"Mir fehlt die 'FTD'": Ziesemer vermisst "Wettrennen um exklusive News"

04.06.2014
 

"Nur wenige Medien verfügen über genug Leute, genügend Zeit und genügend Ressourcen für harte Unternehmensrecherchen. Das war schon einmal besser", findet Bernd Ziesemer. Vielen Exklusivnachrichten aus der Welt der Konzerne sehe man an, dass sie das Ergebnis eines Deals zwischen dem jeweiligen Journalisten und dem Pressemann seien. 

"Nur wenige Medien verfügen über genug Leute, genügend Zeit und genügend Ressourcen für harte Unternehmensrecherchen. Das war schon einmal besser", findet Bernd Ziesemer. Vielen Exklusivnachrichten aus der Welt der Konzerne sehe man an, dass sie das Ergebnis eines Deals zwischen dem jeweiligen Journalisten und dem Pressemann seien. "Deshalb tun sie den Unternehmen auch nicht wirklich weh", schreibt Ziesemer in einem Blogeintrag.

Ziesemer ist seit über 30 Jahren Journalist, lernte sein Handwerk bei Wolf Schneider an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Er war Korrespondent für "Handelsblatt" und "WirtschaftsWoche", danach fast 9 Jahre lang Chefredakteur des "Handelsblatts". Bis zum Frühjahr 2014 wirkte er drei Jahre lang als Geschäftsführer von Hoffmann und Campe Corporate Publishing.

"News is something that somebody does not want printed", zitiert Ziesemer. Doch solche "echten" News finde er derzeit nur wenige. Zwischen 2003 und 2008 sei das anders gewesen. Ziesemer erinnert daran, dass sich damals nicht nur das "Handelsblatt" und die "Financial Times Deutschland" ein Wettrennen um exklusive News aus den Unternehmen lieferten, auch das "Wall Street Journal Europe" und die britische Mutter der "FTD" hätten kräftig mitgemischt. "Angespornt durch diesen Wettbewerb schalteten sich auch andere überregionale Zeitungen und Zeitschriften verstärkt in die Jagd nach Unternehmensnachrichten ein, zum Beispiel die 'Welt' und der 'Spiegel'", weiß Ziesemer. Natürlich sei es damals auch zu einigen Übertreibungen gekommen, und zu viele Falschmeldungen seien in die Zeitungen geraten. Trotzdem: "Die Medien insgesamt waren damals in der Unternehmensberichterstattung besser als heute."

Natürlich gebe es immer noch und immer wieder Gegenbeispiele - Ziesemer verweist auf die "Handelsblatt"-Enthüllungen über die Ergo-Versicherung oder die "Welt"-Geschichte über die "unglaublichen Machenschaften" bei ThyssenKrupp. Aber unterm Strich sei schon einmal mehr Druck auf dem Kessel gewesen - was Ziesemer nicht verwundert, denn: Konkurrenz belebe auch das Journalismus-Geschäft. "Das ist einer der Gründe, warum ich die 'FTD' heute vermisse, auch wenn ich sie Jahre lang beim 'Handelsblatt' mit allen fairen Mitteln bekämpft habe."

Ziesemer Schluss-Fazit lautet: "Wir machen uns zu viele Gedanken über die mehrkanalmäßige Aufbereitung von vorhandenen Unternehmensnachrichten - und zu wenige Gedanken über die Entdeckung neuer."

Bernd Ziesemer schreibt derzeit als freier Autor für das "Handelsblatt" und andere. In der neuesten "WiWo" ist zum Beispiel ein größeres Stück von ihm zu China. In der nächsten Ausgabe von Axel Springers "Bilanz" wird ebenfalls ein Artikel von Ziesemer erschienen. 

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