Nackte, Sänger, Second Screen: Das sind die TV-Trends von der Media Convention

07.05.2014
 
 

Abstimmen per Smartphone und Speed-Dating mit Horror-Maske im Gesicht: Eine Woche vor den wichtigen Screenings der TV-Einkäufer in Los Angeles skizzierte der Chef-Planer von RTL einige vielversprechende Trends. Kreative internationale Serien, Reality-Shows und Doku-Projekte stellte Moritz Pohl, der Ressortleiter Strategische Programmplanung von RTL, bei der Media Convention in Berlin vor. So manches Format kann er sich auch hierzulande vorstellen. 

Abstimmen per Smartphone und Speed-Dating mit Horror-Maske im Gesicht: Eine Woche vor den wichtigen Screenings der TV-Einkäufer in Los Angeles skizzierte der Chef-Planer von RTL einige vielversprechende Trends. Kreative internationale Serien, Reality-Shows und Doku-Projekte stellte Moritz Pohl, der Ressortleiter Strategische Programmplanung von RTL, bei der Media Convention in Berlin vor. So manches Format kann er sich auch hierzulande vorstellen. 

Ungebrochen bleibt ein Trend: Jener zur aufwendigen, glanzvollen Serie. Die Zeiten der billig produzierten Ausschussware scheint vorbei zu sein, gerade die großen US-Networks probieren aus und nehmen Risiko auf sich. Pohl erwartet einen weiter anhaltenden Trend zu straight-to-series Bestellungen. Immer schneller gelingt es also einzelnen Ideen, gleich in Serie zu gehen. Rund um die TV-Einkäufer-Messe L.A. Screenings zählte Pohl etwa 90 Piloten, die große Networks in Auftrag gegeben haben, darunter viele Spin-Offs von Welterfolgen wie etwa "How I Met your Mother". Dabei setzten Studios auf große Namen vor und hinter der Kamera.

Ein aufmerksames Auge geworfen hat Pohl bei seiner Berliner Präsentation auf:

-"True Detective", einer der erfolgreichsten Serienneustarts für die amerikanische HBO. In Deutschland zeigt Sky Atlantic die Serie. Pohl lobte sie als "aus einem Guss", weil ein Autor und ein Regisseur alle Folgen zusammen "wie ein acht Stunden andauernder Film" gedacht und gedreht hätten.

- "Rising Star" vom israelischen Kanal 2 ist eine Castingshow, die bald tatsächlich bei RTL starten wird (kress.de berichtete). Das Konzept: Erst wenn eine bestimmte Zahl Menschen per Smartphone für einen Kandidaten abstimmt, öffnet sich die Videowand zum Publikum. Die Köpfe der Fürsprecher, die über eine App abstimmen, erscheinen auf der Videowand. Am Sonntag beginnt in Hamburg und München die Vorauswahl der Kandidaten. Das zuletzt schwächelnde "DSDS" solle das neue Format aber nicht ersetzen, versicherte Pohl.

- "Escobar – El Patron del mal" erzählt fiktional die Geschichte des legendären Drogenbarons. Der kolumbianische Sender Caracol machte das Programm mit einem Marktanteil von 80% zum Topthema im ganzen Land. Auch international könnte die Kriminalgeschichte ein Renner werden.

- "Adam & Eva" von RTL 5 aus den Niederlanden ging jüngst durch die deutsche Presse. Klar, die FKK-Dating-Show sorgt für Gesprächsstoff. Menschen lernen sich ohne Kleidung auf einer einsamen Insel kennen. Das Format wird "aller Voraussicht nach bei RTL" laufen, sagte Pohl (kress.de berichtete). Ein neuer Aufreger also? "Man denkt, weil alle nackt sind, dass es voll auf die Zwölf ist", meinte Pohl, doch "Adam & Eva" sei ein eher schüchternes Format. Ein großer Sender wie RTL brauche ernste Inhalte wie "Team Wallraff", aber auch Formate, die erstmal für einen Skandal sorgen.

- "Gogglebox" vom britischen Channel 4 dreht das Prinzip Fernsehen um – und guckt Menschen beim fernsehen zu. Im Mittelpunkt stehen die Situationen, in denen Briten sich ums allabendliche moderne Lagerfeuer versammeln. Die Doku-Serie ist mit einer einzigen Kamera und minimalem Aufwand produziert und stillt doch den Voyeurismus, indem sie in die Wohnzimmer eindringt.

- "Benefits Street" lief ebenso bereits auf Channel 4 und ist auch eine Doku-Serie. Sie wirft ein Schlaglicht auf die extrem von staatlichen Zuwendungen (benefits) abhängigen Bewohner der James Turner Street in Birmingham. Pohl kann sich eine deutsche Adaption sehr gut vorstellen.

- "Teens" von itv Studios wirft ebenso ein Schlaglicht auf Soziales: Im Mittelpunkt stehen Jugendliche, die sich konsequent in ihrem Mediennutzungsverhalten begleiten lassen. Die Doku zeigt deshalb vielfach Handyvideo-Sequenzen voller privater Momente aus einem ganzen Jahr Leben von Teenagern. Protagonisten sind zwölf Sechzehnjährige – beim Knutschen, Heulen und Erbrechen.

- "Utopia" vom niederländischen SBS 6 ist eine Art Fortführung von "Big Brother". Eine Gruppe von Menschen muss eine neue Gesellschaft bilden – und hat fast Nichts. An der Reality-Show können sich die Zuschauer online beteiligen. ProSiebenSat.1 hat sich die Rechte gesichert, das Format wird auf Sat.1 zu sehen sein (kress.de berichtete).

- "Grandpas over Flowers" ist eine bunte Show von tvN Korea. Eine Gruppe Rentner wird auf eine Europatour geschickt – ohne Sprachkenntnisse und kulturelle Erfahrung, "es ist eine Rucksackreise, kein lustiger Trip" verkündet der Trailer.

- "Sexy Beasts" von BBC Three stellt das Konzept der Dating-Show auf den Kopf, denn die inneren Werte sollen zählen. Hübsche Kandidaten werden mit einer Maske in kleine Monster verwandelt und müssen ihre Gegenüber innerhalb von wenigen Minuten kennenlernen. Es zählen nur Worte, Gestik, Stimme.

Trend aus Norwegen: Slow TV

Einen ganz ungewöhnlichen Trend aus Norwegen präsentierte Thomas Hellum, Projektmanager und Executive Producer des Senders NRK: Slow TV. Mit zahlreichen ultralangen Produktionen sorgte der kleine Kanal NRK 2 für Furore. Eine siebenstündige Sendung zeigte etwa die komplett Fahrt der Bahn von Oslo nach Bergen in verschiedenen Perspektiven, über Twitter verbreitete sich das Hashtag #Bergensbanen. Mit dem Postschiff übertrug ein Team fünfeinhalb Tage Schifffahrt – und sorgte für ein nationales Ereignis. Acht Stunden Lagerfeuer-Nacht und neun Stunden stricken folgten – und NRK 2 wird wohl weiterhin ganz entschleunigte Fernsehideen entwickeln.

Autor: Jens Twiehaus

 

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