Jenke von Wilmsdorff über seine RTL-Experimente: "Ich will nicht um jeden Preis provozieren"

 

Kiffen, Saufen, Rollstuhl: Jenke von Wilmsdorff lässt in seinen RTL-Experimenten fast nichts aus. In der Folge an diesem Montag (21.15 Uhr) zieht der Journalist für eine Woche in ein Hospiz und setzt sich mit dem Tabuthema Tod auseinander. Im kress-Interview spricht der ausgebildete Schauspieler über seinen journalistischen Anspruch, die Fortsetzung der Reihe "Ich bleibe über Nacht"

Kiffen, Saufen, Rollstuhl: Jenke von Wilmsdorff lässt in seinen RTL-Experimenten fast nichts aus. In der Folge an diesem Montag (21.15 Uhr) zieht der Journalist für eine Woche in ein Hospiz und setzt sich mit dem Tabuthema Tod auseinander. Im kress-Interview spricht der ausgebildete Schauspieler über seinen journalistischen Anspruch, die Fortsetzung der Reihe "Ich bleibe über Nacht" und was er von einem Experiment als Prostitutierter hält.

kress: Für die "Jenke-Experimente" saufen Sie einen Monat lang, kiffen ein paar Tage am Stück und lassen sich freiwillig an den Rollstuhl fesseln. RTL muss Ihnen doch ein großzügiges Schmerzensgeld zahlen, oder?
Jenke von Wilmsdorff: Das wäre schön. Aber ich werde weder mit einer vorgehaltenen Waffe zu den Experimenten gezwungen, noch bekomme ich einen Batzen Geld. Ich erhalte nicht wesentlich mehr als das, was ich zuletzt als Redakteur erhalten habe. Das ist auch nicht mein Antrieb. Ich kann diese Form der Experiment-Reportage nur machen, wenn ich zu 100% dahinter stehe. Das mache ich aus Neugier und weil es mein persönlicher Anspruch an den Beruf ist.
 
kress: Was ist Ihr journalistischer Anspruch an Ihre Experimente?
von Wilmsdorff: Ich möchte eine Brücke schlagen zwischen einem gesellschaftlich relevanten Thema und den Menschen, die betroffen sind. Das heißt nicht, dass ich das jeweilige Thema eins zu eins für den Zuschauer abbilde. Das gelingt in der Kürze der Zeit überhaupt nicht. Aber ich möchte durch meine ungewöhnliche Herangehensweise einen tieferen Einblick geben und Menschen für die jeweilige Thematik öffnen. Danach müssen sich die Zuschauer persönlich weiter damit beschäftigen.
 
kress: RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann hatte auf der Programmpräsentation angekündigt, dass die "Jenke-Experimente" stärker journalistisch positioniert werden sollen. Welche Auswirkungen hatte das auf Ihre Arbeit?
von Wilmsdorff: Ich habe Frank Hoffmann so verstanden, dass RTL auch durch Sendungen wie das "Jenke-Experiment" häufiger journalistisch relevant sein möchte. Es gab keine Ansage, dass wir etwas verändern sollen. Die Experimente sind in ihrer Erzählweise so geblieben wie sie von Anfang an waren.
 
kress: Ihre Reihe startete im vergangenen Jahr und  erreichte bislang einen Marktanteil von mindestens 17,2 %, über 2 Mio. Werberelevante schalten regelmäßig ein. Was bedeutet Ihnen Quote?
von Wilmsdorff: Es ist eine persönlich wichtige und für die Produktion alles entscheidende Bestätigung und zeigt, dass die Zuschauer bei allen Sendern, auch bei RTL, vermehrt an Inhalten und Relevanz interessiert sind. Das, was ich mit meinen Experimenten erzähle, ist der beste Beweis dafür, Zuschauer ernst zu nehmen und ihnen mehr zuzutrauen.
 
kress: Ist der Erfolg des Formats Ihrer Meinung nach auf die Themen oder Ihre Person zurückzuführen?
von Wilmsdorff: Ich glaube, es ist ein Mix aus den Themen und der Erzählweise. Ich selbst bin uneitel – zumindest beruflich betrachtet. Ich zeige mich in schwachen Momenten, wenn ich scheitere oder mich lächerlich mache, weil es meines Erachtens ganz elementar dazugehört. Es ist nichts Geschöntes, sondern etwas Authentisches, soweit es denn geht. Ich denke, das spüren die Zuschauer.

