer für den Boulevard zu begeistern. Die suchen sich heute alles im Internet zusammen", so Friedmann.

"Das, was eine typische Boulevardzeitung ausmacht, ist trotz Graeter (oder früher Hunter) durch das Internet weitgehend bedeutungslos geworden", lautet sein bitteres Fazit. 

Drei Monate Insolvenzgeld - und ein wenig Zweckoptimismus

Bei der "AZ" werden die Löhne der verbliebenen 110 Mitarbeiter für die nächsten drei Monate durch Insolvenzgeld bezahlt. Sie wandten sich in einem offenen Brief an die "AZ"-Leser - mit Durchhalte-Optimismus und dem Hoffen auf einen Investor. "Wir glauben an eine Zukunft für Ihre und unsere 'AZ'. Die haben wir, wenn Sie uns die Treue halten. Dafür möchten wir uns schon im Voraus bedanken", sagen sie.

In der Betriebsversammlung, in der Johannes Friedmann vor die Belegschaft trat, soll es dem Vernehmen, ruhig und sachlich zugegangen sein. Die harten, ernüchternden Aussagen stehen allerdings im "SZ"-Interview.

Ihre Kommentare
Kopf
Karl Jobig

Karl Jobig

PDE Politik für Deutschland in Europa
vorstand & Gründer

06.03.2014
!

Gutes Boulevard wird sich nie überleben, immer Kundschaft finden. Das Problem ist das Überangebot. Dass BILD dabei wohl überlebt, ist nun mal so, ob einem das gefällt oder nicht. Entscheidend ist auch bei der Boulevard-Zeitung, das Verhältnis zu Preis und Kosten. Auch junge Leute werden mit der Zeit älter. Ob sie dann noch nur auf ihren handtellergroßen Bildschirm starren wollen und Stunden tippend vor dem Laptop sitzen, wird sich weisen. Ich 'liebe' Zeitung, aber auch in Maßen das Internet.


Elvira Müller, 48, Hausfrau

07.03.2014
!

Herr Jobig, also wirklich... Je "globaler" oder auch "nationaler" eine Information ist, z. B. aus dem Promi-Bereich, desto weniger braucht man heutzutage noch eine Zeitung dafür! Herr Friedmann hat sicher Recht, wenn er Print-Markchancen im Lokaljournalismus und bei der quality press sieht, aber Unterhaltung und schnelle News finden tatsächlich im Netz statt. Und ja: Auch für die künftigen Alten wird es technische Lösungen geben, die die Zeitung eines Tages vergessen machen...


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