Steingarts Replik auf Döpfners Google-Bekenntnis: "Nicht Angst, sondern Angriff ist das Gebot der Stunde"

23.06.2014
 

"Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart hat sich in die Debatte um das Digitalzeitalter und zur Rolle von Google eingeschaltet. Auf Wunsch des verstorbenen "FAZ"-Herausgebers Frank Schirrmacher verfasste Steingart eine Replik auf das Mathias-Döpfner-Bekenntnis ("Wir haben Angst vor Google"), die am Montag im "FAZ"-Feuilleton erschienen ist.

"Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart hat sich in die Debatte um das Digitalzeitalter und zur Rolle von Google eingeschaltet. Auf Wunsch des verstorbenen "FAZ"-Herausgebers Frank Schirrmacher verfasste Steingart eine Replik auf das Mathias-Döpfner-Bekenntnis ("Wir haben Angst vor Google"), die am Montag im "FAZ"-Feuilleton erschienen ist. Steingart sieht die Dinge weniger fröstelig als der Axel-Springer-Vorstandsvorsitzende.

Der Kernabsatz des Artikels lautet: "Ja, Google hat im Königreich des Digitalen ein neofeudales Machtmonopol errichtet; aber nein, nicht anonyme Helfer, sondern wir selbst halfen, es gegen uns zu errichten. Wir sind dümmer als die Mäuse, denn wir haben den Speck, mit dem man uns fängt, selbst in die Falle gelegt." Von den vielen Millionen deutschen Dokumenten, die das Google-Archiv auf seinen Servern bereithalte, stamme kein einziger Text von einem Google-Mitarbeiter, sondern alles, was da an Artikeln begeistere, polarisiere, langweile oder einfach nur informiere, sei von den Autoren deutscher Verlage in deutscher Sprache erstellt und - "Vorsicht: jetzt kommt die Täterbiographie des späteren Opfers zum Vorschein" - den Google-Suchmaschinen freiwillig und kostenlos überreicht worden, so Steingart. Jedwede Angstbeichte müsse daher als Selbstbezichtigung gelesen werden. 

Steingarts Folgerung lautet also: "Nicht Angst, sondern Angriff - und zwar zunächst auf die eigenen Irrtümer - ist das Gebot der Stunde." Die Gegenwehr beginne am besten damit, dass man aufhöre, die Texte der Journalisten kostenfrei an Google auszuliefern. Dieser Jahrhundertfehler der Verleger müsse korrigiert werden. "Wobei nicht die Texte selbst aus der Suchmaschine verschwinden sollten, denn wir wollen ja weiter gefunden und gelesen werden; lediglich ihrem Gratischarakter muss ein Ende gesetzt werden",  fordert Steingart. "Das würde dann so aussehen: Die Suchmaschine liefert weiterhin den Hinweis auf den Artikel, der Vorspann bietet wie gehabt die Produktbeschreibung, aber der eigentliche Inhalt wird das, was er immer war: kostenpflichtig. Gutes Geld für gute Arbeit."

Steingart weiter: "Wir sollten uns nicht länger einreden lassen, dass Sprache und Information im Internetzeitalter Wert und Preis verloren hätten. Die benachbarten Gewerbe, die Filmemacher, Buchautoren und Musiker, belehren uns täglich eines anderen. Steven SpielbergJoanne K. Rowling und Mick Jagger würden niemals auf die Idee kommen, ihre Arbeiten kostenfrei ins Netz zu stellen, weil sie um das Selbstzerstörerische des Vorgangs wissen. Ein einziger Sommer der Gratis-Filmkultur würde den Hollywood-Studios erst einen Zuschauerrekord und anschließend die Pleite bescheren."

Die Zeit zum Losschlagen sei gekommen. Die Politik vibriere, der Europäische Gerichtshof sei willig, die Verlage hätten die Phase ihrer Verwirrung überwunden. Steingart zitiert den französischen Humanisten Étienne de La Boëtie: "Seid entschlossen, keine Knechte mehr zu sein, und ihr seid frei."

Gabor Steingart ist seit Januar 2013 auch Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt.

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