"Für mich gibt es klare Grenzen"

kress: Nach dem Kiffen-Experiment haben Sie gemeinsam mit Politikern, einem  Jugendrichter und einem Arzt über die Gefahr des Kiffens diskutiert. Die Sendung wurde auf n-tv ausgestrahlt. Werden Ihre Experimente nun politischer?
von Wimsdorff: Nein. Das Thema Cannabis haben wir auf Wunsch der Zuschauer hin aufgegriffen. Dazu kam die Diskussion um die Legalisierung in Deutschland. Wenn ein Thema  politisch wird, habe ich nichts dagegen, aber darauf ist die Sendung nicht ausgerichtet.
 
kress: Sie binden Ihre Fans bei Facebook und Co. in die Auswahl Ihrer Experimente mit ein. Waren Ideen darunter, die für Sie ein Ding der Unmöglichkeit darstellen?
von Wilmsdorff: Ich sträube mich immer gegen die Bezeichnung Fans. Es sind Menschen, die mögen, was ich mache. Sie sind aber auch sehr kritisch und finden nicht per se alles toll. Nein, es war kein Vorschlag dabei, von dem ich sagen würde, dass ich es niemals machen würde. Für mich gibt es klare Grenzen: wenn ich Menschen verletze oder wenn ich mich physisch oder psychisch so schädige, dass ich Dauerfolgen davon trage, dann mache ich es definitiv nicht. Ethische oder moralische Grenzen habe ich auch. Ich will nicht um jeden Preis provozieren. Die Experimente beschäftigen sich mit Themen, die unsere Gesellschaft stark prägen.
 
kress: Prostitution ist ebenfalls ein Thema. Ein Abend auf den Strich - ein No-Go?
von Wilmsdorff: Das würde ich nicht machen, da wäre mir der körperliche Einsatz zu hoch. Das Thema ist mit Sicherheit hochspannend und hat eine verzerrte Wahrnehmung in unserer Gesellschaft. Das kann man als klassische Reportage im Fernsehen präsentieren – aber als Selbstexperiment bietet es sich für mich nicht an.
 
kress: Sie sind nicht nur Reporter, sondern auch ausgebildeter Schauspieler. Wann kommt welche Kompetenz zum Einsatz?
Von Wilmsdorff: In meiner Erzählweise bin ich ausschließlich Journalist. Da gebe ich nichts vor und stelle auch nichts dar. Wenn es das Experiment zum Thema Frau, Alter oder Rollstuhl erfordert, das man mich nicht erkennt, weil es das Ergebnis verzerren würde, dann greife ich auf professionelle Maskenbildner zurück. Im Einzelfall wie beim Altersexperiment verlasse ich mich auf mein Gespür, einen 70-Jährigen rein körperlich darzustellen.

"Mein Anspruch ist, jetzt nicht aus jedem Loch zu gucken"

kress: Wie geht es mit der Reihe "Ich bleibe über Nacht" weiter?
Von Wilmsdorff: Wir haben schon fleißig vorproduziert und sobald das "Jenke-Experiment" abgeschlossen ist, geht es damit weiter – zum Glück. Ich freue mich sehr darauf. Einige Wunschkandidaten haben schon signalisiert, dass sie mitmachen. Wer, kann ich nicht verraten. Der Anspruch ist aber, nicht nur Prominente zu begleiten, sondern Menschen, die eine spannende Geschichte zu erzählen haben und die unter Umständen in der Öffentlichkeit ein völlig anderes Bild hinterlassen haben. Mein Anliegen ist es, dieses in intensiven Gesprächen über 24 Stunden ein bisschen gerade zu rücken. Oder auch zu bestätigen.
 
kress: In der ersten Folge, in der Sie Megaupload-Gründer Kim Dotcom besucht haben, hätten sich einige Kritiker mehr Konfrontation gewünscht.
von Wilmsdorff: Ich gehe nicht mit einer vorgefertigten Meinung an die Menschen heran. Natürlich hatte ich auch ein Bild von Kim Dotcom im Kopf – und das war kein positives. Das habe ich in der Folge immer wieder thematisiert und ich habe ihn auch mit seinem lauten Leben in den 80ern und 90ern und seinen Internetgeschäften, die nach wie vor fragwürdig sind, konfrontiert. Ich lasse mich bei meinen Besuchen  auf Überraschungen ein -  und dieser Mensch hat mich in ganz vielen Bereichen überrascht. Ich habe ihn als warmherzig und emotional empfunden. Und zu dem juristischen Problem, das er seit einiger Zeit hat,  möchte ich mir keine Meinung erlauben. Ich möchte niemanden verurteilen, sondern jemanden besser kennenlernen.
 
kress: Wird man Sie jetzt öfter auf dem Bildschirm sehen?
Von Wilmsdorff: Es gibt zurzeit viele Anfragen. Mein Anspruch ist, jetzt nicht aus jedem Loch zu gucken. Trotz aller Verlockungen. Da selektiere ich wirklich sehr behutsam. Als nächstes werde ich erstmal für fünf Wochen nach Thailand abhauen, um dort auf einer einsamen Insel den Kopf wieder freizukriegen und um Kräfte zu tanken. Für mich ist das ganz entscheidend, dass ich zwischendurch immer wieder zur Ruhe komme.

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